Der Schamlose (Bonus) | König Gianni – Die Infantino-Story
News Plus Hintergründe
August 12, 2026
Die Kritik an Fifa-Präsident Gianni Infantino ist so laut wie kaum zuvor. Nach dem gescheiterten Plan, Teile der WM-Vermarktung für private Investoren zu öffnen, fordern mächtige Stimmen im europäischen Fussball Konsequenzen. Wie gefährlich kann die Kritik Infantino tatsächlich werden?
Speakers Raphaël Günther, Isabel Pfaff, Mämä Sykora, Sebastian Ramspeck
Raphaël Günther (0:07)
Wenn wir euch fragen, dann sagen die aller, aller, aller, allermeisten, Gianni Infantino, der muss weg. In unserer Umfrage auf der SRG-Debattenplattform Dialog sagen 96 Prozent, Infantino sei einfach nicht mehr der Richtige an der FIFA-Spitze.
Infantino, der war ja schon vor der WM maximal unbeliebt bei vielen hier im Westen, in Europa. Inzwischen ist die Kritik aber so laut geworden, dass auch mächtige Stimmen im Fussball seinen Rücktritt fordern. Ist das Ende der Ära Infantino bei der FIFA wirklich realistisch oder eher europäisches Wunschdenken? Und was heisst das alles für den Fussball und die Weltpolitik sowieso? Antworten auf die ganz grossen Fragen, die gibt's hier in dieser Bonusfolge der SRF Podcastserie König Gianni, die Infantino-Story von News Plus Hintergründe. Ich bin Raphael Günther.
Wir haben ja in der Podcastserie das Leben von Infantino angeschaut. In vier Episoden. Der Kämpfer, der Mächtige, der Gehaste, der Trump-Freund. In welchem Kapitel sind wir jetzt gelandet?
Isabel Pfaff (1:20)
Hm, also vielleicht könnte man jetzt Der Schamlose sagen. Also ich hab erwartet, dass nach dieser Mega-WM jetzt Ruhe um Infantino einkehrt. Zwar ja dann trotz einiger Kritik ein ziemlicher Erfolg, aber falsch gedacht. Offenbar fühlte sich Infantino so sicher in seiner Position, als man kann fast sagen absoluter Fußballherrscher, dass er wohl dachte, perfekter Moment für meinen Privatisierungsplan.
Raphaël Günther (1:44)
Der Schamlose, das nehmen wir mal so mit. Neben Isabel Pfaff aus der SRF-Wirtschaftsredaktion haben wir auch noch andere Gäste eingeladen, um eben diese grossen Fragen hier zu besprechen. Sebastian Ramspeck ist da, von SRFglobal, internationaler Korrespondent von SRF. Und auch Mämä Sykora vom Fussballpodcast, Sykora Gisler ist hier. Mämä, der Schamlose, ich nehme das direkt mal auf. Waren nicht alle im Fussball immer schon schamlos, auch Blatter? Dem hat man das ja auch geworfen.
Mämä Sykora (2:11)
Bis zu einer gewissen Grenze ja, stimmt das. Das ist, glaube ich, was mit der Macht ein bisschen mitkommt. Da werden viele ein bisschen schamloser. Und je sicher man im Sattel sitzt, desto mehr Macht hat man. Und desto mehr kann man auch diese Grenzen ausloten. Und das geht dann ziemlich schnell in diese Schamlosigkeit über, die wir jetzt erleben bei Infantino.
Er hat immer ein bisschen mehr Grenzen überschritten. Und jetzt sind wir an dem Punkt, wo so viele Grenzen überschritten worden sind, dass der Widerstand heftig wird.
Raphaël Günther (2:41)
Heftiger Widerstand, den werden wir sicher auch noch thematisieren. Sebastian, du als Experte für Geopolitik, wenn man sich auf der ganz grossen Weltbühne bewegt, muss man da nicht einfach ein bisschen schamlos sein?
Sebastian Ramspeck (2:53)
Schamlosigkeit ist ein mögliches Erfolgsrezept. Donald Trump hat das natürlich wunderbar bewiesen, dass man eben mit Schamlosigkeit punkten kann bei den eigenen Wählerinnen und Wählern, aber eben auch auf der diplomatischen Bühne. Aber diese Schamlosigkeit muss irgendwie unterfüttert sein mit Machtmitteln, die man auch wirklich hat, weil sonst kommt man mit Schamlosigkeit nicht weiter. Und da sehen wir eine Parallele, aber natürlich auch einen Unterschied zu Infantino. Also Infantino ist natürlich in der Welt des Fussballs der König, der Papst, vielleicht der Gott.
Aber er hat sich hier wohl übernommen, weil er eben dann doch nicht über die Machtmittel eines amerikanischen Präsidenten verfügt. Und die braucht man dann wahrscheinlich, um mit der Schamlosigkeit sehr weit zu kommen.
Raphaël Günther (3:33)
Besonders viel musste sich Infantino eben auch in den letzten Tagen und Wochen diesen Vorwurf der Schamlosigkeit rund um die Teilprivatisierung der WM anhören, dass eben Teile der WM-Übertragungsrechte in eine private Investorenfirma überführt werden sollten. Beteiligt seins halt auch der Bruder von Trumps Schwiegersohn. Also wirklich so eine explosive Mischung hat man schon fast den Eindruck, die sich da zusammen gebraut hat. Inzwischen hat Infantino dann zurückgekrebst, hat die ganze Sache abgesagt.
Und dass Infantino ja immer wieder auch Grenzen auslotet, ausprobiert, wie weit er gehen kann, das haben wir in der Podcastserie ausführlich auch besprochen. Isabel, hat er denn jetzt wirklich geglaubt, dass er damit durchkommt?
Isabel Pfaff (4:13)
Also er hat es geglaubt, davon kann man ausgehen. Und ehrlich gesagt, warum auch nicht? Also er ist schon mit so vielen unglaublichen Sachen durchgekommen. Also man kann nur mal so die jüngsten Sachen nehmen, die WM 2030 auf drei Kontinenten, ein organisatorischer Warnwitz eigentlich. Dann die Vergabe der WM 2034 an Saudi-Arabien, die fast so ein bisschen sank und klanglos untergegangen ist. Er hat sie ja quasi im Alleingang an Saudi-Arabien vergeben. Auch da, die mächtigen Verbände haben ihm keinen Einhalt geboten. Und jetzt zuletzt auch dieser FIFA Friedenspreis an Trump, von dem, man weiß es ja von einigen FIFA Council-Mitgliedern, niemand aus der Exekutive wirklich etwas wusste. Also das sind ja alles schon Dinge, die ihn natürlich bestärkt haben dürften, dass er weit gehen kann.
Mämä Sykora (4:57)
Ja, und es ist auch so, dass er wahrscheinlich auch damit gerechnet hat, dass es gewissen Widerstand gibt, wie bei vielen Sachen, die er eingeführt hat. Er hat die WM aufgeblasen, er hat die Club-WM eingeführt, das Haus gegen den Widerstand einiger Verbände. Aber er dachte, er sei fest genug im Sattel, dass er diese leisen Stimmen aus Europa von ein paar Verbänden, die prallen an ihm ab, aber mit der Mehrheit kommt er durch. Und ich glaube, das ist jetzt immer so passiert bei all den Sachen, die er eingeführt hat.
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