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Frankreich: Wenn die Migrationskrise explodiert. Mit Michaela Wiegel

RONZHEIMER.

October 20, 2026

Paul Ronzheimer spricht mit Michaela Wiegel, Frankreich-Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, über die Gewalt auf Frankreichs Straßen, Plünderungen und Angriffe auf die Polizei.

Speakers Michaela Wiegel, Paul Ronzheimer

TopicsPoliticsNewsDaily News

Michaela Wiegel (0:00)

Mein Eindruck ist tatsächlich, dass wir vom französischen, vom schlechten französischen Beispiel lernen können, weil die Probleme, die Frankreich hat mit der Integration, sind strukturell natürlich sehr ähnliche, die wir auch erleben werden.

Paul Ronzheimer (0:18)

Die extreme Gewalt, die wir am Wochenende in Frankreich gesehen haben, die hat sich auch auf Italien ausgebreitet, zumindest in Teilen und sorgt in Deutschland für heftige Debatten. Die größte und unbequemste Frage, die lautet, was hat die Migration damit zu tun? Nun gibt es viele, die da eine starke Meinung haben. Da kann man viel zu lesen in den sozialen Medien. Ich möchte aber mit einer Journalistin sprechen, die sich extrem gut in Frankreich auskennt, hier schon im Podcast zu Gast war, sich aber auch nicht scheut, Probleme deutlich zu benennen. Das hat sie heute in einem Kommentar in der FAZ getan. Zugeschaltet ist Michaela Wiegel, politische Korrespondentin der FAZ aus Paris. Und ihre Analyse, die heute erschienen ist, die trägt den Titel Die gescheiterte Integration in Frankreich. Und genau über dieses Thema und wie es weitergeht in Frankreich, möchte ich heute mit ihr sprechen. Ich grüße sie, Frau Wiegel.

Michaela Wiegel (1:16)

Ja, ich grüße sie ebenfalls.

Paul Ronzheimer (1:18)

Frau Wiegel, wir haben in unserem gestrigen Podcast mit der Ansprache von Emmanuel Macron, die er am Sonntagabend um 20 Uhr gehalten hat. Diese Ansprache an die Nation, wo er beruhigen wollte, wo er dafür sorgen wollte, dass wieder Ordnung zurückkehrt. Was ist seitdem in Frankreich passiert? Wir nehmen auf um 19 Uhr am Montagabend mittlerweile.

Michaela Wiegel (1:45)

Der Präsident hat das Land verlassen, ist zu einer dreitägigen Reise in die Golfregion gefahren, was, ja, gemischte Gefühle, würde ich mal sagen, in Frankreich hervorgerufen hat. Denn die Unruhen sind noch nicht vorbei, auch wenn natürlich die Intensität abgenommen hat.

Es sind aber schon wieder Bilder vom Platz der Republik, die kommen, wo schon wieder Plünderer, dunkelgekladete Banden unterwegs sind und der Polizei davon laufen. Der Premierminister hat die Möglichkeit angekündigt, lokale Ausgangssperren zu verhängen. Und es ist gerade die Meldung ganz frisch reingekommen, dass die Stadt Paris von dieser Möglichkeit Gebrauch macht, und zwar in dem Viertel um Leal. Dort waren tatsächlich auch gestern Abend sehr viele Plünderer unterwegs, die viele Ladenbesitzer haben die Nächte dort durchgewacht, mit Baseballschlägern und Pfefferspray bewaffnet, um selber sozusagen gewappnet zu sein, sollten Plünderer in ihre Läden eindringen. Und jetzt stellt sich natürlich die Frage, wird es genügend Polizeikräfte geben, um diese Ausgangssperre auch wirklich zu überwachen? Die soll von 22 Uhr bis um 6 Uhr morgens gelten.

Paul Ronzheimer (3:15)

Frau Wiegel, noch mal kurz zurück zum Präsidenten, zu Macron. In so einer Lage, dann tatsächlich eine dreitägige Reise anzutreten, womit ist das zu erklären?

Michaela Wiegel (3:26)

Mich hat es ehrlich gesagt sehr verwundert.

Er hat es in seiner Ansprache damit dargelegt, dass er reist in die Golfregion, dass er dort verhandeln will, da eine der Forderungen bei den Demonstrationen, die mehr Kaufkraft ist und die hohen Spritpreise, wie ja auch in Deutschland, in Frankreich, eine große Rolle spielen bei der Unzufriedenheit. Aber so ganz schlüssig erscheint es mir nicht. Und in der Tat entsteht der Eindruck, als habe der Präsident den Ernst der Lage nicht erkannt. Ich erinnere daran, dass er 2023 einen lange geplanten und durchgetakteten Staatsversuch in Deutschland abgesagt hat, weil es Unruhen gab, die im Vergleich viel weniger Leute betroffen haben.

Paul Ronzheimer (4:13)

Sie kennen wahrscheinlich, wie keine andere deutsche Journalistin, Immanuel Macron, haben ihn auch interviewt und beobachten ihn eben sehr viele Jahre.

Was ist das momentan für eine Situation für ihn? Er wird massiv kritisiert. Es ist mitten im Wahlkampf, es droht die Gefahr jetzt auch aus seiner Sicht, dass Le Pen tatsächlich bei der nächsten Präsidentschaftswahl Erfolg haben könnte. Was erzählt sein Umfeld? Was kriegen Sie damit?

Michaela Wiegel (4:43)

Also ich habe gehört, dass tatsächlich auch die Hypothese eines Rücktritts vor seiner Fernsehansprache diskutiert wurde. Dass auch diskutiert wurde, ob eine Notstandserklärung sozusagen, Frankreich hat da natürlich aus der Zeit des Algerienkriegs noch ein sehr starkes Arsenal an Maßnahmen, ob so eine Notstandserklärung jetzt notwendig wird. Aber beide Ideen wurden verworfen. Die Idee eines Rücktritts, weil der das Land noch weiter ins Chaos stürzen würde und der Notstand wurde verworfen, weil man gesagt hat, wir versuchen es jetzt erstmal mit beschränkten Ausgangssperren.

Mein Eindruck ist, dass, ja, ich meine, wenn Macron ein wenig vor den Scherben seiner Präsidentschaft steht und ihm eigentlich keine Handlungsmöglichkeiten mehr bleiben. Er hat ja, das sollte bei dieser Gelegenheit gesagt werden, sich wirklich bemüht, gerade die Bildungschancen in der Bordure zu verbessern. Er hat diesen Modellversuch.

Paul Ronzheimer (5:57)

In den Vororten von Paris.

Michaela Wiegel (5:58)

In den Vororten, genau, in den Vorstädten, wo eben überwiegend, Frankreich hat ja auch durch die Architektur eine Ghetto-Bildung beschleunigt, wo also sehr viele Menschen mit Einladungshintergrund leben, die in Frankreich meistens die französische Staatsbürgerschaft besitzen. Und er hat in seiner ersten Amtszeit begonnen, dort gezielt Fördermaßnahmen an den Schulen, an den Grundschulen für diese Kinder zu schaffen. Die Klassenstärken wurden halbiert. Es wurden also doppelt so viele Klassenräume, doppelt so viele Lehrer geschaffen, damit die alle einen guten Schulstart hatten. Das hat auch funktioniert. Aber zum einen fehlte das Geld, dann in der Mittelstufe diese Maßnahmen weiterzuführen.

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