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Was sich niemand mehr zu sagen traut. Mit Maxim Biller artwork

Was sich niemand mehr zu sagen traut. Mit Maxim Biller

RONZHEIMER.

October 3, 2026

Paul Ronzheimer spricht mit dem Schriftsteller Maxim Biller über seinen neuen Roman „Schwarze Samstage“, seine jüdische Familiengeschichte und die Frage, warum Antisemitismus für ihn bis heute ein wiederkehrender Teil deutscher Geschichte ist. Biller erzählt von seinen Erfahrungen seit dem 7.

Speakers Maxim Biller, Paul Ronzheimer

TopicsPoliticsNewsDaily News

Maxim Biller (0:00)

Antisemitismus und Kommunismus, Linksein, was auch immer, sind einfach sermesische Zwillinge, die bei der Geburt nicht getrennt wurden. Das ist da eingebaut.

Paul Ronzheimer (0:13)

Ich freue mich heute auf ein sehr besonderes Gespräch, denn mein Gast ist der Schriftsteller Maxim Biller. Er wurde 1960 in Moskau geboren, wanderte mit seinen Eltern zunächst nach Prag aus und später nach Hamburg und lebt heute in Berlin. Er gehört, das kann man ganz klar so sagen, zu den wichtigsten deutschen Schriftstellern unserer Zeit. Seine Bücher erscheinen im Kippenheuer und Witsch Verlag und er ist dem Kolumnist der Zeit. Jetzt könnte man sich ein bisschen fragen, warum lade ich als politischer Journalist jemanden ein, der einen Roman geschrieben hat, aber Maxim Biller, der ist auch sehr politisch. Er hatte nach dem Beginn des Ukraine Krieges gesagt, dass er keinen neuen Roman mehr schreiben werde. Nun hat er doch einen Roman veröffentlicht, der viele Menschen, da bin ich ganz sicher, ich hab ihn mir angehört mit der Stimme von Christian Bärkel, sehr begeistert interessieren, manchmal sicherlich auch ärgern dürfte, wie es bei Maxim Biller nun mal so ist. Der Titel ist Schwarze Samstage, Roman eines Jahres. Es ist ein hochpolitisches Buch, das ich, wie gesagt, gehört habe, aber das man eben auch lesen kann. Es ist ein Roman über Deutschland und Israel, über Journalismus und Antisemitismus, über Rechte und Linke. Und ich freue mich sehr, dass Maxim sich entschieden hat, hier in meinem Podcast das erste große Interview dazu zu geben. Hallo Maxim.

Maxim Biller (1:34)

Und ich freue mich sehr wirklich, mit dir zu sprechen, nicht über die Einladung oder Thank you for having me, ich freue mich, mit dir zu reden.

Paul Ronzheimer (1:40)

Ich freue mich auch, Maxim.

Das, was ich gerade gesagt habe, nach dem Ukraine-Krieg, als du gesagt hast, Zitat, das war eine Unterzeile deiner Zeit, die Überschrift war alles umsonst. Und warum ich kein Schriftsteller mehr sein will. Wie war das damals? Warum hast du das geschrieben?

Maxim Biller (2:01)

Ich hab's gedacht, ich hab's gefühlt. Ich wusste natürlich, dass Schriftsteller manchmal solche Sachen behaupten.

Dann ändert sich wieder alles. Und das war mir aber egal. Ich hab ja keinen Vertrag unterschrieben mit einer Bank. Ich hab einfach nur das ausdrücken wollen, was ich wollte. Und was passiert war, 1968, ich bin acht Jahre alt, ich erzähl's nicht so lange, stehen eines Tages russische Panzer in dem Park, in dem ich normalerweise Murmeln spiele.

Und danach ändert sich alles. Ich hab davor gemerkt, die Aufbruchstimmung in der damaligen Schusslerakei, das langsame Abschütteln des kommunistischen Systems, durch die lustigerweise oft noch ehemaligen Kommunisten, ohne das wäre übrigens Gorbatschow nie möglich gewesen. Und ich hatte einfach Déjà-vu. Ich hatte PTSD. Ich weiß nicht, wie man es sehen soll. Das war krass. Für mich war wieder alles zurückgekommen. Ich dachte, meine Eltern mit 40, ohne Deutsch zu können, haben das alles auf sich genommen. Sie sind ausgerechnet auch vor den Truppen dieses Landes geflohen. In den glücklichen freien Westen. Da geht es wieder los.

Und das, worüber ich schreibe, geschrieben habe, sehr, sehr oft, vielmehr, das ist ein bisschen so eine Fehleinschätzung meiner Arbeit, vielmehr eigentlich über die Spuren, die der Stalinismus hinterlassen hat in Familiengeschichten, als der Holocaust. Das war auf einmal wieder alles da und alles umsonst. Und das hat einfach nur wehgetan, furchtbar wehgetan. Und ich hab's halt geschrieben, weil ich's geschrieben habe. Und die haben's gedruckt. So. Und jetzt muss ich natürlich immer wieder dazu was sagen, hab aber kein Promellien damit, weil ich, wie gesagt, ich hab kein Wahlversprechen abgegeben. Ich hab keine Bank betrogen.

Paul Ronzheimer (3:59)

Die Panzer in dem Park, wo du Murmeln gespielt hast, hast du die dann dort gesehen?

Maxim Biller (4:05)

Natürlich. Wir hatten, ich meine, diese russischen Soldaten, die waren ja genauso ahnungslos damals, wie sie es oft auch in der Ukraine waren. Wir hatten als Kinder, kannst du dich erinnern an diese, wie nennt man das, diese Metamasse, die man rauszieht, diese Metalldinger, ich weiß nicht wie die heißen, die zieht man so raus aus so einer Box.

Paul Ronzheimer (4:23)

Die griechischen Soldaten.

Maxim Biller (4:24)

Wir waren achtjährige, zehnjährige Jungs und wir sind damit rumgelaufen, haben das rausgezogen, damit es wie eine Antenne aussieht, so sind wir rumgelaufen und die haben uns gejagt. Die haben gedacht, wir sind irgendwie tschechoslowakische Agenten.

Also daran kann ich mich sehr, sehr gut erinnern.

Paul Ronzheimer (4:41)

Sollte euch was passieren?

Maxim Biller (4:42)

Nein, aber ab und zu hörte man dann doch mal einen Schuss. Wir mussten auch, meine Schwester und ich. Unser Kinderzimmer war ursprünglich, das war eine Seitenstraße direkt am Park in einer schönen Straße. Die ging nach vorne und wir sollten dann erst mal ein paar Monate nach hinten schlafen. Ich glaube im Arbeitszimmer meines Vaters, weil sie immer Angst hatte, weil die immer wieder mal einfach durch die Gegend schossen. Die waren sehr unkontrolliert. Vielleicht kennst du die Bilder von dem Kampf um das Rundfunkgebäude. Die kennt ja eigentlich jeder. Die sind ja wirklich historisch. Wir verwohnten drei Straßenzüge weiter. Da muss ich dann auch, das weiß ich nicht mehr, vorbeigegangen sein. Ich weiß nicht, wo die Fotografien und wo meine Erinnerung sich überschneiden. Und die Emigration bedeutete dann, für immer die Tür zu seiner Heimat zuzumachen.

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