Kopf an Kopf im Ländle – Özdemirs Aufholjagd und Hagels Fisherman's-Friend-Moment
Machtwechsel
March 6, 2026
Die bevorstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg entwickelt sich überraschend spannend: In den vergangenen Wochen hat Cem Özdemir gegenüber dem CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel deutlich aufgeholt – inzwischen liefern sich beide ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Speakers Dagmar Rosenfeld, Robin Alexander
TopicsPoliticsNewsSociety & Culture
Dagmar Rosenfeld (0:16)
Er gehört zu mir. So lässt sich Marianne Rosenberg gleich das Wahlkampfplakat von Cem Özdemir beschreiben. Im Vordergrund ist er der baden-württembergische Spitzenkandidat zu sehen, hinter ihm sozusagen den Rücken stärken, der amtierende Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Dass der Name an der Tür der Staatskanzlei, der eines Grünen ist und auch bleiben soll, das verrät das Plakat allerdings nicht. Auf das Parteilogo ist bewusst verzichtet worden. Und das ist nicht das einzig Bemerkenswerte an der bevorstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg. Özdemir hat in den letzten Wochen gegenüber dem CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel eine Aufholjagd hingelegt, sodass die beiden sich nun ein Kopf an Kopf-Rennen liefern. Wie es dazu kommen konnte und welche Auswirkungen die Wahl im Ländle auf die Bundesebene hat, darüber sprechen Robin und ich in dieser Folge von Machtwechsel. Um die Auswirkungen der Washington-Reise des Kanzlers geht es dann im zweiten Teil. Denn nicht nur in Spanien ist das Eviva Friedrich Merz ausgeblieben.
SPEAKER_1 (1:43)
Wer regiert Deutschland? Mit Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander.
Dagmar Rosenfeld (1:54)
Egal, wie die Landtagswahl in Baden-Württemberg ausgeht, sie wird Folgen für den Bund haben, für die Union und für die Grünen. Und warum das so ist, das hat viel mit den beiden Spitzenkandidaten zu tun, mit Manuel Hagel und Cem Özdemir und damit, wie sie ihren Wahlkampf angelegt haben. Robin, ins neue Jahr ist die CDU in Baden-Württemberg mit einem satten Vorsprung gestartet. Sie lag da bei 29 Prozent, die Grünen bei 20 Prozent. Cem Özdemir, er galt lange als chancenlos in diesem Wahlkampf.
Robin Alexander (2:28)
Es war weniger Cem Özdemir, der als chancenlos galt, als vor allen Dingen seine Partei. Es galt als sozusagen gesichertes Wissen, die Leute sind mit den Grünen durch. Seit der Ampel, der höchste Vorsprung, den die da gemessen hatten in Umfragen, war im Oktober 2024, also auf dem Höhepunkt der Ampelkalamitäten, da führte die CDU in Baden-Württemberg mit sage und schreibe 16 Prozentpunkten. Und wie du gerade gesagt hast, noch in dieses Wahljahr sind die gegangen mit acht, neun Punkten Vorsprung. Also eigentlich dachte man, der Drops ist gelutscht.
Dagmar Rosenfeld (2:59)
Dass der Drops nicht gelutscht ist, das hat eben viel mit Özdemir zu tun. Also lass uns mal ein bisschen anschauen, was für ein Kandidat der ist. Özdemir gilt ja als Oberrealo der Grünen.
Robin Alexander (3:14)
Cem Özdemir gehört schon fast zum Inventar der Bundesrepublik, ist immerhin schon 60 Jahre alt, obwohl er immer noch jung aussieht. Und ist so etwas wie das fleisch gewordene schwarz-grüne Versprechen. Und ein uneingelöstes schwarz-grünes Versprechen. Cem Özdemir war schon mal Bundesvorsitzender der Grünen in einer Messallianz mit Simone Peter, hat sich da ziemlich aufgerieben. Wäre, wenn Jamaika gekommen wäre, dort Außenminister geworden. Das hat aber nicht geklappt. In die Ampel hat er sich nur retten können, wegen eines Aufstands in den Grünen, dass man auch einen Nicht-Bio-Deutschen da haben muss. Und dann wurde er Landwirtschaftsminister in der Ampel. Also stand immer dafür großes Talent, kann mehr, kann schwarz-grün, aber stand auch im Verdacht, dass der mit der Ampel schon seine letzte Kurve gedreht hätte. So und der geht zurück in die Landesliga nach Baden-Württemberg, wo er auch, ich meine niemand kokettiert mehr mit seinem Akzent als Özdemir, wo er auch erkennbar herkommt und will da halt jetzt Landesvater werden.
Dagmar Rosenfeld (4:20)
So und jetzt müssen wir natürlich auf den anderen Mann gucken, der auch eine Chance hat, Landesvater zu werden. Das ist nämlich Manuel Hagel von der CDU, 37 Jahre jung, der in der baden-württembergischen CDU eine ebenso konsequente wie solide Karriere hingelegt hat. Also er ist 2016 von dem damaligen Landesvorsitzenden Thomas Strobl zum Generalsekretär der baden-württembergischen CDU ernannt worden, der jüngste Generalsekretär in der CDU-Geschichte. Und Hagel war ein Teil des stroblischen Modernisierungsprojekts, also die Honoratiorenpartei zu entstauben, frischer und weltoffener aussehen zu lassen.
Robin Alexander (5:04)
Während Cem Özdemir noch zu Beginn des Wahlkampfes, als jemand galt, der mal viele Ambitionen hatte, war Manuel Hagel im Gegenzug derjenige, der man sagte, das ist jetzt der Mann der Stunde, dessen Ambitionen sind noch frisch. Hagel kommt aus der Baden-Württemberg-CDU. Und die Baden-Württemberg-CDU ist ein Landesverband, der an sich selbst traumatisiert wurde. Früher hat die CDU in Baden-Württemberg immer gewonnen. Und da gab es zwei widerstreitende Lager. Das wird oft als liberal gegen konservativ beschrieben und verbunden mit den früheren Ministerpräsidenten Lothar Späth und Erwin Teufel. Und in diesem Lager mussten sich dann alle Politiker zuordnen. Aber dieses liberal-konservativ, das kommt nicht recht hin. Weil zum Beispiel Menschen wie Anette Schavan oder Volker Kauder, also Merkelianer auf Bundesebene, waren in diesem Baden-Württemberg-Koordinatensystem bei Erwin Teufel. Also konservative. Deshalb würde ich sagen, diese liberale und konservative Worte, die stellen wir zur Seite, das waren verfeindete Stämme. Und diese Feindschaft, die wurde bis ins siebte Glied ausgetragen und die Partei zerlegte sich epochal. Und Manuel Hagel hat das überwunden. Wie du schon gesagt hast, unterstützt von Strobl, der ihn da installiert hat. Aber Hagel war jemand, der inszeniert wurde als der wiedergeborene Lothar Speth, also als ein Liberaler, als ein Technokrat, der aber in seinem Beratungsteam auch Annette Schavan hatte, also eine Wertkonservative. Also er wurde von beiden verfeindeten CDU-Lagern endorst. Und die CDU dachte sich, wenn wir Frieden mit uns selbst schließen, dann ist es so toll, dass der Bürger das vielleicht auch ganz toll findet.
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