Presseklub: Platzt den Wessis bald der Kragen?
Apokalypse & Filterkaffee
September 5, 2026
Sachsen-Anhalt steht vor einer historischen Wahl: Die rechtsextreme AfD liegt in Umfragen bei rund 40 Prozent, und könnte damit erstmals in Deutschland eine Landesregierung anführen oder sogar allein regieren.
Speakers Markus Feldenkirchen, Jana Hensel, Reinhard Bingener
TopicsDaily NewsNewsPolitics
Markus Feldenkirchen (0:00)
Es ist Samstag, der 5 September.
SPEAKER_2 (0:14)
Apokalypse und Filterkaffee. Der Presseklub mit Markus Feldenkirchen.
Markus Feldenkirchen (0:26)
Das BSW, das Bündnis Schleunigst Weg, verliert aktuell quasi im Sekundentakt Mitglieder, insbesondere in Thüringen.
Das könnte auch daran liegen, dass die Patronin in ihrem politischen Todeskampf jeglichen Anstand abgelegt hat und aufs vulgärste Rumpopulistet. Auf einem der Plakate etwa sieht man Ukrainens Präsident Zelensky als geldgeile Fratze, dazu der Spruch Schluss mit der Abzocke.
Eine ähnliche Selbstradikalisierung und öffentliche Selbstdemontage kannte man bislang allenfalls von Waldi Hartmann. Der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt hat noch weitere Trends hervorgebracht. Neurechte YouTuber zum Beispiel, die in stundenlangen Streams über AfD-Veranstaltungen spazieren und jeden übergriffig anquatschen und belästigen, der nicht bei drei auf den Bäumen ist. Sie pöbeln wildfremde Menschen an, in denen sie einen politisch Andersdenkenden vermuten, schreien, beleidigen, schüchtern ein, aggressiv, zu dringlich kulturlos. So tragen sie zu einer radikalen Diskurskultur bei, die an Zeiten der Weimarer Republik erinnert, als aus Debatten radikales Gegröle wurde. Die AfD hat sich dieser neuen Spezies an sogenannten Journalisten übrigens allerherzlichst angenommen. Sie hegt und pflegt und lobt sie und füttert sie mit Exklusiv-Interviews. Jeder hat das politische Vorfeld, das zu ihm passt. Jetzt, da jeder politisch Interessierte zwangsläufig auf den Osten Deutschlands gucken muss, verwundert es nicht, dass die gute alte Ost-West-Debatte wieder aufflammt. Millionen Wessis blicken dieser Tage fassungslos auf ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger und fragen sich, warum so viele Verständnis für eine gesichert rechtsextreme Partei aufbringen und sogar Zuneigung zeigen. Parteien wie die AfD oder das BSW werben hingegen offensiv damit. Mit ihrer Wahl könne man den vermeintlich arroganten Wessis mal richtig schön den Stinkefinger zeigen und befeuern einen neuen, triumphalen Oststolz.
In diese explosive Gemengelage hinein hat mein heutiger Gast einen Leitartikel verfasst, dem man einiges vorwerfen kann, aber nicht, dass er überlesen wurde. Er hat etwas geschafft, was tausende Leitartikel vorher nicht geschafft haben, eine echte und breite Debatte anzustoßen.
Wehe, wenn die Langmut im Westen endet, lautete die Überschrift des Textes von Reinhard Bingener, in dem er unter anderem einen gefährlichen Opfermythos der Ostdeutschen beklagte. Seine These, reale Unterschiede gibt es weiter, aber zu oft werde der Westen für alles verantwortlich gemacht und irgendwann könnte dort die Geduld enden. Jana Hensel, mein zweiter Gast, dürfte das ein Tick anders sehen. Sie ist in Leipzig aufgewachsen, hat die Wende als Jugendliche erlebt und schreibt seit Jahren über die Brüche nach 1990 und darüber, warum man den Osten nicht auf Wut und AfD reduzieren sollte. Wer erzählt den Osten richtig? Was erklärt den Erfolg der AfD und was auch nicht? Und warum wird gerade beim Blick auf Russland und den Krieg gegen die Ukraine sichtbar? Wie tief die Unterschiede zwischen Ost und West noch sind? Der Apofika-Presseklub mit diesen Gästen.
Reinhard Bingener ist Politikredakteur und hat mit seinen Texten zur Ost-West-Debatte gerade eine heftige Kontroverse ausgelöst. Er warnt, zu oft würden die Probleme im Osten ausschließlich der Wiedervereinigung westdeutschen Konzernen oder dem Westen zugeschrieben. Seine These, wer diese Erzählung immer weiter pflegt, entlastet nicht nur die AfD-Wähler von eigener Verantwortung, sondern riskiert auch, dass im Westen die Geduld endet, was früher oder später auch finanzielle Folgen haben könnte. Jana Hensel, die Autorin und Journalistin, wurde, wie gesagt, in Leipzig geboren und ist dort auch aufgewachsen. Mit ihrem Buch Zonenkinder wurde sie zur wichtigsten Stimme einer Generation, die in der DDR sozialisiert wurde und dann als junge Menschen einen tiefen Umbruch nach 1990 erlebt hat. Hensel schreibt seit Jahren über Ostdeutschland, über den Verlust von Anerkennung und Deutungshoheit, aber auch über die Gefahr, den Osten immer nur als AfD-Labor und Problemregionen zu betrachten. Kurz vor der Sachsen-Anhalt-Wahl warnt sie davor, in politische Schockstarre zu verfallen. Zugleich betont sie, dass die demokratische Gegenwehr im Osten sichtbar bleiben müsse. Herzlich willkommen, ihr beiden. Wie schön, dass ihr heute da seid.
Jana Hensel (5:01)
Schön, Markus. Hallo.
Reinhard Bingener (5:02)
Hallo, Markus.
Markus Feldenkirchen (5:03)
Reinhard, bevor wir auf die Thesen zu sprechen kommen, die ich hier schon angedeutet habe, hat dich die Wucht der Reaktion auf deinen Leitartikel eigentlich überrascht und zeigt es dir dann auch, ja, da habe ich als Journalist mal einen Nerv getroffen?
Reinhard Bingener (5:17)
Ja, ich denke, das war schon so. Also, dass der Artikel zu gewissen Diskussionen führen könnte, war, finde ich, schon absehbar. Dass es so heftig ausfiel und so viele Reaktionen gab und auch so viele Folgeartikel, damit hätte ich jetzt auch nicht gerechnet.
Markus Feldenkirchen (5:33)
Das ist dir schon mal gelungen. Jana, was ging dir durch den Kopf, als du Reinhards Kommentar in der FAZ gelesen hast?
Jana Hensel (5:40)
Oh, ich war ziemlich sauer. Ich war ziemlich sauer.
Markus Feldenkirchen (5:42)
Du brauchst auch jetzt immer noch ein bisschen sauer.
Jana Hensel (5:45)
Ich war ziemlich sauer. Ich kann diese Artikel wirklich nicht mehr hören. Ich kann auf diese Position nicht mehr... Ich hab dafür keinen Langmut mehr.
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