ZEITREISE: Wie die CDU schon mal einen Kanzler stürzte. Mit Dominik Geppert
RONZHEIMER.
October 10, 2026
Ludwig Erhard ist der Vater des Wirtschaftswunders, einer der populärsten Politiker seiner Zeit – und gewinnt 1965 für die Union fast die absolute Mehrheit. Nur ein Jahr später ist seine Kanzlerschaft vorbei. Wie konnte ein derart erfolgreicher Kanzler so schnell seine Macht verlieren?
Speakers Filipp Piatov, Dominik Geppert
TopicsPoliticsNewsDaily News
Filipp Piatov (0:00)
Herzlich willkommen bei Zeitreise, dem History-Format im Ronzheimer Podcast. Mein Name ist Philipp Piertow, ich bin Journalist und Kollege von Paul Ronzheimer. Und bei Zeitreise spreche ich mit Experten, vor allem Historikern über Ereignisse, die bis heute politisch hochrelevant sind. Aktuell wird ja immer wieder über einen möglichen Kanzlertausch diskutiert, also die Möglichkeit, dass Friedrich Merz im Amt des Bundeskanzlers ausgetauscht wird durch einen anderen Politiker aus der CDU oder CSU, weil die Union ihm nicht mehr zutraut, das Land erfolgreich zu regieren. Deshalb möchte ich mir heute einen Präzedenzfall in der Geschichte der Bundesrepublik anschauen, denn schon einmal wurde ein Kanzler ausgetauscht, aus den Reihen der Union und zwar war das der mittlerweile legendäre Ludwig Erhard. Er wurde 1966 aus dem Amt gedrängt und von Kurt Geord Kiesinger ersetzt.
Wie der erste Kanzlertausch in der BRD abgelaufen ist, welche Lehren möglicherweise für heute daraus zu ziehen sind, darüber spreche ich heute mit dem Historiker Professor Dominik Geppert von der Universität Potsdam. Schön, dass Sie wieder hier sind.
Dominik Geppert (1:21)
Herzlichen Dank für die Einladung.
Filipp Piatov (1:23)
Ich glaube, bei so einer Folge muss man erst mal sagen, wir wollen uns über einen historischen Fall unterhalten. Es geht nicht darum, etwas gleichzusetzen. Es geht nicht darum, über die Gegenwart zu spekulieren, sondern es geht darum, sich anzuschauen, was damals passiert ist. Und natürlich kann es historische Parallelen geben, aber auch große Unterschiede.
Lassen Sie uns einmal in das Jahr 1963 schauen. Das war ja das Jahr, in dem Ludwig Erhard Bundeskanzler wurde. Deutschland hatte 14 Jahre lang denselben Kanzler, Konrad Adenauer. Es ging wirtschaftlich eigentlich die ganze Zeit massiv bergauf. Das Land war geteilt, die Teilung schritt immer weiter voran. Der Kalte Krieg ist da.
Können Sie einmal sagen, was damals in der BRD politisch und gesellschaftlich los war? Was waren so die großen Themen in diesem Jahr als Ludwig Erhard Kanzler wurde?
Dominik Geppert (2:17)
Ja, man kann vielleicht erstmal sagen, dass in diesen 14 Jahren der Kanzlerschaft von Konrad Adenauer die wichtigen, wegweisenden Entscheidungen getroffen und auch durchgesetzt worden waren in der Bundesrepublik, also Stichwort Westbindung, Stichwort europäische Einigung, Stichwort soziale Marktwirtschaft. Die Ära Adenauer ist ja auch eine Ära Erhard, der als Wirtschaftsminister für diese Etablierung der sozialen Marktwirtschaft statt der Planwirtschaft, wie sie die SPD unter Kurt Schumacher zunächst noch vertreten hatte, ganz maßgeblich beteiligt gewesen ist an diesem Erfolg der Ära Adenauer. Und zugleich konnte man dann seit den späten 50er Jahren stärker in den frühen 60er Jahren den Eindruck haben, dass eine Ära auch zu Ende geht. Ich meine, der Kanzler war alt, im Jahr 63, 87 Jahre alt.
Die Wirtschaft boomte, es gab Vollbeschäftigung.
Und zugleich traten sozusagen die Defizite, die Schwierigkeiten stärker hervor. Die deutsche Einheit, die Wiedervereinigung mit der DDR schien nicht in greifbare Nähe, sondern in immer weitere Ferne zu rücken. Das Gefühl, dass die Gesellschaft andere Prioritäten setzte, im Jahr 63 als im Jahr 49, die Wiederaufbaugesellschaft, die Trümmergesellschaft, wurde doch Stück und Stück zu einer wohlhabenderen, stärker an Konsum orientierten, auch pluralistischeren, westlich grundierten Gesellschaft. Und vor diesem Hintergrund wuchs im Grunde das Gefühl, es ist Zeit, dass die Ära Adenauer endet. Und insofern war der Rücktritt Adenauers 63 etwas, was der Großteil der Deutschen, auch der Christdemokraten, mittlerweile als eine gewisse Erleichterung und einen Aufbruch in eine neue Zeit verstanden hat.
Filipp Piatov (4:20)
Als Ludwig Erhard Bundeskanzler wurde, das Jahr 1963, wer waren dann noch die wichtigen Personen in der CDU, CSU? Also wer waren die Wüsts und Söders und Rheins von damals, die damals eben das Sagen hatten?
Dominik Geppert (4:37)
Also es gab zunächst einmal vor allen Dingen den Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, der der Star der der CDU war.
Daneben gab es den Fraktionschef der der CDU-CSU-Fraktion im im Bundestag, Heinrich von Brentano. Er war aber schon krank und schied dann auch Ende 63 krankheitsbedingt aus. Es gab einflussreiche Ministerpräsidenten, wie Kurt Georg Kiesinger in Baden-Württemberg, der zunächst im Bundestag lange Außenpolitischer Sprecher gewesen war und seit 1958 das große Land Baden-Württemberg regierte. Es gab den engen Adenauer Vertrauten Heinrich Krone, früher selbst mal Fraktionschef, so was wie die graue Eminenz im Hintergrund, der immer noch ein wichtiger Strippenzieher war mittlerweile als Bundesminister ohne gesonderten Geschäftsbereich. Das war insbesondere die Zuständigkeit dann für den Bundesverteidigungsrat. Und dann gab es den jungen, aufstrebenden, neuen Fraktionschef Rainer Barzl, der sozusagen die Zukunft der CDU in gewisser Weise verkörpert, jedenfalls selber den Eindruck hatte, dass er die Zukunft der CDU sein würde.
Filipp Piatov (5:53)
Wen gab es in der CSU?
Dominik Geppert (5:55)
In der CSU gab es vor allen Dingen den CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß, kurz zuvor als Verteidigungsminister zurückgetreten, gestürzt in der Spiegel-Affäre. Aber weiterhin sozusagen der starke Mann der CSU in Bonn, im Bundestag, der ja in den Jahren nach 62 dann an seinem politischen Comeback, wenn man so will, arbeitete in der ersten Reihe.
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