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Kommentar zum AfD-Sieg: Der Ernstfall ist jetzt (Wahlkreis-Spezial)

Was jetzt?

September 7, 2026

Fast überall in Sachsen-Anhalt hat die AfD gewonnen. Erstmals könnte ein AfD-Politiker Ministerpräsident werden. »Jetzt – ist der Ernstfall«, sagt Robert Pausch, politischer Korrespondent der ZEIT und Host von »Was jetzt? – Der Wahlkreis«. Am Tag nach der Wahl kommentiert er bei »Was jetzt?

Speakers Azadê Peşmen, Robert Pausch, Uwe Steimle

TopicsNews

Azadê Peşmen (0:00)

Vielleicht geht es ihnen heute so wie uns. Die Wahl, die Zahlen, die wir aus Sachsen-Anhalt sehen, bewegen sie. Deshalb bringen wir hier zusätzlich zu unseren normalen Was jetzt folgen heute einen Kommentar von einer Stimme, die sie aus dem Was jetzt-Kosmos kennen. Es ist ein Wahlkreis-Spezial sozusagen. Ein Audio-Essay zur Wahl in Sachsen-Anhalt. Es ist Montag, der 7 September und hier kommt Robert Pausch, politischer Korrespondent der ZEIT.

Robert Pausch (0:27)

Der Ernstfall ist jetzt.

Zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik steht eine rechtsextreme Partei unmittelbar davor, politische Macht in Deutschland zu erlangen und einen Ministerpräsidenten zu stellen. Das ist keine Hysterie, das ist keine Panikmache, es ist eine nüchterne Beschreibung der Realität.

Die extreme Rechte führte über Jahrzehnte in Deutschland ein Schattendasein. Manche, die intellektuelleren von ihnen, trafen sich in kleinen, heimlichen Diskussionszirkeln, irgendwo in abgelegenen Herrenhäusern zu Lesekreisen. Sie waren eine versprengte Gruppe. Sie standen, wie sie selbst sagten, am Rande der Gesellschaft.

Andere, eher esoterische, trafen sich zu Sonnenwendfeiern. Sie bildeten Gruppen von sogenannten völkischen Siedlern, die ihre Scholle bewirtschaften wollten, möglichst viele Kinder kriegen und so zumindest im Kleinen ihr Gesellschaftsideal leben, das im Großen als ein Projekt von ein paar Spinnern galt. Wieder andere, die gewaltaffin, trafen sich in Kameradschaften oder Hooligan-Gruppen. Sie jagten Linke, Leute mit anderer Hautfarbe, Fans von Sankt Pauli oder Carl Zeiss Jena. Sie waren gefährlich, aber auch sie waren Außenseiter. Heute sind sie alle Teil des Mainstreams. Teil jener 44 Prozent, die in Sachsen-Anhalt die AfD zur mit Abstand stärksten Partei gemacht haben. Und Teil jener Funktionäre, die nun bald die Posten im Staat besetzen könnten.

Die Scham ist verschwunden. Ich glaube, dieser Satz ist zentral, um zu verstehen, was gerade passiert. Denn er gilt in doppelter Hinsicht. Noch vor zwei Jahren plakatierte die AfD im Wahlkampf in Thüringen Dein Nachbar wählt uns auch. Damals war das ein geniales Plakat. Die Wahl einer rechtsradikalen Partei war zu dieser Zeit noch etwas, was man lieber heimlich tat. Heute, nur zwei Jahre später, ist dieses Charme verschwunden. Die AfD organisierte in Sachsen-Anhalt Massenveranstaltungen. Sie füllte Marktplätze. Ihre Veranstaltungen waren Volksfeste mit Hüpfburgen. Tausende kamen zu den Simson-Ausfahrten mit Ulrich Siegmund. Und sie spricht ihre eigenen Leute auch nicht mehr mit diesem heimlichen Pssst, dein Nachbar wählt uns auch an, sondern im Gegenteil, als Teil einer Avantgarde.

SPEAKER_3 (2:42)

Du wusstest, das kann so nicht weitergehen. Das hat deine Familie nicht verdient. Das hat dein Land nicht verdient. Du wurdest ein Teil. Du wurdest ein Teil einer neuen Kraft, einer Bewegung.

Ein Teil einer einzigartigen Mannschaft, die eines Tages Geschichte schreibt.

Robert Pausch (3:08)

So ist der Sound in den Mobilisierungsvideos der AfD. Du wurdest Teil einer Bewegung, Teil einer einzigartigen Mannschaft, die jetzt Geschichte schreibt. Man schämt sich nicht mehr, im Gegenteil, man ist stolz darauf. Die Scham ist verschwunden, das gilt aber auch noch in einer anderen Hinsicht. Denn in dem Moment ihrer größten Stärken lässt auch die AfD die Scham fallen. Oder, wie es dann in der AfD heißt, die Distanzeritis.

Das Milieu des organisierten Rechtsradikalismus, das ich eben beschrieben habe. Die völkischen Siedler, die Esoteriker, die Kameradschafter. Es steht im Zentrum der Partei.

Sie alle sind Teil der Truppe, die jetzt womöglich die Macht im Land Sachsen-Anhalt übernehmen wird. Da ist zum Beispiel Patrick Haar, der Pressesprecher von Ulrich Siegmund, der unter einer AfD-Regierung gehandelt wird als Chef der Staatskanzlei, also als wichtigster Organisator der Regierung. Oder da ist Lorenz Notdurft, Bürgermeister in Dessau-Rosslau, im Gespräch als Staatssekretär im Justizministerium. Beide haben eine Vergangenheit in der heimatreuen deutschen Jugend, kurz HDJ.

Die HDJ erinnerte nicht zufällig an die HJ, die Hitlerjugend. Sie war eine rechtsextreme Kaderorganisation. Es ging dieser Truppe darum, Kinder zu nationalsozialistischen Freiheitskämpfern zu drillen. In Ferienlagern wurden sie geschult in Rassenkunde. Sie trugen Uniformen und traten zu Fahnenappellen an. Es gibt Bilder von diesen Ferienlagern. Auf einem kann man ein Zelt sehen. Auf dem Zelt ist ein Schild angebracht. Und auf dem Schild steht Führerbunker.

SPEAKER_3 (4:39)

Wir suchen den Kerl und nicht die Massen.

Robert Pausch (4:47)

Ziel der HDJ war es, Personal für einen neuen NS-Staat heranzuzüchten. Eine Elite von morgen. Sie sollte übernehmen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. 2009 wurde die HDJ verboten, wegen, so lautete die Begründung, Wesensverwandtschaft zum Nationalsozialismus. Und eben, weil es ihr Ziel war, eine nationalsozialistische Elite heranzuziehen.

Nun könnten ihre Kader in Regierungsverantwortung kommen. Man kann die Beispiele weiterführen. Vor zwei Wochen gab es eine Razzia bei zwei AfD-Politikern aus Sachsen-Anhalt. Und warum? Die zwei Männer stehen im Verdacht, eine verbotene Nazi-Organisation weiterzuführen, die sogenannte Artgemeinschaft. Das war eine Truppe von Leuten, die sich als Hüter der germanischen Rasse sahen. Sie propagierten eine gleichgeartete Gattenwahl, damit am Ende gleichgeartete Kinder dabei herauskommen. Der SPIEGEL berichtete vor ein paar Monaten von einem Treffen, bei dem auch die beiden AfD-Männer zugegen waren. Ich lese mal aus dem Artikel vor.

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