TALK: Istanbul – wie lebt es sich in der grössten Stadt Europas?
International
September 12, 2026
Istanbul ist die bevölkerungsreichste Stadt Europas: Zwischen 16 und 20 Millionen Menschen leben in der Metropole. Doch bezahlbarer Wohnraum ist rar, und das Leben ist teuer. Weshalb es für viele in der Türkei trotzdem keine Alternative zu Istanbul gibt, erzählt die Journalistin Susanne Güsten.
Speakers Susanne Güsten
TopicsNews
SPEAKER_1 (0:01)
SRF-Audio Wer schonmals Istanbul war, weiss, man kommt fast nicht mehr aus dem Staunen. Es ist eine Wahnsinnsstadt, das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Türkei.
Um die 18 Millionen Touristinnen und Touristen aus der ganzen Welt kommen jedes Jahr in die Metropole in Bosporus, bestaunen die prachtvollen Paläste, Moscheen und Museen und gehen logischerweise auf Einkaufstour in den berühmten riesigen Bazar im Stadtviertel Eminönü. Die Freijournalistin Susanne Güsten widmet die neueste Ausgabe der Sendung International des historischen Handelsviertels in Istanbul. Sie lebt seit 30 Jahren in dieser riesigen Stadt, ist in München aufgewachsen. Das ist auch der Grund, warum wir Hochdeutsch sprechen. Und ja, von ihr wollen wir wissen, wie sich Istanbul in dieser Zeit in den letzten 30 Jahren eigentlich verändert hat.
Susanne Güsten (0:52)
Es explodiert in jedem Sinne. Als ich 1997 hinzog, waren da schon 8 Millionen Einwohner. Inzwischen hat sich die Stadt verdoppelt, und das auch nur offiziell auf 16 Millionen Einwohner. Inoffiziell sind es wahrscheinlich eher 20 Millionen Einwohner, denn nicht jeder meldet sich an. Das heisst, dass die gesamte Schweiz an der Bevölkerung zweimal in Istanbul reinpassen würde.
Und wieder zu erkennen, ist es auch kaum. Als ich hinzog, war das fast noch ein Entwicklungsland. Da haben wir uns in Sammeltaxis fortbewegt, weil es keinen öffentlichen Nahverkehr gab, der funktionierte. Wir haben dicke Packen an Liras rumgeschleppt, weil die Inflation das Geld mitnahm, sodass man Millionär war jeden Tag. Und heutzutage allein der Transport, der größte Flughafen von Europa, und das nur einer von zwei Flughäfen von Istanbul, Brücken über den Bosporus, Tunnels unterm Bosporus, Bahnen, Busse, alles. Man kommt überall hin ohne Auto.
SPEAKER_1 (1:51)
Du hast gesagt, 20 Millionen Menschen leben in einer einzigen Grossstadt. Die Türkei hat ca.
87 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Weshalb wohnen denn so viele Menschen ausgerechnet in Istanbul?
Susanne Güsten (2:05)
Ja, also insgesamt in Städten wohnen inzwischen 80% der Türken. Das hat damit zu tun mit einer Landflucht bei der Modernisierung der Landwirtschaft in den 70er-, 80er-Jahren, mit dem Kurdenkrieg in den 90ern, wo auch Millionen Kurden geflohen sind. Und die meisten hat es deswegen nach Istanbul gezogen, weil das hat so einen Schneeballeffekt. Also von Anfang an war schon immer der Handel in Istanbul, das ist historisch so, schon seit dem Osmanischen Reich, da legen die Schiffe an, kommen übers Meer, wo die Händler sind, da kommen die Käufer hin, wo die Käufer sind, da kommen noch mehr Händler hin. Und das hat sich mit so einem Schneeballeffekt so entwickelt, dass heutzutage all die grossen Konzerne, die guten Universitäten, die guten Krankenhäuser, die Banken, das Finanzwesen, also all die Arbeitsplätze, alle Chancen im Leben, kleben quasi an Istanbul, haben sich wie so ein Schneeball, der immer schneller rollte, da angesammelt zu einem grossen Klumpenbund und eben 20 Millionen Menschen dran kleben.
SPEAKER_1 (3:00)
Istanbul ist also das wirtschaftliche Zentrum der Türkei und für deine Reportage für die Sendung International warst du im Handelsviertel Eminönü, wenn ich das richtig ausspreche.
Warst dort unterwegs und hast den Puls gefühlt. Was konntest du daraus ablesen, wie es in der Türkei wirtschaftlich läuft?
Susanne Güsten (3:19)
Ja, die Leute, die laufen im Hamsterrad quasi immer die Rennung, immer schneller, immer schneller, aber sie kommen nicht voran, wie mir auch einer sehr anschaulich gesagt hat. Durch die Inflationen, ja, also die Türken sind mit die härtest arbeitenden Menschen der ganzen Welt. Ich habe gestern eine neue Statistik gesehen, wo Menschen in Mexiko arbeiten, wochenwöchentlich so viele Stunden, wie die Türken. Und trotzdem kommen sie nicht von der Stelle, wie sie mir sagten, wegen der Inflation, weil das Geld halt immer wieder entwertet wird. Vor zwei Jahren oder drei Jahren hat es mal 75 Prozent erreicht. Jetzt ist es im Moment 32 Prozent, die Inflation landesweit in der Türkei. Und da ist es wieder so, dass in Istanbul noch mehr ist, wie alles in Istanbul mehr ist.
In Istanbul liegt die Inflation immer etwas höher, derzeit bei 35 Prozent.
SPEAKER_1 (4:03)
Und warum?
Susanne Güsten (4:05)
Gegenüber dem restlichen Land gibt es einen Faktor, der da richtig ins Kontor haut. Und das ist der Wohnraum. Also Wohnen in Istanbul ist so unglaublich schwierig und teuer geworden. Weil einmal muss man sich vorstellen, wenn jetzt in den letzten 30 Jahren 10 Millionen Menschen neu dazugekommen sind in der Stadt, was da an Wohnraum gebaut werden müsste, um mitzukommen, das ist ja unglaublich. Und was jetzt noch dazukommt, ist die Erdbebengefahr. Da war man sich lange nicht bewusst. In den 70er, 80er, 90er Jahren, als die Leute ja schon in die Stadt strömten, wurde gebaut, was das Zeug hält, aber also ohne Sinn und Verstand. Jeder hat gebaut, was er gerade brauchte, oft für sich selber einfach nur. Es gab keine Vorschriften, keine Kontrollen. Dann kam 1999 das große Erdbeben am Marmara-Meer, wo 20 Menschen gestorben sind.
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