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ZEITREISE: Angriff auf Amerika: Die unbequeme Geschichte über 9/11. Mit Wolfgang Ischinger

RONZHEIMER.

September 12, 2026

Der 11. September 2001 verändert die Welt. Al-Qaida-Terroristen entführen vier Passagierflugzeuge und greifen das World Trade Center in New York und das Pentagon bei Washington an. Fast 3.000 Menschen sterben.

Speakers Philipp Piotrow, Wolfgang Ischinger

TopicsPoliticsNewsDaily News

SPEAKER_1 (0:00)

Die devastierende Terroristik hier in den USA. Es war nur eine große Explosion, die wir gesehen haben. Und dann sahen wir das Smok rauskommen und alle fuhren raus. Und wir sahen das Flugzeug auf der anderen Seite des Gebäudes und es war Smok überall. Die Leute springen aus den Fenster.

Philipp Piotrow (0:46)

Ich weiß es nicht. Das ist die Format im Ronzheimer Podcast. Mein Name ist Philipp Piotrow. Ich bin Journalist und Kollege von Paul Ronzheimer. Und bei Zeitreise spreche ich mit Experten über Ereignisse und Themen, die bis heute größte politische Relevanz haben.

Der 11 September 2001 liegt jetzt 25 Jahre zurück und sehr viele Menschen dürften bis heute ganz genau wissen, was sie an diesem Tag gemacht haben, wo sie waren, was sie getan haben, als sie die Bilder dieser brennenden Türme zum ersten Mal sahen. An diesem Tag entführten islamistische Al-Qaida-Terroristen vier Flugzeuge und steuerten sie in das World Trade Center in New York, in das Pentagon bei Washington DC und ein Flugzeug wurde zum Absturz gebracht. Die Islamisten ermordeten fast 3 Menschen und verletzten 6 weitere.

Und 9-11 gilt bis heute als der schwerste Terroranschlag der Geschichte und auch der politisch folgenreichste. Die Kriege in Afghanistan und im Irak, der Arabische Frühling, Konflikte zwischen der islamischen und der westlichen Welt, all das wäre ohne den 11 September wohl ganz ganz anders gekommen. Darüber möchte ich heute mit jemandem sprechen, der wie kein zweiter Deutscher wirklich im Zentrum des Orkans war. Bei mir zu Gast ist der renommierteste deutsche Experte für Außen- und Geopolitik, ein langjähriger Diplomat und auch Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Ich hatte am 11 September 2001 meinen ersten Tag im Gymnasium in einer deutschen Kleinstadt und er hatte seinen ersten Tag als Botschafter in Washington, DC., Wolfgang Ischinger. Herzlich willkommen. Schön, dass Sie da sind.

Wolfgang Ischinger (2:18)

Vielen Dank.

Philipp Piotrow (2:18)

Lassen Sie uns aber gerne etwas vor dem 11 September anfangen. Als Sie in die USA kamen, da war George W. Bush gerade seit einigen Monaten US-Präsident. Da regierte in Deutschland Gerhard Schröder mit einer rot-grünen Koalition. Da war Vladimir Putin noch relativ frisch im Amt. Das war also eine ganz andere Welt.

Können Sie uns dahin zurücknehmen, was waren die Themen, die gerade zwischen Deutschland und den USA auf dem Tisch lagen? Womit hat man sich beschäftigt?

Wolfgang Ischinger (2:49)

Sie haben völlig zurecht gesagt, der 11 September war mein erster richtiger Arbeitstag in Washington. Ich war aber im Juli, also vor den Sommerferien, schon mal kurz dagewesen, um das zu tun, was man als künftiger Botschafter machen muss. Man muss nämlich sein sogenanntes Beglaubigungsschreiben dem Staatsoberhaupt übergeben. Ich war also im Juli im Weißen Haus, um bei George W. Bush diesen Formalakt zu vollziehen.

Und ich habe natürlich dann versucht, diesen Formalakt dadurch ein bisschen auszuweiten, dass ich versucht habe, in ein Gespräch zu ziehen, wie man das so macht.

