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7. Oktober: «Israel hat einige Schlachten gewonnen, nicht aber den Krieg»

NZZ Geopolitik

October 7, 2026

Drei Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 zieht der Nahost-Experte, Journalist und Autor Richard C. Schneider eine ernüchternde Bilanz für Israel.

Speakers Marlen Oehler, Richard C. Schneider

TopicsPoliticsNewsBusiness

SPEAKER_1 (0:01)

Erhält US-Präsident Donald Trump bei den Midterms die Quittung für seinen disruptiven Kurs? Und vor allem, wird er die Ergebnisse überhaupt akzeptieren? Das besprechen wir am 4 November im Kaufleuten Zürich in einer Live-Aufzeichnung unseres Podcasts NZZ Geopolitik.

Meine Gäste sind die Amerikanistin Claudia Franziska Brüwiler und der Schriftsteller Jonas Lüscher. Die US Midterms am 4 November live bei NZZ Geopolitik im Kaufleuten Zürich. Tickets gibt's bei nzz.ch slash live.

Marlen Oehler (0:42)

Sichtlich erschüttert, bleich, mit tiefen Augenringen, richtet sich der israelische Ministerpräsident in einer Rede an eine geschockte Nation.

Die Hamas wollen uns alle ermorden, sagt er. Die sei ein Feind, der Kinder und Mütter in ihren Häusern und Betten ermordet, verschleppt und massakriert.

Es ist der Abend des 7 Oktober 2023, 22 Uhr Ortszeit, als Netanyahu in die Kamera spricht. Seit über 15 Stunden ist Israel in Kriegszustand. Um 6.3 Uhr in der Früh hat die Hamas Israel überraschend angegriffen. Unter dem Feuer tausende Raketen durchbrachen Terroristen die israelischen Grenzanlagen und infiltrierten israelische Siedlungen, Kibbutzim und Dörfer. Und während Netanyahu diese Rede hält, wird das Ausmass des Tages erst allmählich klar. 1200 Menschen sterben, allein am Nova-Musikfestival sind es über 300 Über 200 Menschen werden in den Gazastreifen verschleppt. Der Terrorangriff der Hamas ist das grösste Massaker an jüdischen Menschen seit dem Holocaust.

Fünf Tage später tritt Netanyahu zum ersten Mal im Parlament auf. Ohne Krawatte, dafür in einem schwarzen Hemd. Netanyahu kündigt die Bildung einer Notstandsregierung an, holt Persönlichkeiten aus der Opposition in die Regierung, er bedankt sich bei der Bevölkerung, macht ihr Mut und zitiert Bible-Fers um Bible-Fers.

SPEAKER_3 (2:43)

Cherev, David, hutzah ma anadam, dekeshet Yonatan, lo tisog leachor.

Marlen Oehler (2:51)

22 Minuten dauert seine Parlamentsrede. Und dann, ganz am Ende, sagt er einen Satz, der noch heute aufhorchen lässt. Gemeinsam werden wir, so Gott will, den totalen Sieg sicherstellen. Nafdiach et a Nizachon ha'muchlat. Den totalen Sieg. Totale Raba. Richard, drei Jahre später, was ist von diesem Versprechen geblieben?

Richard C. Schneider (3:20)

Zunächst einmal auf dem Schlachtfeld einiges, aber nicht alles. Und im Klartext, wenn man sich anschaut, die reale Lage in Gaza, im Libanon, auch mit dem Iran, dann muss man sagen, dass Israel viele dieser Kriege gewonnen hat, dass Israel da gesiegt hat, aber eigentlich den totalen Sieg natürlich nicht erreicht hat. Viele Schlachten gewonnen, aber den Krieg nicht.

Marlen Oehler (3:47)

Das ist NZZ Geopolitik, das grosse Ganze verstehen. Mein Name ist Marlen Oehler.

Nach dem 7 Oktober und drei Kriegsjahren fällt die Bilanz für den jüdischen Staat sehr gemischt aus. Das formulierte Ziel eines totalen Siegs hat Israel nicht erreicht und steht im Gegenteil isolierter da denn je, sagt der NNOS-Experte, Journalist und Autor Richard C. Schneider. Hallo Richard, ich grüsse dich herzlich im Studio.

Richard C. Schneider (4:14)

Hallo Marlen, danke für die Einladung.

Marlen Oehler (4:18)

Richard, also wenn kein totaler Sieg erreicht wurde, heisst das, Israel steht nach drei Jahren Krieg als Verlierer da?

Richard C. Schneider (4:26)

Das kommt darauf an, auf welcher Ebene man sich das anschaut. Also jetzt rein militärisch hat es natürlich schon auch relativ überzeugend. Jenseits der humanitären Katastrophen und allem hat es relativ überzeugend doch viel erreicht, was man am Anfang gar nicht so erwarten konnte. In Gaza hat man es geschafft, die Hamas zumindest für den Augenblick so weit unschädlich zu machen, dass sie zumindest jetzt keine echte militärische Bedrohung mehr ist.

Im Libanon hat man 2024 mit Überraschungsangriffen, die Hezbollah schon sehr überrascht und vieles von ihren Kapazitäten zerstören können, auch ihre gesamte Führungsschicht. Dann gab es den Zwölf-Tage-Krieg gegen den Iran, 2025 im Juni, wo Israel in einer Welle nach der anderen Flugangriffe geführt hat und da auch eine ganze Menge erreicht hat, mehr als man das erwarten konnte. Man war selbst in Israel überrascht, wie gut die israelische Air Force da tatsächlich funktionierte. Also wenn man sich das alles anschaut, inklusive vielleicht auch noch des rein militärischen Aspektes bis dahin, von dem letzten Krieg, den Israel gemeinsam mit den Amerikanern geführt hat in diesem Jahr, da muss man sagen, da ist viel erreicht worden. Aber de facto das, was angekündigt wurde, den Nizachon-Muhlat, der totale Sieg, ist an keiner einzigen Front tatsächlich erreicht worden. Und die Probleme, die es schon vorher gegeben hat, sind alle geblieben.

Marlen Oehler (5:57)

Also gerade der Kampf gegen die Hamas steht ja irgendwie sinnbildlich für diese zweifelhafte Erfolgsbilanz, das ist schon angedeutet. Grundsätzlich kann man gegen eine Terrororganisation rein militärisch überhaupt gewinnen?

Richard C. Schneider (6:11)

Die Erfahrung lehrt das nicht. Die Erfahrung lehrt, dass man eine Terrororganisation nicht komplett besiegen kann, weil die Terrororganisation zunächst einmal mit völlig anderen Mitteln kämpft. Eine normale, sichtbare Armee ist erkennbar, allein schon über Uniformen. Eine solche Organisation arbeitet oft und kämpft oft ohne Uniformen, weil sie eben aus zivilem Gebiet heraus agiert und nicht erkannt werden will. Das ist ja sozusagen ihr Vorteil, weil sie natürlich rein waffentechnisch oft im Nachteil ist. Das ist das eine. Das andere aber ist, eine Armee eines Staates muss siegen.

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