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Wie die Zalando-Mentalität die Demokratie bedrängt

NZZ Geopolitik

October 21, 2026

Politik wirkt in unserer durch digitalisierte Prozesse beschleunigten Zeit oft wie getrieben. Wenn Erwartungen schneller geweckt werden, als sie die Demokratie erfüllen kann, entsteht Frustration.

Speakers David Vogel, Friedrich Merz, Matthias Quent, Marine Le Pen

TopicsPoliticsNewsBusiness

SPEAKER_1 (0:01)

Erhält US-Präsident Donald Trump bei den Midterms die Quittung für seinen disruptiven Kurs? Wird er die Ergebnisse der Zwischenwahlen überhaupt akzeptieren? Das besprechen wir am 4 November im Kaufleuten Zürich in einer Live-Aufzeichnung unseres Podcasts NZZ Geopolitik.

Unsere Gäste sind die Amerikanistin Claudia Franziska Brühwiller und der Schriftsteller Jonas Lüscher. Die US Midterms am 4 November live bei NZZ Geopolitik im Kaufleuten Zürich. Tickets gibt's unter nzz.ch slash live.

SPEAKER_2 (0:38)

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David Vogel (0:52)

Liebe Freundinnen und Freunde, dieser Abend ist eigentlich gar nicht so lange her.

Friedrich Merz (0:59)

An diesem historischen Wahlabend.

David Vogel (1:02)

Ein und halb Jahre.

Friedrich Merz (1:04)

Dem 23 Februar 2025, wir, die CDU und die CSU, die Union, wir haben diese Bundestagswahl 2025 gewonnen.

David Vogel (1:16)

Vor einem Jahr war Friedrich Merz noch ein Hoffnungsträger, der wieder Ruhe in die Nation bringen sollte, nachdem die Ampelkoalition eigentlich nur noch gestritten hat.

Friedrich Merz (1:28)

Und wie habe ich das in den letzten Tagen gesagt? Jetzt darf auch mal Rambo Zambo im Arden hauen.

David Vogel (1:37)

1,5 Jahre später tönt das so über Merz.

Teile der Jugend, wie hier die Rapperin Vita, rechnen wütend mit Friedrich Merz ab. Er gilt als der unpopulärste Kanzler aller Zeiten. Einige hassen ihn geradezu.

4% der Jungen sagen, Merz mache gute Arbeit. Vor einem Jahr waren es noch knapp 30% gewesen. Matthias Quent, ich muss Ihnen ehrlich sagen, wenn ich aus der Schweiz auf Deutschland blicke, dann bin ich nicht erstaunt, dass ein Politiker kritisiert wird. Auch der harsche Ton, das kommt auch hier vor. Aber dieses Tempo, dieses mörderische Tempo ist doch erstaunlich. Was sagt das über die Erwartungshaltung an die Politik aus?

Matthias Quent (2:41)

In der Beziehung, in der Kommunikation zwischen Wählerinnen und Wählern und Politikern hat sich eine sehr ungesunde, eigentlich selbstzerstörerische Erwartungsdynamik aufgebaut. Wir wissen aus der Protestforschung seit vielen Jahrzehnten, dass das Enttäuschen von Erwartungen der Hauptgrund ist, dass es ja zu Unruhen, sogar zu Revolutionen gekommen ist. Das hat was damit zu tun, wie sich unsere politische Kultur, wie wir ungeduldiger geworden sind, wie sich unsere ganze Zeit soziologisch beschleunigt hat.

Es hat aber ehrlicherweise auch was damit zu tun, wie Erwartungen geweckt werden und welche Erwartungen geweckt werden. Friedrich Merz, die Union, hat im Wahlkampf gegen die Ampelregierung ja wirklich viele, viele Erwartungen geweckt von der Halbierung der AfD über, man muss keine Schulden machen. Das heißt also, diese Beschleunigung und dieses selbstzerstörerische Erwartungsmanagement hat er ein Stück weit auch selber hervorgerufen mit einem Wahlkampf, der Erwartungen geweckt hat, von denen eigentlich damals schon viele kopfschüttelnd gesagt haben, ja es wäre ja schön, aber es ist völlig unrealistisch.

David Vogel (3:51)

Das ist NZZ Geopolitik, das große Ganze Verstehen. Mein Name ist David Vogel. Unser Alltag ist enorm schnell geworden. Dabei kann die Politik nicht immer mithalten. Das kann frustrieren und stärkt die populistischen Kräfte, sagt der Soziologe Matthias Quent. Herzlich willkommen.

Matthias Quent (4:08)

Vielen Dank für die Einladung. Hallo.

David Vogel (4:11)

Ich denke, wir alle merken, dass die digitale Welt immer schneller dreht. Das heißt also, es stecken alle in dieser Beschleunigung und sind ungeduldig, die Wähler, aber auch die Politiker.

Matthias Quent (4:22)

Es ist ein regelrechter Wettbewerb. Es ist ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Und in diesem Rattenrennen gibt es nur Verlierer. Und der Soziologe Hartmut Rosa hat das bezeichnet als der rasende Stillstand. Also einerseits ist die Welt um uns herum so beschleunigt, so schnell. Und gleichzeitig haben wir das Gefühl, in unserem Alltag ändert sich gar nicht so viel. Es gibt eine hohe Trägheit. Wir kommen gar nicht mit in diesen Entwicklungen. Also das ist im Grunde ein Zeitgeist, der dann zu Erwartungen in die Politik führt, an diesem Zeitgeist doch mitzuhalten und genauso schnell zu liefern wie Amazon oder Lieferando das kann. Das ist natürlich völlig unrealistisch in der Demokratie. Und dann entsteht eine Frustration, die emotional ist, die aus enttäuschten Erwartungen besteht, die daraus besteht. Das Politik versucht irgendwie mitzuhalten und das aber in den allermeisten Fällen auch aus guten Gründen ja gar nicht schaffen kann.

David Vogel (5:11)

Jetzt aus ihrer wissenschaftlicher Sicht, aus soziologischer Sicht, wie beschreiben sie dieses Tempo, in dem wir im Moment gerade stecken?

Matthias Quent (5:21)

Der zentrale Begriff ist aus meiner Sicht Polikrise nach wie vor, weil er ausdrückt, dass hier Entwicklungen, die einerseits als krisenhaft wahrgenommen werden, weil wir keine Bearbeitungsmuster dafür haben und auf der anderen Seite so viel davon gleichzeitig auftritt, dass es Interessenskonflikte gibt, also dass die Auflösung der einen Krise oder die Bearbeitung der einen Krise für die andere Probleme bereitet, wenn ich mein CO2-Budget reduzieren will und gleichzeitig Aufrüstung betreiben muss, um die Freiheit Europas zu verteidigen. Das ist natürlich ein Interessenskonflikt, ökonomisch, physikalisch, in jeglicher Hinsicht. Und gleichzeitig sind diese Entwicklungen extrem schnell und verdichtet. Krisen gab es immer, aber in so einer Gedrängtheit, in so einer Schnelligkeit der Entwicklungen, wie wir sie seit, ich würde sagen, 2022 vor allem auch beobachten, das ist die große Herausforderung der Zeit, die dazu führt, dass Menschen noch mehr als vorher schon das Gefühl haben, es gibt einen Kontrollverlust, es gibt eine Nichtregulierbarkeit, die Politik wirrt sich nicht mehr ein, nicht hat das alles nicht mehr im Griff.

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