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Was zu viele Deutsche nicht hören wollen. Mit Sascha Chaimowicz

RONZHEIMER.

September 26, 2026

Paul Ronzheimer spricht mit Sascha Chaimowicz, Chefredakteur des ZEITmagazins, über seinen Alltag als Jude in Berlin-Kreuzberg. Seit dem 7.

Speakers Sascha Chaimowicz, Paul Ronzheimer

TopicsPoliticsNewsDaily News

Sascha Chaimowicz (0:00)

Und dann hat sich meine Frau an eine familiäre Beratungsstelle gewandt der Stadt und hat in diesem Beratungsspräch zu meiner Überraschung schon sehr deutlich den Rat bekommen, an eurer Stelle würde ich das Kind nicht in einer Kreuzberger öffentlichen Schule einschulen, weil es eben Fälle von Mobbing gegenüber israelischen und jüdischen Kindern gab und gibt. Und deshalb der Rat, vielleicht sich eher Richtung Charlottenburg zu orientieren.

Paul Ronzheimer (0:32)

Aber den hat man ja aufgegeben, oder? Also wenn dann staatliche Beratungsstellen sagen, meldet euer Kind besser nicht an der Schule an, weil es jüdisch ist und weil es dann gefährlich wird.

Sascha Chaimowicz (0:42)

Ich glaube in dem Moment, wo dieser Rat ausgesprochen wurde, war es wirklich einfach ein mitmenschliches, mitmenschlicher Rat. Ich glaube nicht, dass es das ist, was sie ein paar E-Mails schreiben würden, sondern da war eine Mitarbeiterin, die einfach ein Herz hatte und gesagt hat, ich sehe, was eure Frage ist. Ich beantworte sie euch jetzt mal ehrlich und riet eben dazu, geht lieber auf eine christliche private Schule oder eben auf eine Charlottenburger.

Paul Ronzheimer (1:06)

Nach dem Wahlsieg der Linken gab es viele Debatten um Unterstützung von Clans, um Antisemitismus bei den Linken. Und natürlich wurden eine Menge Texte geschrieben. Ein Text, der hat mich besonders berührt und trägt den Titel, Liebe Nachbarn, was habt ihr da bitte gewählt? Das ist der Titel.

Und geschrieben hat ihn Sascha Chaimowicz. Er ist Chefredakteur des ZEITmagazins. Sascha kommt aus einer jüdischen Familie und lebt in Berlin-Kreuzberg. In diesem Wahlkreis hat die Linke 42 Prozent der Stimmen geholt. Und er hat diesen Wahlsieg zum Anlass genommen, um zu beschreiben, wie es ist, als Jude in Berlin zu leben. Deshalb wollte ich hier unbedingt mit ihm sprechen, darüber, wie es ist, in so einem Stadtteil zu leben, wie man damit umgeht, was das bedeutet und warum Israel so ein riesiges Thema in diesem Milieu ist. Sascha, ich freue mich, dass du da bist.

Sascha Chaimowicz (1:55)

Danke dir, Paul, für die Einladung, schön hier zu sein.

Paul Ronzheimer (1:58)

Sascha, du wohnst seit fast zehn Jahren, glaube ich, in Berlin-Kreuzberg. Wo warst du vorher in Deutschland?

Sascha Chaimowicz (2:06)

Ich bin eigentlich Münchner und glaube auch, dass mich das stark geprägt hat und wohne seit zehn Jahren in Kreuzberg. Und muss man sagen, es ist ein Stadtteil, der sich insbesondere seit dem 7 Oktober stark verändert hat. Das ganze Lebensgefühl ist ein anderes.

Paul Ronzheimer (2:22)

Wie war das, als du dahin gezogen bist? Wie war es in München? Gab es da irgendwelche Stimmungen, die du auch so wahrgenommen hast wie heute? Oder sind das zwei unterschiedliche Städte?

Sascha Chaimowicz (2:33)

Ich glaube, man muss sagen, ich bin von Haus aus, glaube ich, eher jetzt nicht besonders sensibel für das, was man in der Bewegung der Wokenisse letzten Jahre, so Mikro-Aggressionen und Mikrothemen.

Dafür bin ich nicht besonders sensibel. Also ich bin ja ein schwarzer Mensch auch und fand auch beim Alltagsrassismus hatte ich jetzt nicht so sonderlich empfindliche Gefühle. Und auch beim Antisemitismus in München, ich hab natürlich gab es Themen und Vorfälle, aber die haben sich nie summiert zu einem Gefühl, das mich geprägt hat im Leben. Und ähnliches galt auch für Berlin und für Kreuzberg. Es war im Alltag ein relativ wenig präsentes Thema. Bist du jüdisch, schwarz? Ich hatte eigentlich ein sehr entspanntes, freies Lebensgefühl hier.

Paul Ronzheimer (3:16)

Und du sagst, das hat sich dann schlagartig verändert durch den 7 Oktober. Was genau und wann hast du es gemerkt, dass sich jetzt hier gerade alles dreht?

Sascha Chaimowicz (3:24)

Naja, es gab die erste Phase, in der ich den Eindruck hatte, dafür was passiert war. Am 7 Oktober war so eine seltsame Stille in den Straßen. Man konnte es interpretieren als Zurückhaltung oder vielleicht sogar Kälte, die man erleben konnte. Relativ wenige Menschen, die sich irgendwie geäußert haben dazu. Und dann sukzessive über die Monate und in der Phase als Israel dann begann, zurückzuschlagen in Gaza.

Das war die Phase, wo du plötzlich begonnen hast, wenn ich auf meinem Balkon stehe und nach links schaue, siehst du dann die Fuck-Israel-Wand. Oder im Café, in das ich morgens immer reingegangen bin, stand dann groß in Lettern, Israel ist gleich Völkermord. Und das intensivierte sich. Das waren so Kleinigkeiten im Alltag, die man so sehen kann, die ich auch erst mal nicht so erheblich finde. Kann man ja äußern, wenn man unbedingt möchte. Aber es wurde dann immer mehr.

Du gehst dann irgendwie in den Schwimm-Kraul-Unterricht und plötzlich bekommst du in so einer Art Stream-of-Consciousness-Rede, von der Schwimmlehrerin völlig ungefragt erklärt, warum Israel furchtbar ist und warum man da eigentlich gar nicht sein kann. Und du hörst dann von Menschen, die ich kenne, die Geschäft in Kreuzberg haben, dass Mitarbeiter offensichtlich antisemitische Aufklebe auf Mitarbeiterklos kleben und solche Dinge. Und ich hatte den Einungswort immer intensiver und ja, man kann schon sagen fast obsessiv. Und gleichzeitig hatte ich schon immer das Gefühl, es ist auch meine Art, die Dinge so ein bisschen runterzudimmen und zu sagen, naja, es ist ja auch erstmal völlig legitim, dass Menschen angesichts dessen, was in Gaza passiert, reagieren und das vielleicht auch ausdrücken wollen. Aber die Intensität im Viertel, die hat schon gemacht, dass ich das Gefühl hatte als Mensch, der ja auch Familie in Israel hat, hier ist schon eine mindestens feindliche Atmosphäre gegenüber Israel. Ein Land, das vor dem 7 Oktober ja den Menschen, zumindest habe ich es so wahrgenommen, schon auch nahe war, mir sowieso biografisch sehr nahe ist.

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