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Brasilien hat die Wahl: Umverteilung oder Gottvertrauen

International

October 7, 2026

Am 25. Oktober entscheidet Brasilien in der Stichwahl zwischen dem linken Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva und dem rechten Herausforderer Flávio Bolsonaro - zwei Kandidaten mit völlig entgegengesetzter Vision für ihr Land. International gibt Einblick in ein tief gespaltenes Land.

Speakers Teresa Delgado, Fernanda Campagnucci

TopicsNews

Teresa Delgado (0:04)

Wenn man in Brasilien das Radio anmacht, sind sie kaum zu überhören. Wahl-Jingles.

Dieses Lied wirbt für den bisherigen Staatschef, Luiz Inácio Lula da Silva. Er will zum vierten Mal Präsident werden. Darüber entscheiden fast 160 Millionen Wahlberechtigte. Brasilien wählt.

Lula hat gehandelt, Lula handelt und wird noch viel mehr tun. Voller Tatendrang sei der 80-jährige Lula, heißt es im Lied.

Ganz anders klingt's bei Lulas Herausforderer. Jetzt tritt der Sohn des Mythos an, hört man hier. Der 45-jährige Flávio Bolsonaro will das politische Erbe seines Vaters Jair Bolsonaro fortsetzen. Der Vater darf nicht mehr kandidieren, weil er wegen eines Putschversuchs zu 27 Jahren Haft verurteilt wurde. Weniger als drei Prozentpunkte lag im ersten Wahlgang zwischen Lula und Bolsonaro. Am 25 Oktober geht es in die Stichwahl. Für Brasilien ist es ein Richtungsentscheid. Wird Südamerikas grösste Demokratie dem regionalen Trend in Lateinamerika folgen und nach rechts rutschen? Brasilien hat die Wahl. Umverteilung oder Gottvertrauen. Das ist International. Ich bin Teresa Delgado.

Ein bisschen altbacken wirkt dieser Auftritt schon. Anhängerinnen und Anhänger von Lula treffen sich Ende September in einer alten Fabrikhalle im Zentrum von São Paulo. Hier sollen Parteimitglieder noch mal so richtig auf den Wahlkampf eingeschworen werden. Das Rennen um das Präsidentschaftsamt ist noch offen. Im ersten Wahlgang lag Flávio Bolsonaro vorn, mit 47 Prozent. Und Lula auf Platz zwei, mit fast 45 Prozent.

Auf der Bühne Parteigrössen des Partido dos Travalheiros, kurz PT. Die Arbeiterpartei ist Lulas politische Heimat, die ihn seit Jahrzehnten trägt. Dann ergreift Gerardo Aukmin das Mikrofon, Lulas Vizepräsident.

SPEAKER_2 (2:41)

Unsere Nation ist unsere Kultur, unsere Religion. Die Nation gibt es nur dank des Kampfs für die Landreform, dank des Kampfs der Arbeiterschaft, der Studierenden, der Frauen, der Kampfer einer organisierten Zivilgesellschaft macht einen Unterschied.

Teresa Delgado (2:59)

So Brasiliens Vizepräsident.

SPEAKER_2 (3:06)

Wir sind zu Recht stolz darauf, den Frieden zu verteidigen.

Der letzte Krieg in unserem Land war vor 150 Jahren. Brasilien ist ein Land des Friedens.

Teresa Delgado (3:16)

Lula habe viel erreicht.

SPEAKER_2 (3:21)

In den letzten drei Jahren schloss er das Mercosur- und EFTA-Abkommen mit Staaten wie der Schweiz, Lichtenstein und der Europäischen Union. Das Mercosur-Abkommen ist das grösste zwischen zwei Staatenverbünden weltweit.

Unsere Exporte in die EU haben seither zugenommen, um 26 Prozent.

Teresa Delgado (3:48)

Seit Jahrzehnten priorisiert Lula die Aussenpolitik. Er präsentiert sich als Garant für Frieden, Multilateralismus und wichtige Freihandelsabkommen.

