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Kreta – Blutrache neben der Idylle artwork

Kreta – Blutrache neben der Idylle

International

September 23, 2026

Kreta ist für viele eine traumhafte Ferieninsel. Sie hat aber auch eine lange Tradition der Waffen und der Blutrache unter Familienclans. Die Reportage. Auf der Insel Kreta gibt es Traumstrände, türkisblaues Meer und Touristen. Aber das ist nur die eine Seite der Wirklichkeit.

Speakers Moritz Pampl, Markus Bingle, Michaelis, Janis, Evi Hristaki, Konstantinos Kanlis, Jorgos

TopicsNews

SPEAKER_1 (0:01)

SRF-Audio.

Moritz Pampl (0:06)

Kreta, Griechenlands größte Insel.

Mehr als fünf Millionen Gäste im Jahr kommen hierher. Auf der Suche nach Erholung und nach Abenteuer.

Markus Bingle (0:17)

Kreta ist toll, weil es gibt gutes Essen, viel Sonne.

Moritz Pampl (0:22)

Aber Kreta ist auch das. Waffen, Gewalt und Blutfäden, die ganze Generationen zerstört haben.

Michaelis (0:33)

Was das mit unserem Leben gemacht hat. Acht Monate alt und du wächst ohne deine Mutter auf.

Moritz Pampl (0:42)

Und jetzt wollen viele Kreter selbst mit der Gewalt brechen.

Das ist international.

Ich heiße Moritz Pampl.

Zentral Kreta. Ich denke an Urlaubsreisen mit meinen Eltern. An Gastfreundschaft, Tanz und Musik. Lebendige Traditionen von Bewohnern, die ihre Wurzeln nicht verloren haben. Gerade in den Bergdörfern, in die ich jetzt fahre.

Doch heute geht es in ein Dorf mit einer tödlichen Tradition.

Bei einem Schusswechsel im November 2025 gab es hier zwei Tote und mehr als zehn Verletzte. Mitglieder zweier Familien haben sich auf offener Straße beschossen. Mit Maschinengewehren. In einem Ort, in dem schon früher eine Vendetta herrschte. Eine Blutfede zwischen zwei Familien. Eine davon, auch bei dem neuesten Vorfall involviert. Bei dem Streit ging es um ein Haus. Gebaut an einer Stelle, die die andere Familie für sich beanspruchte. Eine Bombe explodierte darin. Da sieht man noch zersplitterte Fenster, zersplitterte Tür. Dann folgte die Bluttat. Selbstjustiz statt Rechtsstaat. Nach der Tat wurden 400 Spezialeinsatzkräfte geschickt, um eine weitere Eskalation zu verhindern. In Wodizia leben rund 500 Menschen. Und heute sind einige Beamte immer noch präsent. Die Polizei ist auch der Grund, warum das Mitglied der Familie mich außerhalb der Ortschaft treffen will. Janis. Dunkelgetönte Sonnenbrille. Kurzarfressur. Er wartet an seinem Pick-up auf mich. Sein Cousin ist bei dem Schusswechsel im November 2025 gestorben.

SPEAKER_1 (2:49)

Guten Morgen, Janis.

Janis (2:51)

Was ist denn schon wieder passiert im Dorf? Ach, lass sein.

SPEAKER_1 (2:58)

Es wird schon werden.

Markus Bingle (3:00)

Wir können nicht rein ins Dorf, die Polizei ist drin.

SPEAKER_1 (3:03)

Und ich will nicht auffallen.

Moritz Pampl (3:06)

Ein Streit, der fast erneut eskaliert wäre. Janis erzählt von dem Tag im November. Den hunderten von Schüssen. Seinem Cousin, der fünf Kinder zurücklässt. Das jüngste noch nicht mal ein Jahr alt.

Seit der Tat verläuft eine unsichtbare Grenze mitten durch den Ort. Für Janis unpassierbar.

Janis (3:30)

Mir geht es um das Dorf. Keiner traut sich mehr auf die Straße.

Die Menschen hier sind gastfreundlich.

Moritz Pampl (3:38)

Dir fehlt es, dass es ein normales Dorf ist?

Janis (3:43)

Klar fehlt es mir. So kennen wir unser Dorf nicht.

Es wird sehr lange dauern, bis es heilt. Ich hoffe, dass alles gut geht.

Moritz Pampl (3:55)

Wie schnell sich die Gewalt weiter hochschaukeln kann, will mir Janis weiter hinten zeigen. An einem Ort, der in die Geschichte Vodisias zurückführt.

Die Gewalt in Vodisia? Lange kein Einzelfall. Kreta gilt als der wilde Westen Griechenlands. Vendettas haben im Lauf der Zeit hunderte Opfer gefordert. Auslöser, oft Diebstahl oder Eifersucht. Die Blutrache wird oft weiter vererbt und zwischen den Männern ausgetragen. Die Ehre zu verteidigen, wird hoch angesehen und in Volkslidern besungen. Friede kehrt oft erst ein, wenn unter den Familien geheiratet wird. Oder wenn Beteiligte das Dorf für immer verlassen.

In Vordisija will mir Yannis den Friedhof zeigen. So etwas wie neutrales Gebiet.

Als wir uns nähern, sieht er, dass auch andere Leute da sind. Yannis sagt, wir sollten vorsichtig sein.

Janis (4:58)

Die Leute sind nach dem Morden mürrischer, verschlossener.

Ein falsches Wort, eine Geste. Das kann sie stören.

Moritz Pampl (5:06)

Auf dem Friedhof deutet Yannis auf mehrere ältere Gräber. Den Verstorbenen sind einige Dinge gemeinsam. Sie sind im August 1955 gestorben und es heißt nicht gestorben am, sondern e von nevthi, ermordet am, bei einer Blutrache vor 71 Jahren.

Und dann werden wir angesprochen von einer Gruppe, die vor einem der Gräber steht und deren Familie damals unschuldig mit hineingezogen wurde.

Michaelis (5:38)

Meine Mutter war das und hier mein Bruder.

Moritz Pampl (5:41)

Erzählt Michaelis Anfang 70

Michaelis (5:45)

Acht Monate alt war ich. Mein Bruder hat 12 Jahre.

SPEAKER_1 (5:49)

Acht Monate alt und du wächst ohne deine Mutter auf.

Moritz Pampl (5:53)

Der Vater überlebte damals schwer verletzt und hat sich sein Leben lang gegen Rache ausgesprochen. Seinem Sohn Michaelis hat das vielleicht das Leben gerettet. Yannis sieht darin auch jetzt beim aktuellen Gewaltausbruch im Ort die einzige Möglichkeit, keine Rache. Er könnte sich einfach zurückziehen. Aber indem er mit uns spricht, versucht er, die Spirale der Gewalt, auch durch seine eigene Familie, zu unterbinden. Das könnte allerdings schwer werden. Am Grab von Yannis Coussin trauert die Witwe. Yannis will nicht mit dorthin. Ich komme allein mit ihr ins Gespräch.

Hier haben sie all seine Lieblingssachen rein.

Ein kleiner Glasschrein auf dem aufwendig gestalteten Marmor-Grab. Darin zwei Messer mit dem Namen des Toten eingraviert. Ein BMW-Autoschlüssel, eine Packung Zigaretten. Warum wurde er getötet, hatte er Feinde?

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