TALK: Ist Brasiliens Demokratie in Gefahr?
International
October 10, 2026
In Brasilien machen Korruptionsskandale Schlagzeilen, der Putschversuch von 2023 bleibt ein Thema - auch im aktuellen Wahlkampf: Im International-Talk erzählt Südamerika-Korrespondentin Teresa Delgado über ihre Reise in ein Land, in dem die staatlichen Institutionen schwächeln.
Speakers Teresa Delgado
TopicsNews
SPEAKER_1 (0:01)
SRF-Audio Brasilien, das Land des Karnevals, der Samba-Musik und natürlich auch des Fussballs und auch die grösste Demokratie der Südamerika. Bis jetzt einmal weil Brasilien politisch stark polarisiert ist. Bei den Präsidentschaftswahlen leidet Flavio Bolsonaro vorne nach dem ersten Wahlgang. Er ist der Sohn des Ex-Präsidenten Scheir Bolsonaro, der vom Verfassungsgericht verurteilt wurde und ist zu 27 Jahren Haft wegen Anführung eines Putschversuchs. Seit Amerika-Korrespondentin Teresa Delgado. Wie müssen wir diese Bewegung einordnen, auch mit Blick auf Demokratie in Brasilien?
Teresa Delgado (0:37)
Wenn wir zurückdenken an den 8 Januar 2023, dann ist diese Bewegung, der Bolsolarismus, schon sehr gefährlich für die Demokratie. An diesem Tag haben mehrere Tausend Anhängerinnen und Anhänger vom Scheir Bolsonaro die Regierungsgebäude gestürmt. In der brasilianischen Hauptstadt Brasilia waren sie nicht einverstanden mit dem Resultat der letzten Wahlen, bei der der linke Luis Inácio Lula da Silva gewonnen hat, der aktuelle Präsident.
Plänt worden ist der Putschversuch vom Ex-Präsident Scheir Bolsonaro. Mehrere Mitglieder seiner Regierung haben ihn schwer belastet von Gericht. Sein Sohn, Flávio Bolsonaro, der jetzt Präsident werden könnte von Brasilien, hat schon gesagt, etwas vom Ersten, was er als Präsident machen möchte, sei sein Vater begnadigen.
SPEAKER_1 (1:25)
Also ein Angriff auf Regierungsgebäude und ein Urteil des obersten Gerichts, das Flávio Bolsonaro aufheben will. Wie stark sind denn die demokratischen Institutionen in Brasilien?
Teresa Delgado (1:37)
Ein brasilianischer Politologe sagte mir, sie seien geschwächt. Das hat auch mit der Korruption zu tun. Der aktuelle Präsident Lula war mal im Gefängnis wegen Korruption. Später hat das Gericht das Urteil gegen ihn wieder aufgehoben. Und gegen Flávio Bolsonaro wird auch ermittelt wegen Korruptionsverdacht.
Viele Wählerinnen und Wähler haben mir auch gesagt, Korruption sei für sie eines der grössten Probleme im Land.
SPEAKER_1 (2:02)
Was sagen denn die Leute über diese Wahlen?
Teresa Delgado (2:05)
Das war ganz unterschiedlich. Ich war in São Paulo und plötzlich war es sehr laut draussen. Als ich aus dem Fenster von meiner Wohnung schaute, hatten es tausende Menschen draussen auf der Strasse. Und der Präsident von Brasilien, Lula, war von meiner Haustür.
Von einem riesigen, offenen Bus hat er zu den Leuten gesprochen. Es war eine Wahlkampfveranstaltung. Ich dachte, das kann es ja nicht sein, jetzt ist hier Lula von meiner Haustür. Dann bin ich gerade runtergesekelt und habe mit den Leuten auf der Strasse geredet. Ich habe mir das angeschaut und ein junger Mann fiel mir auf.
Er hatte ein Plakat, das darauf stand, mehr oder weniger, Gang weg, Trump! Brasilien gehort, dir nicht!. Ich fragte ihn dann, was er damit meinte. Er sagte, Flavio Bolsonaro sei so eng befreundet mit Trump, das passe ihm nicht. Wenn Bolsonaro die Wahlen gewinnen würde, dann würde Brasilien abhängig von den USA.
SPEAKER_1 (2:59)
Was sagen die Unterstützer von Bolsonaro?
Teresa Delgado (3:02)
Die sagen das Gegenteil. Beim ersten Wahlgang habe ich mit einem Bolsonaro-Wähler gesprochen, vor einem Wahllokal. Er hat für Bolsonaro gestimmt, wie Lula ein Sozialist sei, hat er mal gesagt, und zu viele soziale Unterstützungsprogramme hätte. Das sei zu teuer und besser, wenn jeder selber hart arbeiten muss, um über den Rund zu kommen. Das hätte er schliesslich auch müssen. Der Mann hatte ein T-Shirt mit Flavio Bolsonaro drauf, Donald Trump und dem Präsident von Argentinien, Javier Millet. Auf dem Kopf hatte er eine rote Trump-Hut, die drauf stande, Make America Great Again. Er sei für Freiheit und Kapitalismus, hat man damals gesagt, und für engere Beziehungen mit den USA.
Bei der Wahlkampfveranstaltung von Lula sah ich übrigens eine blaue Hütte, die drauf stande, Brasil, edus brasileiros, also Brasilien gehöre der Brasilianer und eben nicht den USA.
SPEAKER_1 (3:56)
Das klingt jetzt recht nach zwei völlig spaltenen Lager. Was bedeutet das für das Land selbst?
Teresa Delgado (4:01)
Es ist im Moment ein wahnsinnig polarisiertes Land. Es hat evangelikale Christen, die Bolsonaro unterstützen, und die LGBT-Community, die Lula unterstützt. Ein anderer Experte hat gesagt, der Personalismus sei eigentlich wie die Gegereaktion auf den Volkismus und die politische Korrektheit. Das Resultat ist, dass die Brasilianer viel streiten, wenn sie mit Andersdenkenden über Politik reden, weil die Spannungen so gross sind, dass es fast keine Kompromissbereitschaft mehr gibt.
Ein Taxifahrer hat gesagt, früher habe ich bei seiner kleinen Standbeiz ein Schild an der Wand gehabt, das darauf standen sei, es sei in der Wahl verboten, über Politik, Religion und Fussball zu reden, um den Frieden in dieser Beiz zu wahren. Und jetzt sagt er, der Taxifahrer bräuchte diese Schilder eigentlich überall, wie die Leute Mühe hätten, die Meinung von der anderen Seite zu tolerieren. Und das sorgt für viele Streit, was das alles bedeutet für die Wahlen und ob es jetzt zum Beispiel nochmals zu Ausschrittungen kommt, je nachdem, wer die Stichwahl gewinnt, Lula oder Bolsonaro, das müssen wir dann sehen.
SPEAKER_1 (5:11)
Teresa, du warst in Sao Paulo für deine Hintergrundsendung International. Sao Paulo ist die grösste Stadt von Brasilien. Gib uns mal einen Überblick, wie gross ist die Stadt genau?
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