Verglühte Heimatfront: Der Ukrainekrieg ruiniert Sibiriens Kohle
International
October 14, 2026
Die Region Kusbass ist Russlands wichtigstes Kohlebecken. Noch bis vor Kurzem war die Region im Aufschwung. Doch der Krieg in der Ukraine hat alles verändert. Tausende Kilometer von der Front entfernt bringt der Krieg Sibiriens Kohleindustrie an den Rand des Kollapses – mit verheerenden Folgen.
Speakers Callum Mackenzie
TopicsNews
Callum Mackenzie (0:11)
In der Industriestadt Novokuznetsk steigt eine Party. Vor dem verglichenen gelben Kulturpalast feiern ein paar hundert Leute zwischen einem Grillstand und einer kleinen Bühne. Wir sind in Sibirien, etwa 3000 Kilometer von Moskau, entfernt.
Die Frau auf der Bühne, umgeben von tanzenden Schulkindern, singt von Novokuznetsk, der Stadt der Bergleuten. Mit dem Stadtfest feiern die lokalen Behörden den alljährlichen Tag des Bergmanns. Novokuznetsk liegt in der Region Kusbass, Russlands wichtigstem Kohlebecken. Der Bergbau prägt die lokale Identität. Und die Menschen hier sind stolz darauf. Kumpel gelten als mutig und zäh. Sie machen einen harten und gefährlichen Job, um die Welt mit Kohle zu beliefern.
Aber nicht alle freuen sich über das Fest.
SPEAKER_2 (1:17)
Wie kann man in dieser Zeit den Bergmann feiern? Wie zynisch ist das denn, wenn die Kohlebranche in einem solchen Zustand ist und wenn Krieg ist? In meinem Wohnort leben bloß 30'000 Leute und jeden Tag wird bei uns ein neuer Soldat beerdigt. Da will man was feiern?
Das ist doch ungeheuerlich.
SPEAKER_3 (1:39)
Eine blutende Dicke.
Callum Mackenzie (1:42)
Der Kusbass macht schwere Zeiten durch. Das Leben in dieser Ecke von Sibirien war nie einfach. Aber als Wladimir Putin die Grossinvasion der Ukraine befahl, befand sich die Kohlebranche hier im Aufwind. Fast fünf Jahre später steht die Wirtschaft der ganzen Region am Rande des Kollapses.
Schuld sind Sanktionen und Transportengpässe, Russlands verbliebene Handelspartner, die die Schwächen des Landes ausnutzen und ein Kreml, der seinen Krieg über alles stellt.
Die sogenannte Spezialoperation in der Ukraine schafft Probleme an der Heimatfront. Das ist International. Mein Name ist Callum Mackenzie.
SPEAKER_4 (2:24)
Die nächste Stopp ist Kieschina, über 12 Kilometer.
Callum Mackenzie (2:31)
Von Nowokuznetsk fahre ich in eine sogenannte Monostadt, ein Ort, der beinahe vollständig vom Kohleabbau lebt. Vor dem Fenster zieht eine sibirische Herbstlandschaft vorbei. Birkenwälder, in denen die Blätter schon goldfarben sind, Sümpfe und gelegentlich breite Flüsse. In der Ferne sieht man Hügel und hohe Fabrikschornsteine, hier und da ein verlottetes, von Backsteinmauern umgebenes Grubenareal. Der Kusbass, offiziell die Oblast Kemerovo, ist eines der grössten Kohlebecken weltweit. Diese Gegend in Südsibirien, unweit vom Vierländereck zwischen Russland, Kasachstan, China und der Mongolei, hat einst die Industrialisierung der Sowjetunion buchstäblich befeuert. Kohle aus dem Kusbass wurde in Fabriken und Stahlwerke überall in Russland gebracht.
Nach der Ankunft werde ich von Gennady abgeholt. Zu seinem Schutz nennen wir weder Gennadys echten Namen, noch den seiner Heimatstadt. Denn er ist ein Mann, der sich nicht zensiert. Gerade bei Themen, die im heutigen Russland heikel sind. Gennady ist um die 70 und hat jahrzehntelang in den Gruben gearbeitet. In seinem klapprigen Moskwitsch will er mir den Ort zeigen, in dem er sein ganzes Leben verbracht hat.
Wir fahren los zwischen Wohnblocks und Lindenalleehen.
SPEAKER_2 (4:00)
Das ist meine alte Schule.
Hier war früher eine Grossbäckerei, sie ist aber schon lange geschlossen. Da die Entbindungstation, die hat man aber auch geschlossen.
Callum Mackenzie (4:14)
Durch ein schmales, bewaltetes Tal jenseits des Ortszentrums fahren wir vorbei an Lagerhallen und an Bahngleisen mit stillgelegten Verladepunkten. Die Kohlevorkommen im Gestein unter uns wären eigentlich die Existenzgrundlage des Kusbass. Aber heute ist diese Existenz in Gefahr. Allein in den letzten drei Jahren sind in der Region rund 20 Kohleunternehmen verschwunden. Vermeldete der Kohlesektor im Kusbass 2022 noch einen Gewinn von knapp 5 Mrd. Franken, so kippte die Bilanz im vergangenen Jahr in einen Verlust von mehr als 2 Mrd. Franken. In dieser Stadt gab es mal ein knappes Dutzend Bergwerke, heute arbeitet nur noch eines. Talaufwärts sind hinter einer geweissten Mauer Fördertürme zu sehen, auch grosse blau-schwarze Kohleberge und Eisenbahnwaggons. Hier begann Gennadis Karriere als Praktikant im Schachtbau.
Wir halten auf einem überwachsenen Parkplatz und steigen aus. Von einer Anhöhe blicken wir über das Werk.
Gennady erzählt, 1989 werde er da beinahe ums Leben gekommen.
SPEAKER_2 (5:31)
Wir waren daran, den Minentunnel zu verlängern. Wir bohrten Löcher, setzten Sprengstoff, sprengten das Gestein weg.
Ich musste dicht an einer Stelle vorbei, an der der Tunnel noch nicht gesichert war. Da löst sich eine riesige Gesteinsplatte von der Decke. Sie schlägt in meinen Rücken ein. Ich falle hin und mein Kopf wird gegen eine Stahlmaschine gerammt. Der Schmerz war höllisch und ich bekam keine Luft.
SPEAKER_3 (5:55)
Ich hatte eine wahre Schmerz und ich konnte nicht mehr atmen.
Callum Mackenzie (5:58)
Gennady kommt mit Knochenbrüchen und verletzten Halswilben, aber ohne Lähmung davon.
Nach dem Ende des Kommunismus versuchte er sich in verschiedenen Jobs in der neuen Privatwirtschaft. Später aber kehrte er unter die Erde zurück, als Fachmann für das Absaugen von explosiven Methangas.
SPEAKER_2 (6:20)
Dort unten ist es dunkel und eng. Auf kleinstem Raum hat man Rohrleitungen, Lüftungsschläuche, Fließbänder, Stromkabel. Ein Kurzschluss erzeugt Funken, die Gas- oder Kohle-Staubexposionen auslösen können.
Der Minentunnel ist dann wie ein Gewehrlauf. Die Druckwelle schiesst durch den Schacht und reisst alles mit. Schienen werden zu Knäuel zusammengeknüllt, schwere Geräte komplett flach gedrückt.
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