Verschweigen, flunkern, lügen – Warum wir nicht so ehrlich sind, wie wir glauben
Das Wissen | SWR
September 20, 2026
Falsche Höflichkeiten, kleine Notlügen, das Verschweigen schmerzhafter Wahrheiten: Solche "Unehrlichkeiten" sind für die meisten Alltag. Welches Verhältnis haben wir zur Wahrheit?
Speakers Nadine Zeller, Isabelle Thielmann
TopicsScience
Nadine Zeller (0:02)
ARD Sounds, Das Wissen. Sind Sie ein ehrlicher Mensch?
Die meisten Menschen würden das vermutlich von sich behaupten. Denn es passt gut zu unserem Selbstbild. Im Alltag passiert aber ständig etwas anderes. Wir beschönigen Dinge, lassen Informationen weg oder sagen Sachen, die nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Darum geht es in diesem Gespräch. Warum wir uns als ehrlicher einschätzen, als wir tatsächlich sind. Und was das über unser Verhältnis zur Wahrheit sagt.
Ich bin Nadine Zeller und spreche darüber mit der Persönlichkeitspsychologin Isabelle Thielmann vom Max Planck Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht, die dazu geforscht hat.
Isabelle Thielmann (0:39)
Hallo. Hallo.
Nadine Zeller (0:41)
Fangen wir mal an mit einer Alltagssituation. Man trifft sich mit Kolleginnen und Freunden auf ein Getränk. Am Ende sagt die andere Person, ach, das war jetzt ein richtig schöner Abend. Das sollten wir unbedingt wiederholen. Und man selbst denkt, auf keinen Fall. Sagt aber, ja, total gern.
Warum erleben wir so etwas nicht als Lüge?
Isabelle Thielmann (1:01)
Naja, es bedeutet in der Situation, wenn man ehrlich wäre, dass man sehr, sehr unhöflich der anderen Person gegenüber wäre und eine soziale Konfliktsituation heraufbehören würde. Und deswegen ist das an der Stelle zwar eine kleine Unehrlichkeit, aber eine, die sozial akzeptiert ist.
Nadine Zeller (1:18)
Das würde jetzt wiederum im Umkehrschluss bedeuten. Es gibt so was wie legitime Lügen. Aber vielleicht noch mal einen Schritt zurück. Was ist denn überhaupt eine Lüge aus psychologischer Sicht?
Isabelle Thielmann (1:29)
Also eine Lüge ist eigentlich, dass ich eine Falschinformation bewusst gebe, wirklich mit der Motivation, mit der Intention, eine andere Person von einer falschen Tatsache zu überzeugen, weil es zum Beispiel für mich selber einen Vorteil hervorbringt.
Nadine Zeller (1:44)
Und es ist auch nicht so, wenn ich jetzt, man erinnert sich ja manchmal an Dinge falsch, man sagt, ich hab dir doch gestern gesagt, dass der Autoschlüssel da und da liegt. Und es kann ja wirklich passieren, dass man vielleicht innerlich sich eine Notiz gemacht hat und gedacht hat, das muss ich unbedingt meinem Partner noch sagen, wo der liegt und es dann nicht gemacht hat, sich aber falsch erinnert. Das wäre dann streng genommen auch keine Lüge.
Isabelle Thielmann (2:02)
Nein, ganz genau. Weil das Ding ist, Erinnerungen sind konstruiert. Wir haben nicht ein eins zu eins Bild in unserem Hirn, das objektiv die Wahrheit abbildet, sondern wir erinnern, dabei konstruieren wir. Und dabei kann es passieren, dass unterschiedliche Leute zu unterschiedlichen Rekonstruktionen führen.
Und wir aber gar nicht ein Video des Ganzen oder sowas haben. Wir können also im Nachhinein sehr, sehr schwer prüfen, was ist eigentlich die objektive Wahrheit? Jeder hat seine subjektive Wahrheit in der Situation.
Nadine Zeller (2:32)
Das heißt, wir können festhalten, zu einer Lüge gehört definitiv diese Täuschungsabsicht. Also ich möchte bewusst täuschen, wieder besseren Wissen.
Isabelle Thielmann (2:42)
Ganz genau.
Nadine Zeller (2:43)
Okay.
Interessant wird es ja aber in diesen grau Bereichen. Also wo beispielsweise hört eine Lüge auf? Wo beginnt Weglassen von Infos und wo beginnt dann Geheimhaltung? Wenn jetzt beispielsweise eine Person eine Affäre hat, die nicht erwähnt wird, obwohl klar ist, dass diese Information auf jeden Fall relevant ist für den Partner. Ja. Ist dieses Weglassen eine Lüge?
Isabelle Thielmann (3:06)
Also es ist schon in einer gewissen Weise ein Betrug an der Beziehung. Wenn ich in der Beziehung sozusagen das Agreement habe, wir sind treu, dann aber untreu bin, dann breche ich an der Stelle natürlich diesen Pakt mit meinem Partner oder meiner Partnerin. Und dementsprechend ist es dann an der Stelle schon, wie gesagt, ein Betrug. Und wenn ich dann nicht darüber erzähle, ist es eher eine Lüge. Vor allem muss man ja überlegen, ganz oft was passiert ist, dass man nicht nur die Tatsache weglässt, dass man eine Affäre hat, sondern man kommt mit anderen Informationen um die Ecke, dass man sagt, auf die Frage hin, wo warst du? Ich habe mich mit einer Freundin getroffen, beispielsweise, anstatt zu sagen, naja, ich habe mich mit meiner Affäre getroffen. Das heißt, selbst wenn man an einer Stelle eine Information weglässt, führt es oft an anderer Stelle dazu, dass man lügt, um diese Information nicht preiszugeben.
Nadine Zeller (3:56)
Also so Deckungslügen beispielsweise. Wir können nachher gerne auch nochmal in Ruhe über diese verschiedenen Arten, diese verschiedenen Typen von Lügen sprechen. Aber auch hier, wir halten fest, ja, also nur, weil ich praktisch nicht aktiv von meinem Partner gefragt werde, hast du eine Affäre? Und ich dann sage nein, obwohl es nicht die Wahrheit ist und dementsprechend Lüge.
Isabelle Thielmann (4:15)
Es ist ein unehrliches Verhalten. So könnte man es, glaube ich, besser klassifizieren als zu sagen, es ist eine Lüge, aber es ist trotzdem unehrlich.
Nadine Zeller (4:24)
Viele dieser Verhaltensweisen haben im Alltag ja auch eine Funktion. Was sind denn das für Funktionen? Sie hatten es vorhin schon ein bisschen angedeutet. Höflichkeit spielt eine Rolle. Was vermeide ich denn auch dadurch, dass ich dann nicht ehrlich bin? Also was handel ich mir an Problemen erst gar nicht ein?
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