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VERSCHICKTE KINDER (1/2) - Verschickungsheime in der BRD

Alles Geschichte - Der History-Podcast

October 3, 2026

Zwischen 1945 und 1989 werden Millionen Kinder in der BRD zwischen Nordsee und Alpen "zur Erholung" verschickt. Viele erleben in den Verschickungsheimen Zwang, Kälte, Heimweh oder Gewalt. Teil 1 der Miniserie über ein System, das bis heute nachwirkt. Von Eva Deinert (BR 2026)

Speakers Uwe Rüdenklau, Alexander Nützenadel, Gabriele Marholt-Wormsbecher, Eva Deinert

TopicsHistory

Uwe Rüdenklau (0:05)

Alles Geschichte.

Alexander Nützenadel (0:08)

Der History-Podcast.

Gabriele Marholt-Wormsbecher (0:19)

Ich war voller Schwung und Freude und bin dann also auch in den Zug gestiegen. Ich hab mir den Fensterplatz natürlich ergattert, ich wollte alles mitkriegen und dann hab ich schon gemerkt, es ist nicht leicht da, es dauert ewig.

Uwe Rüdenklau (0:36)

Ich war sehr begeistert eigentlich, dass ich zum ersten Mal so einen großen Ausflug auch alleine machen konnte. Zum ersten Mal an die See weiter weg.

Alexander Nützenadel (0:47)

Es gab Sonderzüge der Deutschen Bahn, die dort eingesetzt wurden. Es ist nicht so, dass die Eltern die Kinder dorthin gebracht haben und dort verabschiedet haben, sondern die wurden dann am Bahnhof diese Sonderzüge gebracht und dann wurden die in diese Heime verschickt.

Eva Deinert (1:04)

Alle drei erzählen von etwas, das in den westlichen Besatzungszonen und in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1945 und 1990 Gang und Gebe war. Die Verschickung von Kindern.

Zwischen 10 und 12 Millionen Kinder kamen auf diese Weise in Kur- und Erholungsheime. Ohne ihre Eltern, im Alter von 3 bis 14 Jahren. Sie nennen sich heute Verschickungskinder.

Uwe Rüdenklau (1:30)

Mein Name ist Uwe Rüdenklau und es wurde festgestellt von dem Arzt und dem Gesundheitsamt, dass ich einerseits zu mager sei und auch etwas Atembeschwerden hatte und dann festgelegt sozusagen durch das Gesundheitsamt, dass so eine Kur, würde ich es jetzt mal nennen, notwendig ist und es geschah, dass man dort über die Bahn verschickt wurde auf die Insel Borkum.

Eva Deinert (1:55)

Uwe Rüdenklau ist sechs Jahre alt und wohnt in Nordhessen, als er 1970 nach Borkum kommt.

Die Luft an Nord- und Ostsee soll bei Lungenkrankheiten helfen, daher gibt es dort besonders viele Heime. Aber auch noch Baden-Württemberg und Bayern werden Kinder verschickt.

Gabriele Marholt-Wormsbecher (2:11)

Ich heiße Gabriele Marholt Wormsbecher, bin am 2 September 1956 in Stuttgart geboren und mein Vater ist gebürtig aber aus Frankfurt und wollte dann wieder zurück. Und seitdem bin ich aus Frankfurt nicht mehr rausgekommen.

Und dann wurde ich mit gerade 6 Jahren nach Grafen-Aschau im Gebiet Schweigen verschickt. Grund dafür war, ich war zu klein und schmächtig. Und das bin ich heute immer noch.

Eva Deinert (2:47)

Von 1945 bis 1990 existieren insgesamt etwa 2200 verschiedene Kur- und Erholungsheime im Gebiet der BRD.

Das hat ein Forschungsteam der Humboldt-Universität zu Berlin herausgefunden. Es hat die Geschichte der Kinderkuren in der Bundesrepublik untersucht. Die Strukturen und Finanzierung. Aber vor allem die Erfahrungen ehemaliger Verschickungskinder. Alexander Nützenadel ist Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und hat das Projekt geleitet.

Alexander Nützenadel (3:16)

Für die Kinder war die Hinfahrt und die Isolation von den Familien sehr häufig eine traumatische Erfahrung. Und sie jitten unter der Trennung von der Familie, denn das war schon beabsichtigt. Das war sozusagen eine Maßnahme, dass die Kinder alleine dort sein sollten, dass die Eltern nicht hinfahren sollten, dass auch nicht Kommunikation stattfinden sollten, keine Telefonate, vielleicht nur seltene Briefe. Und das war eigentlich für ganz viele Kinder eine traumatische Erfahrung, vor allen Dingen, wenn sie klein waren.

Eva Deinert (3:44)

Ohne Kontakt zu den Eltern soll Heimweh möglichst vermieden oder unterdrückt werden. Um den Kurerfolg nicht zu gefährden, heißt es. Aber auch, damit die Kinder möglichst funktionieren in den großen Gruppen.

Die Geschichte des Kinderkurwesens geht zurück bis ins 18 Jahrhundert. In England entstehen in Seebädern Erholungsheime, in denen Kinder mit Tuberkulose behandelt werden. Zu der Zeit ist die Lungenkrankheit weit verbreitet.

Frische Meeresluft- und Salzwasserbehandlungen sollen Linderung verschaffen.

Alexander Nützenadel (4:17)

In Deutschland haben sich Kinderkurheime eigentlich erst im 19 Jahrhundert etabliert. Das geht los im Jahre 1862

Eva Deinert (4:28)

Anfang des 20 Jahrhunderts gibt es dann schon über 5000 Betten für Kinder in Seehospizen und Kinderheilstätten. Nach dem Ersten Weltkrieg leiden Kinder vor allem unter Mangelernährung und schlechten hygienischen Verhältnissen. Krankheiten wie Rakitis und Tuberkulose breiten sich aus. Die Nachfrage nach Kuren steigt.

Vor allem konfessionelle Träger setzen sich in den 1920er Jahren verstärkt für das Kinderkurwesen ein. Sie bringen ihre Heime auch durch die Weltwirtschaftskrise 1929, während private Träger aufgeben müssen. In der NS-Zeit will die nationalsozialistische Volkswohlfahrt das Kinderkurwesen gleichschalten und daher auch über die Erholungsheime verfügen.

Alexander Nützenadel (5:13)

Das gelingt nur teilweise, also die kirchlichen Träger bleiben weiterhin einflussreich, aber teilweise werden diese Heime dann auch von der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt kontrolliert. Man wollte eben über Kinder und Jugendliche auch ideologische Beeinflussungen ermöglichen durch diese Heime.

Eva Deinert (5:32)

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges kommt es zu einer neuen großen Initiative. Die sogenannte erweiterte Kinderlandverschickung.

Kinder und Mütter mit Kleinkindern werden aus den Städten evakuiert, die von Bombenangriffen bedroht werden. Sie kommen in die ehemaligen Erholungsheime und andere Unterkünfte. Diese Aufenthalte dauern im Gegensatz zu den Kuren sechs Monate und länger.

Nach dem Ende des Krieges bestehen diese Heime in allen Besatzungszonen weiter. Denn ab 1945 steigt die Nachfrage nach Kindererholungskuren wieder an.

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