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Heimspiel: Der Merz lässt nicht nach (mit Mariam Lau)

Apokalypse & Filterkaffee

September 27, 2026

Mariam Lau ist politische Korrespondentin für Die Zeit, sie beschäftigt sich seit gut drei Jahrzehnten mit der CDU und mit dem deutschen Politikbetrieb. Über Bundeskanzler Friedrich Merz hat sie letztes Jahr ein Buch geschrieben.

Speakers Wolfgang Heim, Mariam Lau

TopicsDaily NewsNewsPolitics

Wolfgang Heim (0:00)

Es ist Sonntag, der 27 September.

SPEAKER_2 (0:05)

Apokalypse und Filterkaffee, Heimspiel, das Interview am Sonntag mit Wolfgang Heim.

Wolfgang Heim (0:17)

Sie schreibt seit vielen Jahren für die Zeit, sie beschäftigt sich intensiv mit der CDU, mit der Union und mit dem deutschen Politikbetrieb und sie hat vor einem guten Jahr ein Buch geschrieben über den Kanzler a la Kanzler, über Friedrich Merz. Herzlich willkommen, Mariam Lau.

Mariam Lau (0:36)

Hallo Wolfgang, freu mich hier zu sein.

Wolfgang Heim (0:38)

Mariam, diese Woche ist Folgendes passiert. Du stellst eine einfache Frage bei einer Pressekonferenz mit Friedrich Merz und wirst plötzlich zumindest indirekt zum politischen Tagesthema. Was ist passiert?

Mariam Lau (0:56)

Das Ergebnis dieses Wahlsonntags mit dem Schock von Mecklenburg-Vorpommern und auch von Berlin war ja, dass plötzlich die soziale Frage wieder auf dem Tisch liegt. Und Friedrich Merz hatte in der Pressekonferenz, die du gerade erwähnt hast, betont, dass der CDU das aufgefallen ist. Huch, da haben wir was übersehen. Die soziale Frage, Menschen machen sich Sorgen, dass das Land ungerecht ist. Und dann habe ich mich einfach gemeldet, was genau ist denn ungerecht? Und wollte raus auf die Rente nach 45 Beitragsjahren, weil davon gibt es ja jetzt das Gerücht, dass das praktisch nicht mehr zu halten ist, dass man das abschafft. SPD will es halten, Ostministerpräsidenten wollen es halten. Darauf wollte ich eigentlich raus.

Und der Kanzler ist zu unserer aller Überraschung auf ein völlig anderes Thema ausgewischt.

Wolfgang Heim (1:47)

Er macht ein Fass auf, von dem ich auch überrascht war. Er thematisiert eine Zwei-Klassen-Medizin. Also gesetzlich Krankenversicherte, Privatversicherte. Die, die privatversichert sind, kriegen die guten Termine. Die anderen müssen ewig warten. Und alle Welt staunt, dass sich der Kanzler in Richtung der SPD bewegt. Und was ist dann passiert?

Mariam Lau (2:08)

Also ich weiß, dass im Kanzleramt und überhaupt quer durch die Partei sich Leute aufgeregter SMS geschrieben haben, hat er jetzt gerade die Privatversicherung abgeschafft. Und das wollte er natürlich nicht. Er wollte irgendwie zu verstehen geben, dass er ein Ungerechtigkeitsgefühl der Bürger gehört hat, dass man das aufnimmt. Aber wie so oft bei Friedrich Merz führt das dann nirgendwo hin. Zwei Stunden später muss sein Regierungssprecher sich hinstellen und das wieder einrollen.

Und dann ist das Thema wieder weg.

Wolfgang Heim (2:39)

Aber Mariam, ist das nicht ein Zeichen, also wir reden jetzt auch von anderthalb Jahren, die er Zeit hatte, Kanzler zu üben, ist das nicht ein Zeichen von relativ großer Unprofessionalität, so ein Ding rauszuhauen?

Mariam Lau (2:54)

Natürlich. Es war auch mit niemandem abgesprochen. Es ließ sich ja dann nachverfolgen, dass das auf eine Bemerkung von Karl-Josef Laumann zurückging, der eben in der Bundesvorstandssitzung darüber gesprochen hatte. Aber der Laumann selbst hatte ja am Sonntagabend noch, oder am Montag, ich weiß nicht mehr genau, hat dann in irgendeiner Sendung sogar gesagt, ja es ging gar nicht um die Konkurrenz der beiden Systeme. Es ging einfach um dieses Thema, wie kriegt man es hin, dass die Termine nicht so wahnsinnig schleppend veranstalten?

Wolfgang Heim (3:27)

Kann es sein, dass wir jetzt von einer Parallelität ausgehen müssen zwischen Donald Trump und Friedrich Merz? Insofern, bei Trump hat man ja auch immer gesagt, der übernimmt die Meinung des Menschen, mit dem er gerade geredet hat. Und bei Friedrich Merz scheint es ja eine ähnliche Veranlagung zu geben.

Mariam Lau (3:44)

Ja, aber das ist es dann auch schon, würde ich sagen. Also bei Donald Trump hat die Verwirrung ja sogar Methode. Also es ist ja die Idee, sein früherer Berater Steve Bannon hat ja mal die Parole ausgegeben, flood the zone with shit. Also beschäftige die Medien mit so vielen Themen, dass einfach jeder komplett die Übersicht verliert. Das ist ja da sozusagen ein Programm. Bei Friedrich Merz ist es tatsächlich ein Unfall und einfach handwerkliche Unfähigkeit.

Wolfgang Heim (4:14)

Diese Unfälle, da werden wir noch im Laufe unseres Gesprächs draufkommen, haben sich natürlich in dramatischer Art und Weise auch gehäuft. Du hast diesen Kanzler sehr eng begleitet. Du warst mit ihm, glaube ich, auch am Polarkreis. Und dieser Ausflug von ihm, der gedacht war, als eine Art Kurzerholungstrip von dieser Berliner Mühsal, ist aber auch irgendwie ganz anders gelaufen. Inwiefern?

Mariam Lau (4:37)

Also es ist üblich auf so Kanzlerreisen, dass man im Flugzeug, und der Flug dauert nach Finnland, Rovinjemi dauert zweieinhalb Stunden, so ungefähr. Es ist eigentlich üblich, dass man da einen sogenannten Hintergrund, ein Hintergrundgespräch hat mit der Presse. Wir haben den Kanzler aber gar nicht zu sehen bekommen. Er hat dann neben seinen Gesprächspartnern, also der finnische Ministerpräsident, der baltische Ministerpräsidenten, Kaya Kallas und so weiter, anders als die hat er überhaupt keine Fragen entgegengenommen in der ersten kurzen Pressebegegnung. Und dann in der zweiten, einen Tag später, hat er auf eine Frage geantwortet. Das war dann auch wieder eine eigene Geschichte, weil er gesagt hat, das, was hier verhandelt wird, unter anderem zum Beispiel die Ukraine-Hilfe, ist wichtiger als so manche innenpolitische Scharmützel, die wir erleben. Mit anderen Worten wichtiger als die Debatten um den Kanzlertausch.

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