Europas trockene Zukunft: Drohen jetzt Wasserkriege?
NZZ Geopolitik
August 19, 2026
Europa leidet unter einer beispiellosen Trockenheit und historischen Niedrigwasserständen. Selbst Regionen wie das „Wasserschloss Schweiz“ stossen an Grenzen, während sich die geopolitischen Folgen der Wasserknappheit immer deutlicher zeigen.
Speakers David Vogel, Susanne Schmeier
SPEAKER_1 (0:00)
NZZ Geopolitik.
David Vogel (0:05)
Dieses Geräusch könnte zum Geräusch des Jahres werden. Wir hören Schritte, es sind Schritte in einem ausgetrockneten Fluss.
Es ist Ende Juli, fast 40 Grad im Parco naturale della Valle del Ticino, einem Naturpark an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien, auf der italienischen Seite in der Poebene. Ein Park Ranger ist unterwegs auf Patrouille, nicht auf einem Wanderweg, sondern eben im ausgetrockneten Fluss Ticino.
SPEAKER_3 (0:42)
Wir sind im Herzen des Ticinos, genau in der Zentrale des Alpes. Hier sollte normalerweise Wasser nie fehlen.
David Vogel (0:51)
Normalerweise müsste hier Wasser fließen, sagt der Ranger im italienischen Fernsehen, und er zeigt auf die Flussalgen, die in der Sonne vertrocknen.
SPEAKER_3 (1:00)
Wir finden zwischen den Eier, Algen, die jetzt weg sind, die von dem Sonnen konsumiert werden.
Susanne Schmeier (1:04)
Also ist Ticino eine Zufriedenheit.
David Vogel (1:10)
Die Poerebene, die Kornkammer Italiens, bezieht ihr Wasser, und das ist das Besondere an der Situation und an dieser Geschichte, bezieht ihr Wasser nicht aus Italien selber, sondern hauptsächlich aus der Schweiz, aus den Schweizer Alpen.
SPEAKER_1 (1:25)
Aber dann gehen wir in eine wahre Krise, und in eine agri- und hübsche Krise, die heute die Hydro-Krise beherrscht.
David Vogel (1:31)
Und an den benachbarten Kanton Ticino gewandt, fordert der Präsident der Region Piemont, Alberto Cirio, bitte Ticino, gebt uns mehr Wasser.
SPEAKER_1 (1:41)
Wir haben Interlocutionen, die ich persönlich gemacht habe, mit dem Kanton Ticino und der Valle d'Oste.
David Vogel (1:48)
Und die Antwort kam prompt. Tut uns leid, sagt der Tessiner Regierungsrat Norman Gobbi.
SPEAKER_1 (1:55)
Es ist aber so, dass es in der ganzen Arco al Pino auch im Winter und im Frühjahr zu wenig Wasser gibt.
David Vogel (2:01)
Es hat zu wenig, wir brauchen das Wasser für uns selbst.
SPEAKER_1 (2:05)
Es ist also schwierig, wenn nicht unmöglich, diese Recherche zu beantworten.
David Vogel (2:10)
Erst nachdem sich das Umweltministerium in Rom dazwischen geschaltet hat, kommt es zum Kompromiss zwischen der Schweiz und Italien. Italien erhält seit einigen Tagen, seit dem 10 August, ein bisschen mehr Wasser aus der Schweiz.
Susanne, nicht besonders solidarisch die Schweizer. Was sagst du dazu zu dieser Situation?
Susanne Schmeier (2:29)
Also wir sehen auch in unserer Forschung eine Zunahme von Wasserkonflikten, vor allem auch, wenn es um Verteilung von Wasser zwischen verschiedenen Gemeinden, zwischen verschiedenen Anreinern, aber auch zwischen verschiedenen Staaten geht. Wir sehen aber auch, dass der Großteil dieser Konflikte eigentlich letztlich friedlich beigelegt wird. Das heisst, es wird sicher eine Zunahme geben, aber nicht im Sinne, dass wir Wasserkriege sehen werden.
David Vogel (2:56)
Das ist NZZ Geopolitik, das große Ganze Verstehen. Mein Name ist David Vogel. Europa lächzt unter einer beispiellosen Trockenheit und das wiederum führt zu einer Wasserknappheit. Die geopolitischen Folgen sind nicht zu unterschätzen, sagt die Wasserexpertin Susanne Schmeier von der Universität in Delft in den Niederlanden.
Hallo.
Delft ist eine kleine, hübsche Studentenstadt zwischen Rotterdam und Den Haag. Vor allem ist es eine Stadt, die von Kanälen gesäumt ist. Wie spürst du die Trockenheit? Wie sieht man die Trockenheit bei dir?
Susanne Schmeier (3:34)
Ja, das ist ganz interessant. Man sieht die Trockenheit in dem Sinn nicht. Die Kanäle werden reguliert. Die sind weiter relativ voll. Aber das ist vielleicht gerade das Gruselige, weil wir sehen es nicht an den Kanälen. Aber wir wissen, und da sieht man es dann auch, wenn man mehr aufs Land fährt in den Niederlanden, in Poldern, in Speichern, in Flüssen, dort sieht man, dass der Wasserstand zurückgeht. Und das betrifft jetzt massiv an Land die Niederlande, das eigentlich gewohnt ist, eher zu viel Wasser zu haben als zu wenig.
Das zweite Problem ist auch, dass wir hier durch den verringerten Zufluss ins Rhein-Maas-Delta-Gebiet auch einen massiven Salzwassereintrag haben. Das wird oft vergessen. Das sieht man natürlich nicht. Aber in dem immer mehr Salzwasser vom Meer reindrückt in die Kanäle, in die Flüsse, in die Polder, kommt es hier zu einem Brackwasser im Wasser, was natürlich die Trinkwasserversorgung in dem Sinne nicht beeinträchtigt, aber viel komplizierter und am Ende auch viel teurer macht. Und als Drittes haben wir natürlich das Problem, dass die Trockenheit massiv die Deichstabilität beeinträchtigen kann. Die Deiche können reißen, die Deiche können brechen. Und die Ergebnisse davon würden wir dann beim nächsten Hochwasser sehen.
David Vogel (4:46)
Ich muss dir offen sagen, bis jetzt war für mich als Schweizer das Wasser eine Art nie versiegende Quelle. Also ich bin auch so aufgewachsen in der Schule, hat man immer von diesem Wasserschloss Schweiz gesprochen. Also Schloss als eine Art ein sicherer Hort, wo das Wasser gespeichert werden kann. Was denkst du, wie verändert dieser trockene Sommer dieses Bild des nie versiegenden Rohstoffes Wasser?
Susanne Schmeier (5:11)
Ich glaube, wir sehen jetzt schon Veränderungen auch bei der Bevölkerung in der Schweiz, in Deutschland, hier in den Niederlanden. Wahrscheinlich so eine Art Aufwacheffekt, der eigentlich wahrscheinlich ja ganz gut wäre, dass erkannt wird, dass Wasser eben nicht unendlich zur Verfügung steht, dass Wasser effektiv und nachhaltig gemanagt werden muss und das Wasser als Ressource, die eben zum Beispiel am Rhein wirklich von der Schweiz durch neuen Länder bis in die Niederlande fließt, eben auch nur gemeinsam gemanagt werden kann.
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