Marokko – Land der zwei Geschwindigkeiten
International
September 30, 2026
Geschätzte 100 Milliarden Euro investiert Marokko in eine moderne Infrastruktur. Gleichzeitig überlegt sich eine Mehrheit der jungen Menschen auszuwandern. Kaum ein Land in Afrika hat sich in den vergangenen Jahren so stark verändert wie Marokko mit seinen 38 Millionen Einwohnern. Zum Positiven?
Speakers Stefan Ehlert, Hakim Sikuk, Steven Höffner
TopicsNews
SPEAKER_1 (0:01)
SRF-Audio.
Stefan Ehlert (0:13)
Eine Hochzeit in Marokkos Hauptstadt Rabat. Eine Drohne kreist über den mindestens 120 Gästen. Sie überträgt alles live auf die Bildschirme an den Wänden. Drei Live-Bands spielen im Laufe dieser langen Nacht. Die Braut wird auf einer Sämpfte im klimatisierten Saal herumgetragen. Bis ihr Bräutigam sie erlöst und sie neben ihm auf einem Sofa für Fotos posieren kann.
Umgerechnet mehr als 5000 Euro kostet dieses Fest zur Vermählung eines Polizisten mit einer Krankenschwester. Beide Familien haben zusammengelegt. Und verwandte Freunde und Freundinnen tragen auch etwas bei, um die Kosten zu stemmen. Denn die Gastgeber gehören keineswegs zur Oberschicht. Aber man will es sich trotzdem irgendwie leisten. Die jungen Leute sollen auf jeden Fall einen schönen Start ins Eheleben haben.
Diese Hochzeit erzählt viel über das heutige Marokko, über die Hoffnung und das Streben in diesem Land am südlichen Mittelmeerrand mit seinen 38 Millionen Einwohnern. In den vergangenen 15 Jahren hat es sich so stark verändert wie wenige andere Staaten in Afrika. Verändert zum Positiven? Ja, sagen viele. Und dennoch, dass haben Umfragen ergeben, kann sich eine Mehrheit der jungen Menschen vorstellen, auszuwandern. Der Wunsch ist so stark verbreitet, dass Ende Juli 2026 binnen zwei Tagen mehr als 70 von ihnen nach Ceuta schwammen oder liefen und unter Lebensgefahr die Grenzen zu dieser spanischen Exklave überwanden. Nach offiziellen Informationen starben mehr als 80 Menschen dabei. Viele ertranken im Meer. Eine Tragödie.
Was erzählt uns dieses Drama über Marokko, das Land im Nordwesten Afrikas, das so gern Rekorde aufstellt, höher, schneller, größer? Davon handelt dieses International. Mein Name Stefan Ehlert.
Es ist ein Marokko, wo sich trotz Bau- und Wirtschaftsboom nur wenige der jungen Erstwählerinnen und Erstwähler für die diesjährigen Wahlen registrieren ließen. Noch immer sitzen hunderte Beteiligte der Gen Z-Proteste des vergangenen Jahres in Haft. Manche minderjährig und ohne je einen Prozess gehabt zu haben. Welche Bedeutung haben Wahlen angesichts solcher Missstände? Lässt Marokkos offizielle Politik wirklich die jungen Menschen im Stich, wie Kritiker behaupten?
Vermutlich gibt es nur wenige Länder auf der Welt und noch weniger in Afrika, in denen so viel öffentliche Infrastruktur geschaffen wird wie zurzeit in Marokko. Das Ziel, die Modernisierung des Landes voranzutreiben und zugleich Klima-Extremen zu begegnen, wie jahrelangen Dürren oder wie in diesem Jahr verheerenden Überflutungen. Riesige Meerwasserentsalzungsanlagen und neue Staubecken sollen helfen, die Trinkwasserversorgung abzusichern. Nach Schätzungen belaufen sich die Gesamtinvestitionen auf umgerechnet mehr als 100 Milliarden Euro. Schnellbahnstrecken gehören zu den Großprojekten, Autobahnen, Solarparks, Stadienkliniken, Nahverkehr und dazu noch die größte Eissporthalle, das größte Riesenrad und das größte Meerwasserfreibad Afrikas. Hauptsache super lativ.
Ob sich all diese Milliardeninvestitionen rechnen, das muss sich noch zeigen. Aber viele Marokkanerinnen und Marokkaner sind stolz darauf. Etwa die Besucher des Mammut-Freibades für 5000 Besucherinnen und Besucher am Atlantikufer in der Hauptstadt Rabat.
SPEAKER_3 (3:55)
Das hier ist das größte Freibad Afrikas und deswegen kommen wir hierher. Das ist die Rezennahe.
SPEAKER_4 (4:01)
Er ist sehr schön.
Stefan Ehlert (4:10)
Ein wichtiges Symbol für den Bauboom und für Marokkos ehrgeizige Ambitionen ist Afrikas künftig größter Atlantikhafen, Dakhla Atlantic Port. 2028 soll er fertig sein, Halbafrika bedienen und irgendwann auch zum Umschlagplatz für grünen Wasserstoff werden. Das erzählt Oma Abagas, Pressesprecher des Projekts, als er uns über die riesige Baustelle führt.
Der neue Tiefseehafen soll maßgeblich mit dazu beitragen, dass sich die von Marokko beanspruchte und völkerrechtlich umstrittene Westsahara wirtschaftlich entwickelt. Und, sagt Oma Abagas, der Hafen und der daran angeschlossene Logistikpark könnten der Jugend eine Perspektive bieten in Form von tausenden Arbeitsplätzen.
SPEAKER_4 (5:01)
Das hier ist viel größer als andere Projekte. Es geht hier um Investitionen in Höhe von 13 Milliarden Dirham. Das sind rund 1,2 Milliarden Euro. Damit ist es das größte Bauprojekt in Marokko.
Stefan Ehlert (5:17)
Marokko wird im Ausland gern mal unterschätzt. Ein Beispiel dafür ist der andere große Hafen, Tangamet, dort, wo sich Atlantik und Mittelmeer im Norden des Landes begegnen.
Und Ladekräne zu sehen, sind so weit das Auge reicht. Mehr als 10 Millionen Container werden dort jedes Jahr umgeschlagen. Es ist inzwischen einer der weltgrößten Häfen und der größte Afrikas.
Doch das habe sich noch nicht überall herumgesprochen, sagt Direktor Mehdi Tasi. Er verweist stolz auf die Leistungsstärke von Tangamet.
Hakim Sikuk (5:50)
Wann wir Hamburg überholen werden?
Den Hamburger Hafen haben wir doch schon vor zwei Jahren abgehängt.
Aber es kommt nicht nur auf die Menge der Container an, sondern auch auf die Effizienz. Je schneller wir Schiffe ent- und beladen können und je weniger Schiffe warten müssen, desto besser.
SPEAKER_4 (6:07)
Je schneller du einen Schiff bekommen und schnell verbreiten kannst, also es gibt keine Verkondung in deinem Schiff, desto wichtiger ist es für einen Armaten.
Stefan Ehlert (6:18)
Die Fabriken im Hinterland des Hafens Tangamet beschäftigen bereits heute mehr als 130 Menschen. Manche davon beliefern auch deutsche Autohersteller und bauen etwa Sitzheizungen für BMW.
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