Presseklub: Die Gründe für den AFD-Triumph
Apokalypse & Filterkaffee
September 12, 2026
Es ist passiert. Die AfD ist in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent stärkste Kraft geworden, die CDU ist auf 17,2 Prozent abgestürzt. Eine Zäsur. Aber: Die absolute Mehrheit, wie von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund anvisiert, ist es nicht geworden.
Speakers Markus Feldenkirchen, Valerie Schönian, Martin Debes, Ulrich Reitz, Ulrich Siegmund, Aras Badre
TopicsDaily NewsNewsPolitics
Markus Feldenkirchen (0:01)
Es ist Samstag, der 12 September.
SPEAKER_2 (0:14)
Apokalypse & Filterkaffee, der Presseklub mit Markus Feldenkirchen.
Markus Feldenkirchen (0:25)
Friedrich Merz kann einem inzwischen fast leid tun. In den Wahlkämpfen seiner Partei wird er im Keller versteckt. Am Ende ist er dann doch der Hauptschuldige am miesen Ergebnis. Und dann sägen sie auch noch an seinem Kanzlerstuhl. Als Sandra Maischberger ihn diese Woche fragte, Friedrich Merz ist der richtige Bundeskanzler in dieser Zeit, antwortete CSU-Chef Markus Söder, ich glaube, dass er Kanzler ist. Wer solche Schwesterpartei-Freunde hat, hat es wirklich nicht leicht. Die Vereinigten Arabischen Emirate wollen 40 Milliarden Euro zusätzlich in Deutschland investieren. Das wurde während des Staatsbesuchs von Präsident Shaikh Mohammed in Berlin mitgeteilt. Ich persönlich habe Shaikh Mohammed diese Woche zwar 80-fach verflucht, weil für ihn die halbe Stadt abgesperrt wurde und ich stundenlang im Stau stand, aber jetzt weiß ich, der ganze Ärger hatte wenigstens einen Sinn.
Unabhängig davon ist Deutschland ökonomisch längst nicht so fertig, wie es uns die Rechtsextremen weiß machen wollen. Die Erzählung vom permanenten Niedergang ist die oberste Pflicht eines jeden Rechtsextremen. Das sollte man sich als mündiger Bürger und Wähler auch immer bewusst machen.
So, und wer ist nun schuld an diesem historischen Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt? Ich hätte drei Schuldige im Angebot. Die AfD-Leute selbst, die anderen Parteien oder die Bürgerinnen und Bürger, die diese Partei wählen. Die AfD ist für mich unschuldig. Sie macht eben Sachen, die rechtsextreme Populisten so machen. Und ehrlich gesagt, nicht mal allzu talentiert. Schuld sind aber die anderen Parteien, die durch ihre Politik und ihr Auftreten der AfD das Feld bereiten. Aber, und das kommt mir an all den tief betroffenen Nachwahlanalysen ehrlich gesagt viel zu kurz, man sollte auch die Wähler nicht einfach als arme, wütende Opfer einer schlechten Politik davon kommen lassen. Man sollte sich schon zumindest rudimentär mit dem Menschen- und Gesellschaftsbild jener Partei beschäftigen, der man seine Stimme gibt. Und ein klein wenig Geschichtsbewusstsein darf man ehrlich gesagt auch erwarten, gerade als deutscher Patriot.
Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg hat eine gesichert rechtsextreme Partei eine Wahl gewonnen. Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat, konnte 43,8% der Stimmen auf sich vereinen. Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze ist mit 17,2% abgestürzt. Historisch eine Zäsur. Siegmund könnte nun tatsächlich der erste Ministerpräsident der AfD in einem deutschen Bundesland werden, mit dem BSW, dem Bündnis Sarah Wagenknecht als Steigbügelhalter oder mit Hilfe potentieller Überläufer anderer Parteien. Alles ist möglich, das war das Wahlmotto von Siegmund. Trotzdem fragen wir uns, wie konnte das passieren? Was sind die wahren Gründe für den AfD-Triumph? Und wie geht es jetzt weiter in Sachsen-Anhalt? Der Apofika-Presseklub mit diesen Gästen.
Ulrich Reitz, der Fokus-Kolumnist und politische Beobachter, begleitet den Aufstieg der AfD seit Jahren. Er meint, das Ergebnis der AfD hat bundespolitische Bedeutung, sei aber keine Blaupause für kommende Wahlen. Martin Debes ist Autor im Hauptstadtbüro beim Stern und schreibt die Kolumne ganz nahe Osten. Er kennt sich mit Extremen aus. Seine Bücher tragen Titel wie Deutschland der Extreme und Demokratie unter Schock.
Und Valerie Schönian, die Autorin im Leipziger Büro der ZEIT, ist in Magdeburg aufgewachsen. Sie war vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt unterwegs, um besser zu verstehen, warum dort so viele Menschen die AfD wählen wollten. Herzlich willkommen, ihr drei. Schön, dass ihr dabei seid.
Valerie Schönian (4:07)
Hallo. Hallo.
Markus Feldenkirchen (4:10)
Ja, Valerie, vor der Wahl hast du uns von deinen Gesprächen erzählt, die du geführt hast in deinem Heimatbundesland, auch mit deiner Familie. Wie hat deine Familie nun auf den wirklich triumphalen Sieg der AfD reagiert?
Valerie Schönian (4:25)
Ich habe ehrlich gesagt jetzt nur meine Kernfamilie gesprochen und die waren auch geschockt und haben das auch nicht in dem Ausmaß erwartet. Und ich habe daneben aber noch mit ganz anderen Menschen gesprochen, auch aus der Zivilgesellschaft war da auch noch mal unterwegs bei kleinen Kundgebungen. Und man muss sagen, die demokratische Zivilgesellschaft, wenn ich sie mal so nennen will, die liegt gerade am Boden. Also da ist gerade ganz viel Luft raus und ganz viel Hoffnung zerstört worden.
Markus Feldenkirchen (4:51)
Du persönlich warst auch geschockt. Du hast mir erzählt, du rauchst seit sechs Tagen wieder.
Valerie Schönian (4:56)
Ja, ich habe das erstmal wieder Zigaretten gekocht seit einigen Jahren. Ich hoffe ich hier bald wieder auf.
Markus Feldenkirchen (5:01)
Da sieht man, AfD wählen ist ungesund. Wie überraschend war für dich dieser und dann doch sehr sehr hoher Erfolg der AfD, Martin?
Martin Debes (5:09)
Na ja, gut, die Umfragelage war entsprechend. Was noch oben drauf kam, war die wirklich überraschende Mobilisierung, also die hohe Wahlbeteiligung, die eben vor allen Dingen dann der AfD genutzt hat. Also aus dem Nicht-Wähler-Lage heraus. Das bilden ja Umfragen traditionell nicht so ab.
Insofern war diese fast 44 Prozent, die waren schon überraschend. Dass aber diese Konstellation jetzt eintritt, auch mit dem BSW, wobei das auch wieder überraschend ist bei dieser Mobilisierung, das war ein Szenario, was ich zwar für möglich, aber nicht für allzu wahrscheinlich gehalten habe.
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