Eminönü – das pulsierende Herz Istanbuls
International
September 9, 2026
Seit Jahren kämpfen die Menschen in der Türkei mit hoher Inflation und sinkender Kaufkraft, doch grosse Proteste gegen die Wirtschaftskrise bleiben aus. Wie lebt es sich in einem Land, in dem Krisen zum Alltag gehören?
Speakers Susanne Güsten
TopicsNews
Susanne Güsten (0:07)
Bei Sonnenaufgang haben die Möwen Eminönü noch für sich. Im Lauf des Tages werden rund zwei Millionen Menschen durch das Istanbuler Händlerviertel zirkulieren. Doch zu dieser Stunde ist es fast menschenleer. Die städtische Müllabfuhr dreht eine letzte Runde, bevor um 6 Uhr die ersten Busse, Trams, Fährschiffe und U-Bahnen ankommen. Für viele tausend Menschen beginnt ein langer Arbeitstag.
Die Türkei steckt seit Jahren in einer Wirtschaftskrise mit einer galoppierenden Inflation von zeitweise über 70 Prozent und Löhnen unter der Armutsgrenze. Große Proteste bleiben dennoch aus. Warum? Um dieser Frage nachzugehen, verbringe ich einen Tag in Eminönü.
Das ist International, aus dem historischen Handelsviertel der Bosporus-Metropole. Hier kommen Menschen aus dem ganzen Land zusammen. Hier bestimmt der tägliche Kampf um den Lebensunterhalt den Alltag. Ich heiße Susanne Güsten.
Kurz vor 6 Uhr gehen in den engen Gassen die ersten Rollläden hoch.
Der Frühstückskoch Fatih ist schon an der Arbeit. In seinem kleinen Ladenlokal rührt er Eier in der Pfanne um, trägt einem Kunden die Auswahl an Wurstsorten vor, nimmt Bestellungen an. Ein Omelett bestellt ein Kunde zum Frühstück, dazu Käse und Oliven. Sie sollen in den Laden Nummer 209 geliefert werden. 209, ja? Vergewissert sich Fatih, bevor er die Bestellungen in Papier einschlägt und seinen Laufburschen losschickt. Rund 6000 Läden gibt es in Eminönü, hunderte davon in Fatihs Einzugsgebiet, unter der Rüstem Pascha Moschee, am Ufer des sogenannten Goldenen Horns, wo die Grosshändler angesiedelt sind. Fatih kennt sie alle, erzählt er. Denn er betreibt dieses Lokal seit 25 Jahren. Seit seinem 20 Lebensjahr.
SPEAKER_2 (2:14)
Ich mag diese Arbeit. Ich mache sie gerne. Anders geht es nicht, anders wäre es nicht durchzuhalten. Was allerdings schwer ist, ich muss immer um 5 Uhr früh aufstehen, 6 Tage in der Woche, seit 25 Jahren, täglich um 5 Uhr.
So vergeht das Leben.
Susanne Güsten (2:31)
Auf dem großen Platz unter der neuen Moschee sind die Kehrwagen noch am Werk.
Schuhputzer Abdullah hat seinen Stand aufgebaut und schon den ersten Kunden, der sich die Lederschuhe polieren lässt. Das werde immer seltener, sagt er.
SPEAKER_2 (2:46)
Früher haben die Leute ihre Schuhe putzen lassen, aber heutzutage tragen alle Turnschuhe. Putzen lässt sie keiner mehr.
Und die Leute haben ohnehin kein Geld mehr. Wir erleben eine Zeitenwende.
Susanne Güsten (2:58)
Seit 36 Jahren sitze er täglich hier, erzählt der 58-jährige Kurde. Seit sein Dorf in den 90er Jahren, im Krieg zwischen der kurdischen Rebellenorganisation PKK und der türkischen Staatsmacht niedergebrannt wurde.
Hunderttausende Kurdeninnen und Kurden flohen damals in die Großstädte. Zehntausende von ihnen landeten in dem Istanbuler Stadtviertel Gazi Osman Pasha, wo auch Abdullah mit seiner Frau und drei erwachsenen Kindern lebt. Nominell lebe er jedenfalls in diesem Außenquartier, sagt er, denn meistens ist er hier im Stadtzentrum bei der Arbeit.
SPEAKER_2 (3:37)
Ich komme jeden Tag hierher, außer sonntags. Ich fahre um 6 Uhr morgens mit dem ersten Bus, ich arbeite bis abends um 8, dann räume ich zusammen. Bis ich zu Hause bin, ist es 10 Uhr.
Ich esse, gehe ins Bett, dann ist es morgen. Ich wache auf und muss zur Arbeit. Für etwas anderes bleibt keine Zeit. Mir brummt immer der Schädel.
Susanne Güsten (4:00)
Obendrein sei das Leben so viel teurer geworden in letzter Zeit, klagt er. Lebensmittel, Miete, alles.
Seit einem Vierteljahrhundert prägt Recep Tayyip Erdogan die Türkei. Auf einen Aufschwung im ersten Jahrzehnt seiner Regierung folgte eine zunehmend erratische Wirtschaftspolitik, die Inflation und Währungsverfall befeuerte. Auch nach einer geldpolitischen Kehrtwende bleibt die wirtschaftliche Lage angespannt.
In den Gassen hinter der Moschee öffnen nun immer mehr Läden. Der Großhändler Erdem richtet die Auslage vor seiner Ladentür. Blaue Glasperlen mit einem stilisierten Auge. Das Amulett gegen den bösen Blick, das rings um das Mittelmeer getragen wird, es soll Unheil abwenden.
SPEAKER_2 (4:45)
Mein Vater und mein Großvater haben schon mit diesen Perlen gehandelt. Diesen Laden hat mein Großvater gegründet. Ich führe ihn in der dritten Generation.
Susanne Güsten (4:54)
Seit Jahrhunderten schlägt in Eminönü das wirtschaftliche Herz Istanbuls. Schon zu Osmanischen Zeiten wurden hier Waren gelöscht, gelagert und weiterverkauft. Grund um seine Moscheen entstanden Straßenzüge voller spezialisierter Läden und Werkstätten. Viele von ihnen bestehen bis heute. In einem Laden um die Ecke ist trotz der frühen Stunde schon Hochbetrieb. Ein fülliger Mann hinter dem Tresen ruft Befehle. Seine Gehilfen stopfen Schachteln und Pakete in große Tüten, die von anderen Männern eilig weggeschleppt werden.
Wir haben jetzt wirklich keine Zeit, sagt der Mann hinter dem Tresen. Kommen sie später wieder.
Inzwischen kommt Leben in die Gassen von Eminönü. Jetzt, bevor das Gedränge zu dicht wird, schlägt die Stunde der Lastenträger. Auf der Uferstraße vor Eminönü stehen die Lieferwagen aufgereiht. Sie liefern Waren an, können aber nicht in das enge Gassengewirr einfahren.
Männer mit Sackkarren warten am Straßenrand, bis sie an einen Lieferwagen herangewinkt werden und die Kisten, Kästen und Bündel aufladen können, die ihnen zugeworfen werden. Im Laufschritt verschwinden sie mit den Gütern in den Gassen. Vor Läden und Lagern warten dort andere Lastenträger. Alte Männer mit gepolsterten Gestellen auf dem krummen Rücken. Sie übernehmen die Lasten und schleppen sie auf dem Buckel hinauf in obere Stockwerke oder hinab in die Keller. 100 Lira pro Ladung gibt es, erzählen die Lastenträger. Das entspricht einem Franken und 70 Rappen.
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