Draussen, auf der Strasse vor der Fabrikhalle, stehen Lula-Fans.

Fernanda Campagnucci (4:06)

Er ist der beste Präsident, den wir je hatten. Er setzt sich für sozial Benachteiligte ein, Minderheiten, Ungleichheiten bekämpfen hat Priorität für ihn, sagt eine junge Frau.

Teresa Delgado (4:18)

Ihr Begleiter nickt.

SPEAKER_2 (4:25)

Ich bin Lehrer und Lula priorisiert auch Bildung und das tut das Bolsonaro-Lager nicht.

Die Lebensumstände meiner Familie haben sich verbessert, dank den ersten zwei Lula-Regierungen. Er setzt sich dafür ein, dass die Leute besseren Zugang zu Bildung haben.

Teresa Delgado (4:41)

Sein Vater habe im gleichen Metallwerk gearbeitet, in dem Lula als Gewerkschaftsführer vor über 40 Jahren seine politische Karriere begann, sagt der junge Mann und schaut zurück zu seiner Partnerin. Der Bolsonaro-Ismus, die Bewegung, an deren Spitze nun Flávio Bolsonaro steht, mache ihr Angst, sagt sie.

SPEAKER_4 (5:02)

Ich denke, das, was Lula macht, ist das Gegenteil von allem, was Lula macht.

Fernanda Campagnucci (5:11)

Es ist eine faschistische Rechte und sie ist gefährlich. Sie wollen eine Kolonialisierung Brasiliens mit ihrer Annäherung an die USA.

Brasilien ist ein friedliches Land und sie wollen sich mit den USA verbünden, einem der kriegerischsten Länder überhaupt. Ich bin gegen so ein Bündnis.

Teresa Delgado (5:34)

Lula selbst ist an diesem Abend nicht in Brasilien, sondern in New York. Bei der UNO-Vollversammlung spricht er deutliche Worte.

SPEAKER_2 (5:43)

In Amerika, Lateinamerika und die Karibik liegen in unmittelbarer geografischer Nähe zur grössten Militärmacht der Welt. Aber Brasilien passt in keinen Hinterhof.

Teresa Delgado (5:59)

Auch nicht in den Hinterhof der USA. Mehrfach hat Lula die Einmischung von Donald Trump in den brasilianischen Wahlkampf kritisiert. Trump hat Flávio Bolsonaro in den USA empfangen und öffentlich gelobt. In fast alle lateinamerikanischen Wahlen mischte sich Trump dieses Jahr ein und gab bekannt, wer sein Favorit sei. Die USA verfolgen unter Trump eine aggressive Strategie, um ihre Vorherrschaft über Lateinamerika auszuweiten. Markieren militärisch Präsenz etwa in Brasiliens Nachbarland Venezuela.

Auch an engeren Beziehungen zu Brasilien sind die USA interessiert. Dabei gehe es darum, sich Brasiliens Ressourcen unter den Nagel zu reissen, sagt Lula. Seltene Erden, Rohstoffe, Erdöl. Neokolonialismus findet Brasiliens Linke und verteilt blaue Baseball-Caps, auf denen draufsteht. O Brasil, edus Brasilerus. Brasilien gehört den Brasilianern. Das Gegenstück zu Trumps rotem Make America Great Again-Hut.

Am nächsten Abend. Zu Besuch in einem völlig anderen Brasilien. Bei der grössten protestantischen Glaubensgemeinschaft des Landes. Die Assembleia de Deus. Sie gehört zu den Evangelikalen Kirchen Brasiliens. Es ist die am schnellsten wachsende religiöse Strömung des Landes. Auch wenn Brasilien mehrheitlich noch immer katholisch ist, fast ein Drittel der Brasilianerinnen und Brasilianer gehört inzwischen einer Evangelikalen Kirche an.

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