Und damals, Sommer 2001, stand tatsächlich auch in den Medien der erste Kontakt zwischen dem ja noch relativ neuen amerikanischen Präsidenten und dem schon einige Zeit im Amt befindlichen russischen Präsidenten Putin im Raum. Die wollten sich, wenn ich es recht in Erinnerung habe, auch im September dann irgendwann mal zum ersten Mal begegnen. Ich habe also ein bisschen naseweiß gesagt, Herr Präsident, was erwarten Sie sich eigentlich von Ihrem ersten Gespräch mit Putin? Und George W. Bush war in seiner ganzen Art natürlich nicht einer, der gerne grundsätzliche politische, philosophische Ausführungen machte. Der guckte mich ein bisschen erstaunt an. Ich glaube, er hielt mich für ein bisschen vorlaut und sagte, wissen Sie was, Herr Botschafter, wenn Sie darüber mehr wissen wollen, dann verarbeiten Sie sich doch einfach zum Mittagessen mit Condi. Condi war Condoleezza Rice, die stand daneben, die war damals seine Sicherheitsberaterin. Also verarbeiten Sie sich doch mit Condi. Die weiß über Russland alles und die kann Ihnen da alle Fragen beantworten. Damit war ich also abgefertigt. Und als ich versuchte, noch andere inhaltliche Fragen zu stellen, zu diesem oder jenem, kam ich da auch nicht schrecklich viel weiter. In diesem Sommer 2001 herrschte in Amerika das Gefühl, wir sind unangefochten, die Nummer eins.

Also die Neokons, diese damalige Bewegung, die hat sozusagen den Sieg verkündet. Es gab diesen Satz, das ist das Ende der Geschichte. Ab jetzt passiert nichts Furchtbares mehr.

Wir sind die unangefochtenen Nummer eins. Diese sozusagen vom lieben Gott gesegnete Nation mit besonderen Aufgaben ausgestattete amerikanische Nation. Also das Gefühl der unangefochtenen Stärke beherrschte die Szene. Auch in den Wochen und Monaten, in denen ich mich vorbereiten konnte auf diesen künftigen Job in Washington, war das, was ich von amerikanischen Gesprächspartnern, egal ob das Leute aus dem Pentagon waren oder Leute aus den sogenannten Thinktanks, als ich von denen zu hören bekam, die sagten, Wolfgang, we decide what's gonna happen. Wir entscheiden, was passiert. Und die, wenn ich das vielleicht noch hinzufügen darf, diese Frage, die sich wie ein roter Faden, wir werden sicherlich gleich auch nochmal darauf zurückkommen, durch die damalige Gedankenwelt dieser Neokonstruktion war, wir sind jetzt zu stark, dass wir möglicherweise die politische Landschaft im Nahen Osten von Grund auf verändern können, wenn es uns gelingt, in der Nachbarschaft von Israel Regierungen zu etablieren, die Israel nicht das Existenzrecht bestreiten, sondern die ein normales Partnerschaftliches Verhältnis anstreben. Dann können wir aus dem Nahen und Mittleren Osten, Helmut Kohl hätte gesagt, blühende Landschaften machen. Und dann ist diese fatale Auseinandersetzung über das Existenzrecht Israels, der Kampf zwischen den Palästinensern und auch die beginnende iranische Feindseligkeit, dann ist das passé. Also dieser Traum, dass man den Nahen und Mittleren Osten grundsätzlich verändern kann, das war damals in Washington viel wichtiger, als die ja noch gar nicht im Kern erkennbare künftige Auseinandersetzung mit dem Russland Putins. Putin hat sich damals im Jahr 2000, 2001, denken Sie mal an seine Rede hier in Berlin, ganz brav und nett verhalten. Kein Mensch hatte damals die Befürchtung von ganz wenigen klugen Leuten abgesehen, dass das mal zu einer Konfrontation kommen könnte. Also so war die Lage im Sommer 2001

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