Wenn Chatbots die Karriere mitbestimmen – KI in der Personalauswahl
Das Wissen | SWR
October 15, 2026
Durch KI hoffen Personalabteilungen, Bewerber objektiver und effizienter beurteilen zu können. Dafür muss die KI aber perfekt trainiert sein. Auch Bewerberinnen nutzen KI.
Speakers Brigitte Urhausen, Dominik Tharand, Clemens Striebing, Elena Kralicek, Wolfgang Karl, Svenja Christen, Anna Derz, Selma Kujas
TopicsScience
SPEAKER_1 (0:02)
ARD Sounds, Das Wissen.
Brigitte Urhausen (0:06)
Habe ich es mit einer KI zu tun oder einem Menschen?
Die Frage wird zunehmend auch bei der Jobsuche relevant, wie ein Fall aus den USA zeigt. Im Sommer 2024 klagt ein IT-Experte gegen das US-Unternehmen Workday. Der Vorwurf, die KI-gesteuerte Bewerbungsplattform von Workday habe ihn, einen Afroamerikaner über 40 mit psychischen Erkrankungen immer wieder diskriminiert. Egal bei welchem Unternehmen er sich auch bewarb, immer kam direkt eine Ablehnung. Einmal mitten in der Nacht.
SPEAKER_3 (0:37)
Normalerweise sehe ich ein Workday-Moniker.
SPEAKER_4 (0:41)
Egal wo, du siehst immer einen Workday-Hinweis. Entweder steht Workday in der URL, zum Beispiel xyzunternehmen.workday.com, oder das Workday-Logo ist auf der Landingpage zu sehen, über die man versucht, sich auf die Stelle zu bewerben.
Wenn Chatbots die Karriere mitbestimmen. KI in der Personalauswahl von Beate Kohl.
Brigitte Urhausen (1:07)
Aussortiert von einer KI? Was dem arbeitssuchenden IT-Spezialisten in den USA passiert ist, könnte Bewerberinnen und Bewerbern auch in Deutschland widerfahren.
Schon jetzt nutzen Menschen KI für ihre Bewerbungen und Unternehmen wiederum setzen KI-Tools ein. Wie weit sie dabei schon gehen und welche Pläne sie für die Zukunft haben, ist allerdings nur schwer abzuschätzen. Umfragen unter Personalern schwanken zwischen Euphorie und Skepsis. Mal scheint das Recruiting in seiner bisherigen Form bald der Vergangenheit anzugehören, mal wollen Personalabteilungen die KI vor allem zur Entlastung von Bürokratie nutzen.
Für diese Folge von Das Wissen haben wir uns auf die Suche nach Unternehmen gemacht, die mit KI bei der Personalauswahl experimentieren. Wofür wird sie genutzt und was ist überhaupt sinnvoll?
Den Anfang macht allerdings zunächst ein Arbeitnehmer. Dominik Tarand heißt er und ist Logistikfachmann aus der Nähe von Frankfurt am Main. Vor sich hat er einen geöffneten Laptop.
Dominik Tharand (2:08)
Eier hier, ich hab extra einen Karriereorten angelegt. Und was ich jetzt gemacht habe, ist ich habe mir einfach einen super ausführlichen Lebenslauf erstellt. Diesen nehme ich her und sage dann der KI, pass mal auf, hier habe ich eine Stellenanzeige, lad das PDF da rein.
Ich möchte, dass du mir den Lebenslauf jetzt optimal so vorbereitest, dass er perfekt auf diese Stelle passt. Dass der Recruiter gar keine andere Wahl hat, als mich einzuladen für ein Erstgespräch halt.
Brigitte Urhausen (2:34)
Dominik Taran prüft immer wieder mal seinen Marktwert. Er ist hoch qualifiziert, hat eine Ausbildung und ein Studium absolviert. Seit er die KI konsultiert, ist er mit seinen Bewerbungen deutlich zufriedener.
Sie sind besser auf die Stellenanzeige zugeschnitten und, wie er findet, auch besser formuliert. Außerdem lässt er die KI ein Abstract entwerfen.
Dominik Tharand (2:54)
Ich hab studiert, ich hab so viele Studien gelesen und Abstracts. Da gibt's immer ein Management Summary. Ich hab's auf der Arbeit kennengelernt, weil ich viele Unterlagen für Vorstellende vorbereite. Die lesen die erste Seite und dann vielleicht noch, was soll ich jetzt entscheiden, links oder rechts? Und das lesen sie aus einem Management Summary.
Brigitte Urhausen (3:10)
Die kurze Zusammenfassung soll den Recruitern helfen, sich schnell ein Bild zu machen. Überzeugt sie das nicht, sagt er, können sie sich das Lesen seiner Bewerbung sparen.
Dass eine Bewerbung statt von einem Menschen auch von einer KI gesichtet werden kann, ist Dominik Tharandt bewusst. Es stört ihn nicht.
Dominik Tharand (3:26)
Ich kann mir vorstellen, dass es einfach entstanden ist, KI einzusetzen, weil einfach manche Unternehmen sich mit Tausenden von Bewerbungen auseinandersetzen müssen. Da hat niemand mehr die Zeit, also keiner kann das bezahlen.
Weiß ich nicht, wie viele Menschen einzusetzen, nur um die ersten Bewerbungen zu sichten, die dann auszusitzen, auf den Einladenstapel zu legen. Da wird man ja nicht mehr glücklich mit.
Brigitte Urhausen (3:46)
Manche Großkonzerne erhalten bis zu 100 Bewerbungen im Jahr. Der Rüstungskonzern Rheinmetall soll 2025 nach eigenen Angaben sogar 350 Bewerbungen erhalten haben. Runtergebrochen auf die einzelnen Stellen sind die Zahlen dann zwar nicht mehr so groß, aber auch 100 Bewerbungen können Mitarbeitende der Personalabteilung überfordern. Irgendwann leidet jede Konzentration und damit auch die nötige Unvoreingenommenheit und Fairness.
Es gibt für Dominik Tharand allerdings auch eine Grenze. Wenn er eingeladen wird, will er mit einem Menschen sprechen.
Dominik Tharand (4:21)
Irgendwo ist bei mir der Gedanke, einem echten Menschen vertraue ich mehr als eine Maschine, auch wenn sie vielleicht bessere Ergebnisse liefern kann. Dann sehe ich den Chefs das erste Mal oder vielleicht auch nur die Personalerin und kann schon Rückschlüsse ziehen. Das gelingt mir vielleicht bei einem optimierten KI-Avatar eher nicht.
Ich sehe ja keine Mimik, keine Reaktion.
Brigitte Urhausen (4:42)
Tatsächlich sehen die Gesetze einen Menschen im Bewerbungsprozess vor, und zwar an jeder Station. Er kann zwar einen Teil der Arbeit an die KI delegieren, aber er muss ihre Entscheidungen absegnen. Human in the loop. Mensch in der Schleife heißt das in der Fachsprache.
Ob das im Arbeitsalltag tatsächlich so passiert, lässt sich allerdings nur schwer überprüfen. KI in der Personalauswahl ist ein heikles Thema. Denn im Personalwesen gelten hohe Datenschutzstandards und das Antidiskriminierungsgesetz.
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