TRAUMA TRIPPERBURG - Gewalt gegen Frauen in der DDR
Alles Geschichte - Der History-Podcast
October 2, 2026
Wegen angeblicher Geschlechtskrankheiten wurden zwischen 1961 und 1989 tausende Frauen und Mädchen ab dem 12. Lebensjahr wochenlang in Kliniken der DDR eingesperrt.
Speakers Steffi Brüning, Angelika Boerner, Sabine K, Annette R, Nora Große-Hahmann, Martina Blankenfeld, Heidi Bolleih, Ursula Gallus
TopicsHistory
SPEAKER_1 (0:05)
Alles Geschichte.
Steffi Brüning (0:08)
Der History-Podcast.
SPEAKER_3 (0:11)
An dieser Stelle vorab ein Hinweis. In dieser Podcastfolge von Alles Geschichte geht's in Teilen um schwere körperliche, sexualisierte und psychische Gewalt.
Betroffene Frauen schildern dabei ihre Erfahrungen. Wenn dich dieses Thema aktuell zu sehr belastet, überspringen bitte diese Folge.
Angelika Boerner (0:35)
Das ist ein Trauma fürs ganze Leben. Das vergessen sie nicht.
Sabine K (0:40)
Ich geh da vor den Fenster und mein erster Gedanke, komm ich hier wieder raus.
Annette R (0:46)
Ja, du musstest da auf den gynecologischen Stuhl und dann lagst du da und warst ausgeliefert.
Steffi Brüning (0:53)
Aus heutiger Sicht würden wir die Behandlung und die Methodik, die dahintersteckt, als sexualisierte Gewalt einschätzen.
Angelika Boerner (1:01)
Und dann hat mich eine Schwester in ein Zimmer geführt. Da waren 15 Betten, ein Bett war frei.
Und die Frauen haben dann gesagt, herzlich willkommen in der Tripperburg Halle.
Nora Große-Hahmann (1:17)
Zwischen 1961 und 1989 werden zehntausende Frauen und Mädchen wochenlang auf geschlossenen Krankenstationen festgehalten. Angeblich, weil sie Geschlechtskrankheiten haben.
Täglich müssen sie gynäkologische Untersuchungen und Misshandlungen ertragen.
In den meisten Fällen sind die zwangseingewiesenen Frauen völlig gesund.
Wie konnte dieses Kapitel der DDR-Geschichte so lange totgeschwiegen werden?
Sabine K (1:45)
Als Jugendliche bin ich ausgerissen von zu Hause. Mein Vater hat viel getrunken, kam oft nachts nach Hause.
Und dann waren halt immer Schlägereien und das war schlimm für mich. Das hat weh und ich hatte immer Angst. Ich bin dann tanzen gegangen.
Dann bin ich nach Hause gekommen. Klar, ich bin zu spät gekommen. Dann stand ja schon hinter der Tür und dann hab ich mir irgendwann gedacht, ob ich nun komme oder nicht komme, ist doch egal. Ich hab mich geschlagen, und dann bin ich halt oft nächtelang weggeblieben.
Nora Große-Hahmann (2:32)
Sabine K kommt immer öfter bei Bekannten unter. In einer Frühlingsnacht 1977 sucht sie Ablenkung auf einer Privatparty.
Sabine K (2:42)
Die Stimmung war schön. Wir waren völlig sorglos, sag ich mal. Einfach Spaß gehabt. Und es war laut. Und dann klingelt es.
Da standen die zwei Volkspolizisten vor der Tür und wollten erst mal unsere Ausweise. Personalausweise. Ich hab den Ausweis nicht gezeigt, weil ich wollte nicht, dass sie mich nach Hause bringen. Ich glaube, ich hab gesagt, ich bin 16 Ich war ja erst 15 Und da hab ich gesagt, ich will nicht nach Hause.
Und da haben sie dann gesagt, da wo du jetzt hinkommst, kommst du so schnell nicht wieder weg. Wir bringen dich nicht nach Hause.
Annette R (3:30)
Also ich war bei Joao im Wohnheim. Das war mein Freund, der war Vertragsarbeiter, kam aus Mosambik.
Nora Große-Hahmann (3:41)
Annette R zieht 1988 nach Leipzig und lernt während ihrer Ausbildungszeit ihre Jugendliebe kennen.
Annette R (3:49)
Ich fand immer sein Lächeln so niedlich, sensibel zuvorkommt. In der Heimordnung von dem Wohnheim stand, dass eben keine Frauen dort zu übernächtigen haben.
Nora Große-Hahmann (4:07)
Annette R ist frisch verliebt.
Sie hält sich nicht an die Regelungen im Wohnheim. Wenn der Heimleiter seinen Kontrollgang macht, versteckt sie sich im Bettkasten.
Annette R (4:17)
An dem Tag haben sie den Bettkasten geöffnet. Und dann haben sie mich da rausgeholt.
Und mitgenommen.
Angelika Boerner (4:38)
Mein Vater war in der Partei, meine Mutter war in der Partei, mein Bruder war in der Partei. Ja, und die Tochter auf Deutsch gesagt, das haben sie mir immer eingedrichtet, ich werde missraten.
Ich war immer anders orientiert. Junge Pioniere hat mich nicht interessiert. Ich wollte mein Leben leben.
Nora Große-Hahmann (5:01)
Angelika Boerner wird streng nach Systemvorstellungen der DDR erzogen.
1965 wird sie in die Tripperburg in Halle zwangsangewiesen. Da ist sie gerade 15 Jahre alt.
Angelika Boerner (5:13)
Weil ich zu Hause so viel machen musste, Wäschewaschen, Fenster putzen, und da habe ich mal aus Wut gesagt, ich möchte in die Schule gehen und nicht nur putzen, putzen, putzen. Dann haue ich zu Tante Edith ab nach dem Westen. Und dann habe ich bemerkt, dass meine Mutter am Wochenende meine Sachen gewaschen hat, getrocknet hat, gebügelt hat und hat eine Tasche gepackt und da habe ich gesagt, Mutter, was packst du meine Tasche? Ich will da nicht verreisen. Doch das brauchst du dann am Montag. Und da haben die mich abgeholt und wir sind in Richtung Halle gefahren.
Und ich wurde abgeliefert und eine Schwester hat mich empfangen und hinter mir ging die Türe zu. Ich wusste gar nicht, wo ich war. Und dann wurde ich in ein Zimmer geführt, dort musste ich mich ausziehen.
Nora Große-Hahmann (6:05)
Auch Annette R erinnert sich genau an ihre ersten Stunden in der Tripperburg.
Annette R (6:10)
Dann wurde ich zum Waschraum gebracht, dort wurden wir abgeduscht mit Desinfektionsmittel.
Angelika Boerner (6:18)
Hab so einen Oma-Schlupfer gekriegt, einen blauen Arbeitskittel, ein Kopptuch, ich wusste nicht für was. Aber dann wusste ich's, fünf Minuten später, da wurden meine Haare abrasiert. Die haben mich abends alle aufgeklärt und das brasselte so in meinen Kopf rein.
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