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Nah dran an Moskau

Der Ostcast

September 3, 2026

Wenn die Menschen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern neue Landtage wählen, dann steht auch die Russlandpolitik der Bundesregierung mit zur Abstimmung. Denn gerade in Ostdeutschland scheinen Parteien wie die AfD und das BSW mit einer russlandfreundlichen Politik auf Stimmenfang zu gehen.

Speakers Michael Thumann, Alice Bota, Anne Hähnig, Sarah Wagenknecht, Gregor Gysi

TopicsPoliticsNewsSociety & Culture

SPEAKER_1 (0:10)

Der Ostcast, ein Podcast über Russland und alle, die auf keinen Fall Teil davon werden wollen.

Michael Thumann (0:24)

Liebe Hörerinnen und Hörer, in Ostdeutschland wird gewählt und Russland und Putin spielen dabei oft eine Rolle. Und immer wieder kann man dabei solche Sätze hören.

Alice Bota (0:37)

Man darf Russland nicht einfach als Feind ansehen, wie die Medien es tun. Die Medien würden dieses Land verteufeln. Russland tue doch nichts anderes, außer seine Interessen zu verteidigen.

Michael Thumann (0:48)

Die Einteilung in Gut und Böse sei überhaupt falsch. Alles ist ja nicht so eindeutig mit dem Krieg.

Alice Bota (0:55)

Oder, der Klassiker, wenn sich die USA nicht in der Ukraine eingemischt hätten, dann wäre das alles nicht so gekommen.

Michael Thumann (1:02)

Und die NATO hat ja alle Versprechen gegenüber Russland gebrochen und sich gegen Russlands Willen erweitert.

Alice Bota (1:11)

Der Westen hat Russland mit Sanktionen und Ausgrenzungen provoziert und isoliert, es musste handeln.

Michael Thumann (1:17)

Wenn Deutschland heute die Ukraine aufrüstet, dann ist es doch kein Wunder, dass Russland sich wehrt.

Alice Bota (1:24)

Ja, ich hoffe, dass diese Behauptungen nicht aus dem Kontext genommen werden und es auf einmal heißt Michael Thumann ist also auch der Meinung, die NATO hätte sich nicht erweitern dürfen.

Wir haben diese Behauptung schon sehr oft widerlegt, auch an diesem Ostcast. Heute geht es uns aber um etwas anderes. Denn in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wird ein neuer Landtag gewählt und Russland spielt auf vielen Wahlveranstaltungen eine Rolle.

Wir wollen uns anschauen, warum so viele Ostdeutsche diesen Blick auf Russland haben. Woher kommen diese Annahmen? Woher kommen auch die Ängste, die damit verbunden sind? Woher kommt die Verklärung? Und warum hat der Angriff auf die Ukraine 2022 nicht grundsätzlich etwas verändert? Woher kommt dieses Verständnis für die Politik des russischen Regimes? Mein Name ist Alice Bota. Ich war Osteuropa-Korrespondentin der Zeit.

Michael Thumann (2:19)

Und ich bin Michael Thumann, Osteuropa-Korrespondent der Zeit und Leiter unseres Moskauer Büros.

Alice Bota (2:25)

Michael, vielleicht fangen wir mit einem Thema an, das gerade ziemlich viele, ganz sicher zumindest die Bundesregierung umtreibt. Das ist Leipzig. Dort gibt es einen Flughafen, auf dem auch ukrainische Frachtflugzeuge stehen. Und es gab Anfang August einen Vorfall. Man weiß mittlerweile, dass es sich um einen Anschlagsversuch gehandelt hat.

Insgesamt gab es drei Drohnen, die zum Einsatz kamen. Es ist niemandem zu Schaden gekommen. Aber das war offenbar mehr Glück als Kalkül. Denn das Ziel scheint gewesen zu sein, eine Explosion auszulösen auf dem Flughafen in Leipzig.

Michael Thumann (3:03)

Also einem Flughafen, das wollen wir hier mal kurz festhalten, der zivil von mehr als zwei Millionen Passagieren jährlich genutzt wird und über den ein großes Frachtaufkommen abgewickelt wird. 1,4 Millionen Tonnen im Jahr.

Alice Bota (3:19)

Ja, also kein verschlafener kleiner Flughafen, wie man es meinen könnte, sondern wirklich ein regional wichtiger Flughafen. Und die Bundesregierung und die Geheimdienste haben sich auf den Urheber festgelegt, nämlich Russland und die russische Regierung.

Man würde denken, dass diese Nachricht schockiert war. Es ist ja potenziell jeden und jeder hätte treffen können, die in den Urlaub fliegen will oder die sich dort in irgendeiner Form aufhält. Aber das Erstaunliche ist, dass viele genau das nicht wahrhaben wollen, dass Russland dahinter stecken könnte, gerade in Ostdeutschland.

Michael Thumann (3:51)

Es gibt auch andere Lesarten. Ich habe zum Beispiel einen Leserbrief bekommen, in dem der Schreiber sagt, Deutschland solle sich nicht wundern, wenn Russland Deutschland angreife. Schließlich läge ja Deutschland im Krieg mit Russland, weil es Waffen an die Ukraine liefere. Was übrigens, muss ich hier sagen, völkerrechtlich falsch ist. Nach dem Völkerrecht steht Deutschland nicht im Krieg, wenn es der Ukraine hilft.

Alice Bota (4:18)

Etwas, was ich auch gehört habe, ist, was haben dort in Leipzig ukrainische Maschinen zu suchen, wenn es doch ein ziviler Flughafen ist. Ich finde, dass Leipzig ein gutes Beispiel dafür ist, was für eine radikal unterschiedliche Wahrnehmung man in politischen Berlin hat. Man sagt Terroranschlag aus Russland.

Und bei vielen Menschen in Ostdeutschland, wo man eben ein Stück weit, ein Teil der Gesellschaft, sich denkt, selber Schuld, so was kommt von so was. Woran liegt das eigentlich, diese Diskrepanz?

Michael Thumann (4:55)

Wir haben vor diesem Ostcast mit Anne Hänig gesprochen.

Anne war lange im Büro der Zeit im Osten und sie leitet heute unser Politikressort und hat kürzlich viel in Leipzig recherchiert. Und sie sagt, man sei sich durchaus bewusst, dass von Russland eine Gefahr ausgehe, nur ist dieses Bewusstsein von einer ganz anderen Furcht überlagert. Hören wir mal rein, was sie sagt.

Anne Hähnig (5:23)

Es gibt eine große Sorge vor einer Eskalation, vor einer militärischen Eskalation. Ich habe mich oft gefragt, warum das möglicherweise in Ostdeutschland stärker ausgeprägt ist. Das hat womöglich etwas zu tun mit Erfahrungen nach 1945, also mit den Erfahrungen, die man einfach machte, mit den sowjetischen Beserzern, die schrecklich waren oder die teilweise schrecklich waren. Das hat wahrscheinlich auch was damit zu tun, dass Kriegsfolgen in Ostdeutschland noch länger sichtbar waren.

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