Der große AfD-Fehler der Deutschen. Mit Manfred Lütz
RONZHEIMER.
September 10, 2026
Paul Ronzheimer spricht mit dem Psychiater und Bestsellerautor Manfred Lütz über die psychologischen Gründe für den Erfolg der AfD und die Frage, warum Politik und Medien aus seiner Sicht häufig die falschen Antworten darauf geben.
Speakers Manfred Lütz, Paul Ronzheimer
TopicsPoliticsNewsDaily News
Manfred Lütz (0:00)
Ich glaube, insgesamt, unterm Strich, ist die AfD, finde ich, die schlimmste rechtsradikale Partei Europas.
Weil sie sich immer weiter radikalisiert, weil da diese ganze alte braune Soße ungebremst hochkommt. Das heißt nicht, dass alle AfD-Mitglieder und alle AfD-Abgeordneten Nazis sind. Das würde ich überhaupt nicht sagen, ja. Aber dass man da offen ist, dass man sich von denen nicht abgrenzt, dass es einen Bundestagsabgeordneten gibt, der sagt, er sei das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus oder so ähnlich.
Paul Ronzheimer (0:26)
Sehr helferisch.
Manfred Lütz (0:28)
Das ist einfach unsäglich und das gibt es bei Le Pen in Frankreich nicht. Die haben sich ja auch abgegrenzt von der AfD.
Paul Ronzheimer (0:38)
Die tagespolitischen Ereignisse, die beschäftigen uns in dieser Woche natürlich besonders. Aber unser Podcast ist ja auch dafür da, den Blick etwas zu weiten, aber doch irgendwie bei den Themen zu bleiben, die uns alle beschäftigen. Und heute möchte ich die vielen Fragen verbinden mit einem Experten aus einem ganz anderen Feld und zwar mit einem Psychiater, beziehungsweise einem der bekanntesten Psychiater des Landes. Und die Fragen, das ist interessant, weil viele Hörer haben das geschrieben, ladet mal jemand ein, der da ein bisschen intensiver, tiefer auch psychologisch drauf schauen kann. Warum wählen Menschen die AfD wirklich? Ist das überhaupt eine wichtige Frage? Und woran liegt es, dass die anderen Parteien sich so extrem schwer damit tun, diese Wähler zurückzuholen? Was ist da schiefgegangen? Wie kann man gerade auch psychologisch auf Friedrich Merz schauen? Mein Gast ist heute Manfred Lütz. Er ist Psychiater, war hier schon mehrfach zu Gast. Er ist Psychiater, Theologe und einer der bekanntesten Intellektuellen des Landes. Und jetzt erscheint sein neues Buch mit dem interessanten Titel Schötschels Augen– Psychologische Lichtblicke in ihren Zeiten. Das ist es.
Ja, Ihre Zeiten, die haben wir wirklich. Herzlich willkommen, Herr Lütz.
Also Ihre Zeiten stimmte ja auch schon vorher. Aber die Lage, die jetzt da ist, wenn wir auf Deutschland schauen, wie irre ist die aus ihrer Sicht?
Manfred Lütz (2:08)
Na ja, eigentlich ist das ja gar nicht so überraschend, wie jetzt alle tun. Also im Grunde hat man bei den Umfragen das schon gesehen, schon seit Monaten im Grunde, wie ausgeprägt das jetzt ist. Das haben vielleicht nicht so viele vorausgesehen. Aber das große Problem ist ja, dass eine rechtsextreme Partei eine solche Masse von Stimmen kriegt. Und ich glaube, sie haben ja eben die Warum-Frage schon angesprochen. Ich glaube, dass ein bisschen auch Grund des Buches ist, Psychologie ist im Moment in der Politik so wichtig wie kaum je zuvor, aber sie wird überhaupt nicht richtig eingesetzt. Das heißt, die Debatten, die ich in Talkshows beobachte, eigentlich seit zehn Jahren, beginnen immer mit der Warum-Frage, die sie gerade gestellt haben. Warum wählen so viele Leute die AfD? Seit zehn Jahren.
Und es gibt alle möglichen Analysen. Und meistens enden die Analysen damit, dass die AfD wieder irgendwie bekloppt sind. Also, dass sie irgendwie eine Störung haben.
So eine frühe DDR-Störung zum Beispiel. Also, dass die in der DDR geprägt worden sind und dann gedemütigt wurden nachher bei der Wende usw.
Paul Ronzheimer (3:11)
usw.
Manfred Lütz (3:11)
usw. Außerdem ist die Gegend benachteiligt und hin und her.
Paul Ronzheimer (3:16)
Ist das wirklich noch die Analyse? Mein Eindruck ist schon, dass sich das in den Medien etwas verändert hat in den letzten Jahren. Und vor allem, wenn wir jetzt über die AfD in Sachsen-Anhalt sprechen, bei fast 44 Prozent. Also, mein Eindruck ist jetzt nicht, dass alle Medien schreiben, das sind irgendwelche Verrückten, die... Ist das tatsächlich Ihr Eindruck, war das noch?
Manfred Lütz (3:31)
Also, ich glaube, die Warum-Frage ist immer noch im Vordergrund. Ich werde jetzt viel interviewt wegen der Wahl. Und fast jeder Journalist stellt die Warum-Frage.
Und dabei ist für uns Psychiater interessant immer die Frage, was ist das Ziel? Wie kann ich das ändern? Wie kann ich einen Patienten, der wegen der frühen Kindheit oder aus irgendwelchen Gründen Alkoholiker geworden ist, wie kann ich dazu beitragen, dass der nicht mehr trinkt? Wie kann ich dazu beitragen, dass AfD-Wähler wieder demokratische Parteien wählen? Darum kümmert sich für meine Briefe in der Politik niemand und in den Medien interessanterweise auch nicht.
Paul Ronzheimer (4:06)
Darum sitzen wir heute hier, Herr Lütz. Aber wenn Sie sagen, dass diese Warum-Frage Quatsch ist, braucht man die nicht vorher, bevor man das andere beantwortet? Also dass man erstmal analysiert, weshalb ist das so, um dann, wie Sie sagen, darauf zu kommen, wie man das ändern könnte.
Manfred Lütz (4:24)
Also ich habe in meinem Buch auch moderne Psychotherapie-Methoden dargestellt und Steve de Cheser, bei dem ich Ausbildung gemacht habe, der begann sein erstes Seminar mit der Bemerkung, die Lösung hat mit dem Problem nichts zu tun. Schocking, isn't it?
Gerade für uns Deutsche, weil wir immer sehr gut in Analysen sind, Analysen, Analysen. Und er hat das einfach untersucht. Er hat Patienten, die zu ihm kamen, ambulant, erstmal analysiert, was ist das Problem. Und dann, als die Therapie beendet war, hat er analysiert, wie die Lösung war für das Problem. Und dabei stellte er fest, es gibt keinerlei Korrelation zwischen dem Problem und der Lösung. Und das ist auch vernünftig. Das hat damit zu tun, dass das Problem damit zu tun hat. Also wenn Sie ein Problem bekommen, ein psychisches, das läuft Ihnen über den Weg. Was weiß ich, ein Trauma, irgendeine Bass-Ehe-Scheidung, keine Ahnung, irgendetwas läuft Ihnen über den Weg. Es belastet Sie.
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