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Putins brutaler Deal mit Berlin. Mit Evan Gershkovich (2/2)

RONZHEIMER.

October 18, 2026

Im zweiten Teil des Interviews spricht Paul Ronzheimer mit dem amerikanischen Wall Street Journal-Reporter Evan Gershkovich über seine dramatische Festnahme durch den FSB, die Angst vor Folter und seinen Alltag in russischen Gefängnissen.

Speakers Evan Gershkovich, Paul Ronzheimer

TopicsPoliticsNewsDaily News

Evan Gershkovich (0:00)

Irgendwann zogen sie mir die Kapuze ab und fragten, für wen ich arbeite. Ich sagte, für das Wall Street Journal. Sie setzten die Kapuze wieder auf und schlugen mir mit den Fäusten gegen den Oberkörper. Dann zogen sie sie wieder ab.

Paul Ronzheimer (0:11)

Sie haben dich verprügelt?

Evan Gershkovich (0:12)

Nicht richtig verprügelt. Sie haben mir hier ein paar Faustschläge verpasst.

Ich glaube, sie wollten mir zeigen, wir haben hier das Sagen. Nimm uns ernst.

Paul Ronzheimer (0:23)

Der erste Teil des Interviews mit Evan Gershkovich war schon so intensiv, aber eins kann ich sagen, Teil 2 wird noch viel intensiver. Jetzt geht es weiter hier mit meinem Gespräch, mit dem Mann, der 500 Tage in russischer Haft war.

Du sitzt also im Restaurant und isst Borst? Oder was gab es?

Evan Gershkovich (0:44)

Das war ein Steakhouse im amerikanischen Stil.

Paul Ronzheimer (0:47)

Ach, ein Steakhouse!

Evan Gershkovich (0:48)

Es hieß Bukowski Grill.

Eine andere Quelle in Yekaterinburg hatte es mir schon lange zuvor empfohlen. Ich war dort einmal zum Mittagessen gewesen. Es war wirklich gut. Ich aß gegrilltes Barbecue-Hähnchen und der Informant hatte einen Burger. Es war so ein nachgemachtes amerikanisches Steakhouse mit Hirschköpfen an den Wänden. Sie wollten wohl Texas imitieren. Obwohl du also mitten in Russland bist, fühlt es sich in dem Moment überhaupt nicht Russisch an.

Paul Ronzheimer (1:14)

Und dann reicht dir dieses Dokument.

Evan Gershkovich (1:19)

Er hatte gesagt, er wolle ein paar Papiere mitbringen, damit wir besser verstehen könnten, worüber wir reden. Damals machte ich mir, im Rückblick natürlich naiv, Sorgen um die Quelle, nicht um mich. Ich wollte nicht, dass er sich selbst in Schwierigkeiten bringt. Ich sagte also, bring höchstens ein paar Notizen mit, wenn dir das hilft, etwas zu erklären.

Und dann gab er mir sofort diese Papiere. Acht zusammengefaltete A4-Blätter.

Ich klappte sie auf und sah, dass darauf Tabellen gezeichnet waren, die wie amtliche Unterlagen aussahen. Damit war das Spiel im Grunde gelaufen. Denn in diesem Moment hatte ich angeblich belastendes Material entgegen genommen. Ich saß da und plötzlich war mir, als würde der ganze Raum schwanken. Ich spürte, dass etwas überhaupt nicht stimmte. Keine Ahnung, ob das Instinkt war.

Aber ich redete mir ein, alles gut. Ich machte Notizen in meinem Notizbuch. Ich saß mit dem Rücken zur Wand und sah ihn an. Er saß mir gegenüber. Das Restaurant war halb leer. Wir hatten uns um 4 Uhr nachmittags getroffen, zwischen Mittag- und Abendessen, noch vor dem großen Abendbetrieb.

Plötzlich hob ich den Kopf, weil ich Schritte hörte, die wie Marschdritte klangen. Ich schaute auf und sah 6 Männer hereinkommen.

Paul Ronzheimer (2:35)

Mit Waffen?

Evan Gershkovich (2:36)

Nein, sie liefen einfach herein. Ich sah nur 6 Männer, die in zwei Reihen gingen. Und dann sagten sie etwas, das ich für einen ziemlich cleveren Trick von Geheimdienstleuten halte. Einer zeigte auf uns und sagte, ich glaube, wir haben diesen Tisch reserviert.

In einem halbleeren Restaurant ist das natürlich eine völlig seltsame Bemerkung. Der Informant und ich standen auf. Du bist in so einem Moment wie erstarrt. Ihr habt diesen Tisch reserviert? Dann drehten sie sich. Sie waren zunächst aus einem anderen Raum gekommen und hatten sich erst dann zu uns gewandt. Und jetzt sah ich, dass sie Sturmhauben trugen. Als sie näher kam, begriff ich, glaube ich, was passierte. Ich versuchte, die Papiere zur Seite zu schieben. Ich dachte, die Quelle ist völlig erledigt. Sie werden ihn festnehmen und mich über ihn verhören. Aber als sie herankamen, brüllten sie mir zu, sie sind vom föderalen Sicherheitsdienst der Russischen Föderation festgenommen. Das ist der FSB, früher der KGB.

Sie zerrten mich zu Boden und ich sah, wie der Informant einen Schritt zurückmachte und gewissermaßen in der Gruppe der Männer verschwand.

Jetzt war ich selbst festgenommen und hatte nur noch Angst um mich. An ihn dachte ich nicht mehr.

Paul Ronzheimer (3:51)

Was hast du in diesem Moment gedacht?

Evan Gershkovich (3:53)

Eigentlich nur an meine eigene Sicherheit. Sie schleppten mich zu einem Transporter. Ich dachte, werden sie mich jetzt zusammenschlagen?

Paul Ronzheimer (3:59)

Haben sie dir Handschellen angelegt?

Evan Gershkovich (4:01)

Ja, zuerst haben sie mir, glaube ich, meinen Pullover über den Kopf gezogen. Im Auto setzten sie mir dann eine Kapuze auf.

Ich saß in diesem Transporter und dachte, vielleicht lässt sich dieses Missverständnis irgendwie aufklären. Vielleicht schlagen sie mich. Vielleicht werfen sie mich aus dem Land. Was auch immer.

Paul Ronzheimer (4:17)

Hattest du all deine Sachen dabei? Dein Handy und so?

Evan Gershkovich (4:20)

Das lag alles noch auf dem Tisch. Sie hatten es schon an sich genommen. Sie hatten gesagt, dass sie vom FSB seien. Und deshalb hatte ich solche Angst. Wenn dich die normale Polizei festnimmt, verprügelt sie dich vielleicht, bringt dich auf die Wache und ruft in Moskau an. Dann sagt Moskau, lasst ihn gehen. Das ist ein Auslandskorrespondent. Oder sie weisen dich aus. Aber wenn sie sagen, dass sie vom FSB sind, weißt du, jetzt ist es ernst. Das wurde von ganz oben geplant.

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