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Wahl in Sachsen-Anhalt: Woher kommt die Wut?

Was jetzt?

September 6, 2026

Heute, am 6. September, wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Obwohl die Wiedervereinigung Deutschlands über 35 Jahre her ist, gibt es bis heute wirtschaftliche, gesellschaftliche und strukturelle Unterschiede zwischen Ost und West.

Speakers Hanna Heim, Lisa Pausch, Jana Simon, Henrik Oerding, David Will

TopicsNews

Hanna Heim (0:04)

Heute, am 6 September ist es soweit. Die Menschen in Sachsen-Anhalt wählen einen neuen Landtag und die Prognosen sagen, dass 40% plus X der Stimmen an eine Partei gehen, deren wichtigstes Tool die Wut ist. Darüber sprechen wir gleich bei Was jetzt? dem Nachrichtenpodcast der Zeit. Mein Name ist Hanna Heim.

Übrigens gleich vorab, heute Abend um ca. 19.15 Uhr veröffentlichen wir hier auf ihrer Lieblingspodcastplattform eine Extrafolge zur Wahl in Sachsen-Anhalt. Jetzt aber, heute Vormittag, schauen wir noch auf die Technikmesse IFA, auf einen Datendiebstahl in der Berliner Verwaltung und wie immer auf die Kurznachrichten.

Lisa Pausch (0:48)

Ich bin Lisa Pausch. Guten Morgen.

Der neue Anlauf in Sachen Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine läuft. Gestern waren die beiden US-Sondergesandten Gerald Kushner und Steve Witkoff bei Russlands Präsident Vladimir Putin in Moskau. Heute reisen sie, übrigens zum ersten Mal überhaupt, nach Kiev. Dort wird sie der ukrainische Präsident Wladimir Zelensky empfangen. Angeblich bringen sie neue Ideen mit für ein Kriegsende in der Ukraine. In Moskau ging es laut der US-Regierung um substanzielle Pläne für nächste Schritte.

Auch Putins Berater lobte die Gespräche als konstruktiv. Ob sie die Verhandlungen voranbringen, ist fraglich. Laut seinem Berater betonte Putin noch einmal, dass Russland seine Ziele erreichen werde und die eigentlichen Ursachen des Konflikts gelöst werden müssten. Laut BeobachterInnen meint er damit, dass bestehen der Ukraine als souveräner Staat.

Wir haben europäische Geschichte geschrieben. Das hat das deutsche Start-up ESA Aerospace am späten Abend auf X verkündet. Und tatsächlich, die von ihnen gebaute Rakete hat als erste europäische, privat entwickelte Rakete die Erdumlaufbahn erreicht. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz spricht vom Beginn einer neuen Ära. Um 22.12 Uhr war die Spektrum-Rakete von Norwegen aus gestartet. Es ist die zweite Rakete, die das Unternehmen aus Bayern ins All geschickt hat. Im ersten Versuch vor etwa anderthalb Jahren war die Rakete nach nur 30 Sekunden abgestürzt. Es gibt ein großes strategisches Interesse an diesen Raketen. Europa will beim Transport von Satelliten unabhängig werden von US-Unternehmen. Redaktionsschluss für diesen Podcast ist 5 Uhr.

Hanna Heim (2:36)

Erst diese Woche hat jemand zu mir gesagt, wenn die in Sachsen-Anhalt jetzt echt die AfD wählen, dann zieht Heidi Mauer wieder hoch und lasst ihr eigenes Ding machen.

Ich habe entgegnet, dass dann aber mehr als 900 Nicht-AfD-Wählerinnen, die im Vorfeld zu Demos, Aktionen und Mitmachaktionen aufgerufen haben, mit rund 800 potenziellen Wutbürgerinnen eingesperrt wären. Seine Antwort, ehrlich gesagt, ziemlich verzweifelt. Woher kommt denn diese Wut? Diese Frage, auf die auch mir wirklich keine zufriedenstellende Antwort einfällt, darf ich heute weitergeben. Heute, am Tag der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und zwei Wochen vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Und zwar an Jana Simon, Autorin bei der Zeit. Hallo Jana.

Jana Simon (3:20)

Hallo Hanna.

Hanna Heim (3:21)

Du hast dich für dein Essay mit einem Phänomen befasst, das du als ostdeutsche Wut bezeichnest. Kann man die eigentlich so klar trennen von der westdeutschen Wut?

Jana Simon (3:31)

Das versuche ich herauszufinden in dem Essay, was ich geschrieben habe. Also natürlich gibt es für die Wut ähnliche Ursachen in Ost und West. Also es ist einmal die Empörung oder die Unzufriedenheit mit der momentanen Politik. Aber der Unterschied im Osten ist, dass sozusagen noch eine Wut hinzukommt. Und zwar ist meine These auch in diesem Essay, dass es auch eine Wut ist, die aus der Vergangenheit stammt. Eben gerade aus den 90er Jahren, wo ja sehr viele Ostdeutsche wirklich um ihre Existenz gerungen haben. Also es gibt ja kaum einen Lebensweg, der nicht unterbrochen worden ist. Und in dieser Zeit waren die Ostdeutschen derartig mit ihrer Existenz beschäftigt, dass gar keine Zeit oder Kraft blieb, sich also mit Gefühlen wie Wut oder ähnlichen Charme, auch Trauer auseinanderzusetzen. Und in den Gesprächen, die ich geführt habe für diesen Text, kam halt immer mehr heraus, dass diese Gefühle von damals, dass die nun 30 Jahre oder 35 Jahre später zeitversetzt wieder hochkommen und sich praktisch vermischen, mit der Wut auf die aktuellen Krisen.

Hanna Heim (4:40)

Du schreibst ja, die härtesten Debatten über Ostdeutschland werden unter Ostdeutschen geführt. Wie meinst du das?

Jana Simon (4:47)

Wenn es wieder um Ostdeutschland und die Wut und Ähnliches geht, dann melden sich immer ein paar Ostdeutsche, die relativ laut zu hören sind. Und die gehen dann meistens auf andere Ostdeutsche los. Also indem sie ihnen vorwerfen, sie waren zu angepasst, sie haben zu viel mitgemacht, vielleicht nicht genug nachgedacht, sie waren vielleicht auch bei der Stasi. Also diese ganzen Diskussionen, die wir jetzt wirklich seit 30 Jahren hören, die sind eben unter Ostdeutschen besonders emotional, auch weil es eine richtige Debatte unter den Ostdeutschen über die DDR-Zeit eigentlich bisher gar nicht gegeben hat. Sie werden immer als die Ostdeutschen bezeichnet, sind aber gar nicht die Ostdeutschen, sondern sind ihrerseits unglaublich heterogen.

Hanna Heim (5:29)

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