Skip to content
VERSCHICKTE KINDER (2/2) - Das Kinderkurwesen der DDR artwork

VERSCHICKTE KINDER (2/2) - Das Kinderkurwesen der DDR

Alles Geschichte - Der History-Podcast

October 3, 2026

In der DDR kommen bis 1989 über zwei Millionen Kinder zur staatlich organisierten Kinderkur. Viele von ihnen erleben wie in der Bundesrepublik Zwang und Gewalt. Ihr Aufenthalt, wochenlang fern von zu Hause, ist streng getaktet zwischen Therapie und Ideologie zur Kur. Teil 2 der Miniserie.

Speakers Eva Deinert, Julia Todtmann, Yvonne Margraf, Nicole Fischer

TopicsHistory

Eva Deinert (0:05)

Alles Geschichte.

Julia Todtmann (0:08)

Der History-Podcast.

Yvonne Margraf (0:14)

Ich war fünf Jahre alt, als ich nach Schmalkalp musste. Das liegt in Thüringen und ist über 300 Kilometer von meinem Zuhause entfernt.

Eva Deinert (0:23)

Es ist Februar im Jahr 1989 in Thurgau-DDR. Damals Bezirk Leipzig.

Am Bahnhof ist der Treffpunkt für die Kinder, die zur Kur geschickt werden. Wie Yvonne Margraf. Ein Zug steht bereit.

Yvonne Margraf (0:38)

Meine Eltern haben mich am Bahnhof in Thurgau abgegeben.

Meine Mutter hat mir erzählt, ich wurde schon entnommen, bevor sie überhaupt am Gleis war. Sie durften nicht winken. Es gab keine Verabschiedung, es war ein Entreichen.

Nicole Fischer (0:52)

Wir wurden in einen Zug gesetzt.

Eva Deinert (0:56)

Die Anreise zur Kur ist staatlich organisiert. Ab jetzt sind nicht mehr die Eltern zuständig.

Yvonne Margraf kommt zusammen mit anderen Kindern in ein Kurheim im Thüringer Wald.

Yvonne Margraf (1:08)

Das Gebäude, in dem wir waren, war für mich wie ein grünes Gefängnis. Es lag weit abgelegen von dem Ort.

Rundherum Bergehügel und Wälder. Es war lieblos, es war kalt, es war laut und dominant und geprägt von Struktur. Es war wie so ein Militär, würde ich das heute beschreiben.

Eva Deinert (1:30)

Vier bis sechs Wochen dauern Kinderkuren in der DDR. So lange sind die Kinder von zu Hause weg.

Besuche oder Anrufe von den Eltern sind nicht erlaubt.

Yvonne Margraf (1:40)

Ich habe mich immer gefragt, warum ich, was habe ich denn falsch gemacht? War ich nicht artlich? War ich nicht brav genug? Warum bin ich hier?

Und die haben uns das ja auch gesagt, also die Erzieher werden wir uns nicht benehmen, wir kommen nie wieder nach Hause.

Eva Deinert (1:56)

Die Tade in der Kur sind durchgetaktet mit den immer gleichen Abläufen von Schlafen, Essen, Kuranwendungen.

Yvonne Margraf (2:02)

Ich wollte immer weg, aber ich dachte mir, ich finde den Weg gar nicht, ich weiß gar nicht, wo ich hinfliehen soll, wo ich hingehen soll.

Wie ich nach Hause komme und hab mich dann irgendwann diesen ganzen ergeben. Man fängt irgendwann an, mit Zuhause abzuschließen.

Eva Deinert (2:18)

Was die Verschickungskinder und Verschickungsheime in der BRD sind, nennt sich in der DDR Kinderkurwesen. Zwischen 1951 und 1989 werden etwa 2,6 Millionen Kurdurchgänge finanziert. Das entspricht in etwa den Kinderverschickungen der BRD im gleichen Zeitraum, wenn man den Anteil an Kinderkuren pro Jahrgang betrachtet.

