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«Arsenal» statt Anstellung: Sportwetten verführen Afrikas Jugend

International

September 16, 2026

Ein paar Rappen Einsatz, ein Monatslohn als möglicher Gewinn: Sportwetten boomen in Afrika. Gerade für viele junge Männer mit unsicherem Einkommen ist die Verlockung gross. Gleichzeitig wächst ein Markt, mit dem Regulierung und Aufsicht kaum Schritt halten.

Speakers Marvin Massole, Junius Mabu Sitchali

TopicsNews

SPEAKER_1 (0:01)

SRF Audio Hula, hula, hula bitte!

SPEAKER_2 (0:09)

Rund 80 Männer drängen sich um die drei Bildschirme, stehen dicht aneinander. Arsenal gegen Manchester City, englischer Saisonauftakt.

In diesem kleinen Lokal in Kampala wird nicht nur Fussball geschaut, hier wird auf ihn gewettet. Auf Tore, Sieger, Resultate. An jedem Treffer hängt Geld. Die Wette-App auf dem Handy meldet den Gewinn oft, bevor der Ball im Fernsehen das Netz berührt. Dann jubelt der Raum zweimal, zuerst über die Wette, Sekunden später über das Tor dazu.

Einer hat gewonnen, viel offenbar, und spendiert für die ersten beiden Reihen Fanta. Die orangefarbenen Flaschen wandern von Hand zu Hand.

SPEAKER_4 (0:52)

Süsses Glück.

Solche Szenen gehören heute zum Alltag in vielen Städten Afrikas. Auf dem Kontinent ist in den letzten Jahren ein veritabler Wettboom ausgebrochen. Trotz der Armut und der Perspektivlosigkeit vieler junger Afrikaner. Oder gerade deshalb.

Was steckt hinter diesem Boom in Afrika? Wie funktioniert das Wetten und welche Folgen hat es für jene, die wetten und für die Gesellschaft? Das ist international mit Fabian Urech und Sara Flug.

Marvin Massole (1:28)

Es gibt toptop Klubs. Premier League, Spanische Liga, La Liga, die Swiss League.

SPEAKER_2 (1:41)

Marvin Massole kennt sich mit Schweizer Fussballklubs aus. Dabei sitzt er nicht in Basel oder Bern, sondern in Kampala, Ugandas Hauptstadt in Ostafrika. Von seinem Sofa aus verfolgt der 27-Jährige die Spiele auf dem Handy.

Im ärmellosen Shirt fallen seine trainierten Oberarme auf. Massole geht gerne ins Gym, aber was er wirklich liebt, ist Fussball. Er spielt selbst und schaut so viele europäische Ligen, dass er Mannschaften, Fussballer und deren Form genau kennt.

Dabei schaut er nicht nur zu, er analysiert. Wer hat gerade einen Lauf? Wer trifft? Wer schwächelt? Auch zu den Young Boys aus Bern hat er eine klare Einschätzung.

Marvin Massole (2:33)

Die Young Boys spielen offensiv, sie können verlieren aber. Zwei Tore machen sie trotzdem.

SPEAKER_2 (2:39)

Aus seinem Fachwissen versucht Massole Profit zu schlagen. Und das schon lange. Massole ist 12, als er zum ersten Mal ältere Jungs über ihre Wettenreden hört.

Einer habe aus umgerechnet ein paar Rappen Einsatz und ein kleines Vermögen gemacht. Genug für 40, vielleicht 50 von den Süssen, sodass die Marvin Massole damals so liebte.

Marvin Massole (3:03)

Ich dachte, Moment mal, aus so wenig wird plötzlich so viel. Ich hatte selbst zwei Münzen dabei, also sagte ich, komm, setz es für mich.

SPEAKER_2 (3:13)

Damals ist Massole eigentlich noch zu jung zum Wetten. Trotzdem gewinnt er, aus seinem Einsatz wird fast das 20-fache. Als er den Wettschein einlösen geht, hat er Angst, die Frau am Schalter könnte nach seinem Alter fragen. Tut sie nicht, sie öffnet die Kassenbox und blättet ihm die Noten hin.

Das Gefühl war gut.

Marvin Massole (3:36)

Wenn ich heute daran denke, bin ich sofort wieder dort. Aus meinen paar kleinen Münzen war plötzlich Geld gekämpft.

SPEAKER_2 (3:48)

Von dem Gewinn kauft er sich Saft, geht ins Kino und wettet wieder. Erst über Freunde, später im Internat über Mitschüler, die das Geld nach draussen tragen. Dann kommt das Smartphone. Von nun an wettet Massole allein zu Hause. Und doch zieht es Massole bis heute ab und zu zurück an die Orte, an denen alles angefangen hat. Bibanda Biasala heissen sie in der Lokalsprache Luganda. Wörtlich Häuser des Glücksspiels. Und Massole muss nicht lange suchen. Die Wettreklame springt einem in kampala-förmlichen Gegen. Sie ist auf Hauswände gemalt, hängt an Strassenlaternen, leuchtet von übergrossen Bildschirmen an Hotels. Dazwischen immer wieder Wettbüros.

Dort, wo Massole stehen bleibt, fliegen drei fast Tür an Tür.

Drinnen alte Glücksspielautomaten, ein langer Tresen, drei Bildschirme. Davor die Männer. Arsenal gegen Manchester City. Massole schaut kurz zum Spiel, dann geht er zum Tresen. Eine junge Frau nimmt seine Wetter entgegen.

Massole setzt darauf, dass beide Teams mindestens einmal treffen. Die Frau tippt seine Auswahl ein. Ein handgrösser Drucker rattert. Dann schiebt sie ihm den Wettschein entgegen.

Die junge Frau fällt auf. Sie begrüsst die Männer am Tresen herzlich, spricht vertraut mit ihnen.

Marvin Massole (5:30)

Viele kennen ihre Wettbüroangestellte. Manchmal kann sie einem sogar einen Tipp geben.

SPEAKER_2 (5:36)

Frauen sieht man hier vor allem arbeiten. Die Männer wetten. Das passt ins Bild. Laut einer aktuellen Umfrage sind in Uganda rund drei Viertel der aktiven wettenden Männer. Viele sind jung und fußballbegeistert, wie Massole.

Marvin Massole lebt auf engem Raum, in einem einzigen Zimmer. An der Wand lehnt seine Gitarre, daneben steht ein Gaskocher. Seine Freundin wohnt weiterhin bei ihren Eltern. Es sei günstiger so. Studiert hat er Verwaltungswissenschaften, abgeschlossen mit Bestnote.

Stolz waren seine Eltern. Ein sicherer Job folgte trotzdem nicht. Auch damit ist Massole in Uganda nicht allein. Unter den jungen Erwachsenen haben die Hälfte keine feste Anstellung, viele auch keine Ausbildung. Nach der Uni wollte Massole eigentlich bei der ugandischen Verwaltung arbeiten. Doch nach mehreren unbezahlten Praktika wurde daraus nichts.

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