Talk: Wie modern ist Marokko?
International
October 3, 2026
Geschätzt über 100 Milliarden Euro investiert Marokko für eine moderne Infrastruktur und die Fussball WM im Jahr 2030. Gleichzeitig liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei rund 30%. Wieviel gleichzeitige Ungleichheit verträgt Marokko?
Speakers Stefan Ehlert
TopicsNews
SPEAKER_1 (0:01)
SRF-Audio Jedes Jahr besuchen rund 20 Millionen Touristinnen und Touristen Marokko. Vielleicht waren sie auch schon dort. Den Besucherinnen und Besuchern setzt man bewusst ganz bestimmte Bilder vor, um das Image dieses Landes zu prägen. Ein präzises Bild von hinter den Kulissen hat der ARD-Journalist Stefan Ehlert. Weil Marokko ist ein Land mit zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten und die gleichzeitige Ungleichzeitigkeit ist genau das Thema in der aktuellen Ausgabe unserer Sendung International. Stefan Ehlert, du verfolgst Marokko seit 18 Jahren als Journalist. Wie hat sich das Land in dieser Zeit verändert?
Stefan Ehlert (0:42)
Also dramatisch würde ich sagen, das kann man kaum wiedererkennen.
Das äussert sich so, dass ich zum Beispiel während der Pandemie zwei Jahre da nicht einreisen durfte. Dann wieder kamen, ein Recherchetour unternehmen musste außerhalb der Hauptstadt Rabat. Abends wieder kamen im Dunkeln und ich nicht mehr nach Hause gefunden habe. Da stand plötzlich ein Gebäude im Weg, das ich vorher noch nie gesehen hatte. Das war ein neuer Bahnhof, der neue Bahnhof von Agdal. Innerhalb von zwei Jahren ruckzuck haben die den da hingebaut. Vorher musste man noch zu Fuß über die Gleise. Und jetzt ist das ein riesen Fernbahnhof. Und das ist fast beispielgebend für diese Veränderungen. Man steht in der Medina von Rabat und sieht plötzlich eine Rakete irgendwo stehen. Das war damals eines der höchsten Hochhäuser in Afrika. Der Turm Mohamed des Sechsten.
Ein Hotel- und Wohnungsneubau modernster Art. Auch der war zwei, drei Jahre vorher noch gar nicht da gewesen. Und so geht das die ganze Zeit bis heute.
SPEAKER_1 (1:35)
Du bist fasziniert von Marokko. Warum?
Stefan Ehlert (1:39)
Das ist ein wahnsinnig vielseitiges Land, muss man sagen. Geschichte, Kultur, Essen, die Vielseitigkeit der Menschen, die Vielseitigkeit der Landschaften, von Wüste über schneebedeckte Berge bis hin zu Strand. Es ist dort wirklich alles zu haben, ganz gut erschlossen auch. Und natürlich ist gleichzeitig, obwohl es in Fez, eine der ältesten Medinas der Welt beherbergt, ein total dynamisches Land, das sich verändert, das sich entwickelt. Da ist Bewegung.
Und ich war in meinem Leben ziemlich viel in Afrika unterwegs und ein vergleichbares Land habe ich so noch nicht gefunden.
SPEAKER_1 (2:13)
Von wegen Entwicklung, Marokko will ein modernes Land werden, geschätzt 100 Milliarden Euro, hört man, werden in die Infrastruktur investiert. Wo sieht man das moderne Marokko am besten?
Stefan Ehlert (2:25)
Naja, die Stadien haben wir teilweise jetzt beim Afrika Cup gesehen, den Marokko ausgerichtet hat. Da sind schon fünf Stadien modernisiert worden. Ein ganz tolles, so ähnlich wie die Bayern Arena in München, in Rabatt, aber jetzt gerade im Bau. Ich war vor zehn Tagen noch da. Das grösste Fussballstadion der Welt. Das ist natürlich spektakulär. Und da setzen die nicht irgendwas hin, sondern das soll natürlich ansprechende Architektur sein, modernste Technik. Das erfährt man dann auf den Messen, wo Firmen aus aller Welt ihre Einrichtungsgegenstände verkaufen. Also man setzt auf Modernität. Man setzt auch auf ein gutes Design. Bestes Beispiel, das größte Opernhaus Afrikas. Das ist schon seit einigen Jahren fertig, von der Architektin Sahar Hadid gebaut.
Ein fantastischer Bau. Leider wird er nicht bespielt. Also das ist einer der weißen Elefanten in dieser Riege, weil man kein Opernensemble hat. Das ist zwar eröffnet, aber es findet nicht statt.
SPEAKER_1 (3:14)
In Marokko entstehen auch die schnellsten Hochgeschwindigkeitszüge Afrikas. Ist die Infrastruktur in Marokko teilweise moderner als in deinem Heimatland Deutschland?
Stefan Ehlert (3:25)
Also an manchen Stellen inzwischen vermutlich schon, wenn ich aktuellen Dokumentationen über die Deutsche Bahn Glauben schenken darf.
Allerdings gibt es auch gewisse Vorteile. Noch ist das Streckennetz nicht so kompliziert wie in Europa.
Noch hat man die Schnellzüge auf eigenen Strecken, das heißt, so ähnlich wie in Frankreich oder Spanien, sind Schnellbahnstrecken eben für diese schnellen Züge reserviert. Andere Länder, hört man Algerien und so weiter, holen auf, wollen auch Schnellzüge haben. Aber wenn sie von Rabatt nach Tanger fahren, das habe ich auch so fotografiert, fährt der Zug 360 Das gab es früher mal zwischen Frankfurt und Köln. Da rutscht dann das Bierglas auf den Tisch. Bier wird natürlich da nicht serviert. Aber in Marokko hat man diese Geschwindigkeiten noch. Insofern würde ich sagen, an manchen Stellen ja, sieht man fast so eine Art, was wir Leapfrogging nennen. Also bestimmte Entwicklungsschritte werden ausgelassen. Und dafür schreitet man an anderen Punkten viel schneller voran. Also so ähnlich wie ich baue das Festnetz fürs Telefon nicht mehr aus, weil ich habe ja mobil, ich habe ja digital.
SPEAKER_1 (4:23)
Da werden also umgerechnet in Euro zig Milliarden investiert. Stefan Ehlert, wer profitiert davon? Und wie sollen diese Investitionen am Ende dem ganzen Land nützen?
Stefan Ehlert (4:35)
Also es heisst ja immer, das sei alles für die WM. Das ist aber nicht richtig. Das ist ein langfristiges Investitionsprogramm. Ich würde mal sagen, das reicht jetzt fast 20 Jahre zurück. Der Beginn, der Startpunkt war der Hafen von Tangamet. Heute einer der größten Häfen der Welt, der auch beispielsweise Hamburg abgehängt hat.
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