Der entscheidende Unterschied ist, während die Kinderverschickungen der BRD in den letzten Jahrzehnten gut aufgearbeitet wurden und werden, fehlen diese historischen und wissenschaftlichen Studien für das Kinderkurwesen der DDR. Forschende sind angewiesen auf Berichte von Zeitzeugen, die sich in Betroffenen und Selbsthilfegruppen organisieren, um dann vor allem negative und traumatische Erfahrungen gemeinsam zu bearbeiten. Historikerin Julia Tottmann ist eine der wenigen, die zum staatlichen Kinderkurwesen der DDR geforscht und dafür viele ehemalige Kurkinder befragt hat. Deren Antworten aus unterschiedlichen Kurheimen und aus verschiedenen Jahrzehnten ähnen sich. Zudem gab es im zentralisierten Überwachungsstaat der DDR Wochenpläne und Protokolle des Personals, die zum Teil erhalten sind. Trotzdem bleibt durch eine schweigende Mehrheit der ehemaligen DDR-Kurkinder und durch fehlendes Archivmaterial eine Forschungslücke.

Die Einbettung in das Staatssystem der DDR lässt sich dennoch rekonstruieren. Die Kinderkuren sind Teil der Gesundheitsversorgung, die das Ministerium für Gesundheit vorsieht. Für die Umsetzung des Kurprogramms und für die Schulung des pädagogischen Personals ist dagegen das Ministerium für Volksbildung zuständig. Denn in der DDR geht es bei den Kuren nicht nur um Genesung, sondern auch um die Erziehung zu gesunden, leistungsfähigen Bürgern und Bürgerinnen, die den Fortbestand des Sozialismus sichern. Historikerin Julia Todtmann.

Julia Todtmann (4:14)

Das beginnt eigentlich direkt mit der Gründung der DDR 1949 schon, dass man Stück für Stück die bis dahin auch schon existierenden Heime, die so die Kinder für Sorge genommen hatten, denken wir an so Kinderlandverschickung, wie es sie im Krieg gab. Denn später eben nach dem Krieg auch bestanden um Kinder aus den Großstädten, aus den Zerstörten, die in Armut lebten, die in Hunger lebten, da aufgepeppelt haben. Und diese Orte wurden dann nach und nach verstaatlicht.

Eva Deinert (4:48)

Bis Mitte der 1950er Jahre kommen Kinder zur Kur, die unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs leiden oder sich von Krankheiten wie Tuberkulose erholen sollen.

Die Heime für die Kinderlandverschickung sind in privater Hand oder werden von Kirchen geleitet. Nach und nach übernimmt der Staat diese Einrichtungen und zentralisiert so das Kinderkurwesen.

Julia Todtmann (5:23)

In den 50er Jahren beim Ausbau des Sozialismus sieht man das immer wieder, wodurch das auch propagandistisch eingesetzt wurde.

Es sollte ihnen auch nach außen immer wieder die Botschaft vermittelt werden, dass der Sozialismus mit seiner Gesundheitspolitik und seiner Unterstützung des Menschen viel humaner ist, viel lebensnah, viel menschlicher als der Kapitalismus. Und dazu zählte eben auch dieses prophylaktische Gesundheitssystem, das ihn schon ganz früh ansetzt und für seine Bevölkerung, für seine Menschen da ist, für seine Menschen sorgt.

13 more minutes of transcript below

Thousands of transcripts fetched by people building searchable podcast archives

Fetch the whole transcript

The demo key returns a sample episode in full, no card needed:

request
curl -H "x-api-key: pt_demo" \
  https://spoken.md/transcripts/1000651996090

Markdown with the speakers named, for your notes, your knowledge base, or anything that makes HTTP calls.

From $0.10 per transcript. No subscription. Credits never expire. Prices exclude VAT, added at checkout for EU customers. Not what you expected? Email us within 14 days with 20 or fewer credits used and we refund the pack in full.

Using your own key:

request
curl -H "x-api-key: YOUR_KEY" \
  https://spoken.md/transcripts/1000792933394