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Warum Frankreich wirklich brennt. Mit René Pfister

RONZHEIMER.

October 10, 2026

Hunderttausende Jugendliche protestieren in Frankreich, Schulen brennen, Barrikaden werden errichtet und die Polizei greift hart durch. Mehr als 6.000 Schüler sollen bereits festgenommen worden sein.

Speakers René Pfister, Paul Ronzheimer

TopicsPoliticsNewsDaily News

René Pfister (0:00)

Das Worst-Case-Szenario wäre, wenn in die Stichwahl nur Le Pen reinkommt. Ich glaube, davon kann man ausgehen, wenn man jetzt auf die Unfragen schaut und dann Mélenchon. Und in dieser Situation sagen hier viele, würden sich viele Wähler der Mitte die Nase zuhalten und für Le Pen wählen und dann wäre sie Präsidentin.

Paul Ronzheimer (0:22)

Zu den Waffenschüler, so singen es gerade Tausende Jugendliche auf den Straßen Frankreichs. Ihre eigene Version der französischen Nationalhymne. Seit Tagen protestieren Hunderttausende Schüler gegen fehlende Lehrer und marode Schulen. Doch die Proteste werden zunehmend gewalttätig. Demonstranten setzen Barrikaden und Schulgebäude in Brandt, greifen Lehrer an und liefern sich heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Auch die steht wegen ihres harten Vorgehens in der Kritik. Ein 15-Jähriger hat durch eine Polizeigranate eine Hand verloren. Und längst geht es um mehr als Bildung. Es ist ein hochpolitischer Kulturkampf um die Seele Frankreichs. Auf den Demonstrationen wehen Palästina-Flaggen, linke Politiker mischen sich ein und das alles wenige Monate vor der französischen Präsidentschaftswahl. Was ist da gerade los? Was steckt hinter der Gewalt? Werden die Proteste politisch instrumentalisiert? Und kann das auch ein Vorgeschmack für uns in Deutschland sein? Darüber will ich heute mit René Pfister sprechen. Er ist Spiegelkorrespondent in Paris und hat zuvor viele Jahre das Hauptstadtbüro des Spiegel geleitet.

René, schön, dass du da bist.

René Pfister (1:28)

Gerne.

Paul Ronzheimer (1:30)

René, diese Bilder aus Frankreich, brennende Barrikaden, es gibt Gymnasien, die blockiert werden, schwere Zusammenstöße.

Kannst du mal erklären, in Deutschland kam dann das an, als die Gewaltbilder groß waren. Aber wie hat das eigentlich angefangen?

René Pfister (1:46)

Na gut, es hat so angefangen, es war eine Berufsschule in einem Vorort von Paris, in Creteuil, wo die Schüler protestiert haben einfach gegen schlechte Ausstattung. Also fehlende Vertretungslehrer und da fehlt die Schulkrankenschwester und die Stühle fehlen und es tropft durchs Dach. Also sozusagen das Übliche, was man ja auch zum Teil aus Deutschland kennt. Und es hat sich wie so ein Lauffeuer über ganz Frankreich verbreitet in rasender Geschwindigkeit. Ja, also das hat angefangen Mitte September und jetzt sind mehrere hundert Gymnasien-Oberschulen davon betroffen. Und wie du ja gesagt hast, hunderttausende sind auf die Straße gegangen. Ja, und es ist eben so eine Mischung.

Ich glaube, wenn man noch vertiefen aus echtem Unmut über die Schulausstattung und aber auch über die Ergebnisse, die die Schule liefern für die Schüler und glaube ich auch tiefergehenden Gründen, also eine Unzufriedenheit einer ganzen Generation mit ihrer politischen Lage, mit der Aussicht, also ich glaube, auch ganz groß mit der Weltlage, wenn man so will.

Paul Ronzheimer (2:48)

Du sagst es, Proteste, Demonstrationen aus Frankreich, Gelbwesten, das kennt man irgendwie. Aber Schülerproteste in der Form, hat es das schon mal gegeben und sind die so groß geworden, weil es jetzt eben auch soziale Medien gibt und alle sich gegenseitig oder miteinander kommunizieren können?

René Pfister (3:06)

Na ja, also sozusagen, es gibt ja schon Leute, die das vergleichen. Mélenchon hat es gemacht, dieser linke Präsidentschaftskandidat, die das vergleichen mit den Studentenprotesten 1968, die eine ganze Generation politisiert hat, wo so Helden wie Daniel Cunbende draus hervorgegangen sind, was wirklich prägend war für eine ganze Generation. Ich weiß nicht, ob es schon so groß ist, aber ich war am Dienstag auf dieser zentralen Kundgebung auf dem Place de la République, wo sich die Schüler getroffen haben. Und da hat man schon gesehen, dass das eine breitere Bewegung ist. Ganz ohne Frage eine linke Bewegung, ja.

Aber das waren sehr, sehr viele Leute auf der Straße. Die Organisatoren haben gesagt, in ganz Frankreich 450.000, in Paris 100.000. Ich kann die Zahlen, die sind schwer zu überprüfen, aber ich war da über Stunden, da habe ich mit den Schülern geredet. Das war schon eine sehr, sehr breite Bewegung, ja. Also die jetzt auch angefangen hat, glaube ich, so Graswurzelmäßig wie die Gelbwesten, die sich Schüler, die sich über das Internet abgesprochen haben, über Snapchat und so weiter. Aber wie alles in Frankreich haben auch die Schüler oder wie alle in Frankreich haben auch die Schüler eine Gewerkschaft. Also es gibt auch einen institutionellen Rückgrat, wenn man so will.

Paul Ronzheimer (4:21)

Die Schüler haben eine Gewerkschaft?

René Pfister (4:23)

Ja, die Schüler haben eine Gewerkschaft.

Und da gibt es auch einen Vorsitzenden, der da sehr sehr präsent ist in den Medien. So, also die sind da auch aufgetreten während dieser, während dieser, die waren dieses Protestzuges. Aber es händ sich jetzt auch sozusagen auch die, so wenn man so will, das ganze etablierte linke Establishment setzt sich jetzt auf diese Bewegung drauf und macht sie größer. Also der französische Gewerkschaftsbund war da da, die französischen Kommunisten waren da präsent. Aber auch la France Insoumise, also die Partei von Mélenchon, der relativ stark ist in diesem französischen Präsidentschaftswahlkampf. Also man sieht, es wird da eine breitere gesellschaftliche Bewegung. Breit nicht in dem Sinne links und rechts, aber schon sehr breit auf der Linken, würde ich sagen.

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