Tiefe Spuren: Unter der Erde (2/2) artwork

Tiefe Spuren: Unter der Erde (2/2)

MORD AUF EX

September 6, 2026

#317: Fast 30 Jahre nach Ursulas Tod steht ein Zugriffsteam der Polizei in einem idyllischen Fischerstädtchen und klopft an der Tür eines Mannes, der schon kurz nach der Tat verdächtigt worden war. Werner Mazurek öffnet. Als er die Beamten vor sich sieht, sagt er: „Ich habe euch erwartet.
Speakers: Leonie Bartsch, Linn Schütze, Werner Mazurek, Michael Herrmann, Christa von Bernuth

Topics: True Crime, History

**Leonie Bartsch** (0:25)
Es ist das Jahr 2008 Wir sind in Kappeln in Schleswig-Holstein. Das Städtchen an der Ostsee ist beliebt, aber längst nicht so überflutet wie andere Küstenorte. Eher ein Geheimtipp. Zehntausend Seelen leben hier. Keine Stunde Autofahrt und man ist drüben in Dänemark. Wer nach Kappeln kommt, will vor allem eins, seine Ruhe. Und am Hafen mit Blick auf das ditzerne Wasser der Schlei geht das auch recht schnell. Kappeln ist nämlich eine alte Fischerstadt.
Oben kreisen Möwen und hoffen auf ein unbewachtes Fischpultchen. Und unten am Pier ruhen stattliche Segelschiffe, Ausflugsdampfer und rustikale Fischkutter, von denen man an manchen Tagen sogar den Fang direkt vom Boot aus kaufen kann.
Wer hier mit Schiffen und Booten zu tun hat, kennt sicherlich auch den Niro Werner. Niro steht für nicht rostend. Damit sind die Eisenwaren gemeint, die man bei Niro Werner kaufen kann. In dem Laden bekommt man alles an Säge und Butzzugehör.
Und Werner? So heißt der Mann hinter der Kasse. Werner Mazurek.
Ihm gehört der Laden. Ein flacher Klinkerbau direkt am Hafen. Früher war eine Fischereigenossenschaft drin. Später hat Mazurek das Häuschen umgebaut. Er ist handwerklich ziemlich begabt, hat schon viel mit Holz gearbeitet. Früher baute er mal an einem eigenen Boot.
Ein Boot, um die Welt zu umsegeln. Sein Lebenstraum. Das Bootprojekt wurde nie fertig. Stattdessen jetzt der Bootswarenhandel. Vorne der Laden, hinten die Wohnung. Hier, in der Ruhe des Nordens, direkt am Wasser, wollten Mazurek und seine Frau ihren Lebensabend verbringen. Man kennt ihn hier im Ort. Den bulligen Mann mit Vollbart und bayerischem Akzent. 58 Jahre alt ist er damals. Die einen sehen ihn als unangenehmen Grandler. Er soll häufig betrunken sein und immer knapp bei Kasse.
Hier und da komme man zwar ins Gespräch mit ihm, heißt es. Aber so richtig schnacken? Nicht so wirklich. Und das fällt hier im Norden auf. Für die anderen ist er ein zuvorkommender und liebenswerter Mitbürger. Jemand, der seiner Putzfrau an Weihnachten noch Süßigkeiten für die Kinder mitgibt. Voll integriert in die Gemeinschaft von Couplen.
Jeden Dienstagabend verkauft Werner Mazurek mit einem befreundeten Gastronom bayerische Schwankahl am Hafen. Schwanferkel zum Beispiel. Das Ganze wird beworben mit dem Spruch Norbert Sau und Werner Speer das feinste auf der Hafen-Pier.

**Linn Schütze** (3:19)
Was Werner Mazurek zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2008 nicht weiß, er wird beobachtet. Ziemlich intensiv und schon seit vielen Monaten. Von Ermittlern aus seiner alten Heimat Bayern.
Die Polizei hat das ganze Programm aufgefahren. Videoüberwachung, Telefonüberwachung, auch eine akustische. Ein riesen Aufwand. Denn diesmal wollen sie es richtig machen. Die Ermittler standen nämlich schon mal an diesem Punkt, als sie Werner Mazurek im Fokus hatten, vor fast 30 Jahren.
Damals wurde die 10-jährige Ursula Herrmann entführt, als sie nach der Turnstunde nach Hause radeln wollte.
Der Täter oder die Täter sperrten sie in eine Kiste im Waldboden. Dort starb das Mädchen. Die Polizei hatte damals mehrere Verdächtige im Sinn. Einer davon war Werner Mazurek. Er lebte im gleichen Dorf am Ammersee, wo auch die Familie Herrmann wohnte. Aber es fehlte an Beweisen, um die Tat konkret auf ihn zurückzuführen.
Auch die Spuren zu anderen Verdächtigen endeten in einer Sackgasse. Und so kam es, dass die Ermittlungen, die Anfang so energisch geführt wurden, gegen 1990 eingestellt wurden. Langsam und leise.
Werner Mazurek ist in der Zwischenzeit vom Ammersee weggezogen. Erst in die Oberpfalz und dann weiter in den hohen Norden. In ein idyllisches Fischerörtchen, wo man seine Ruhe hat. Nach Kappeln an der Schlei.

**Leonie Bartsch** (5:04)
Lange rechnete niemand damit, dass sich dieser Fall, der nie geschlossen wurde, jemals wieder öffnen würde. Und dann kam die Jahrtausendwende. Und mit ihr ein völlig neues Zeitalter der Kriminaltechnik. Mit Hilfe von DNA-Analyse konnten die Ermittler alte Fälle, die schon längst zu Kultcases geworden waren, wieder neu aufrollen.
Im Fall von Ursula Herrmann wurde wegen erpresserischen Menschenraubs ermittelt. Diese Tat verjährt nach 30 Jahren. Also in diesem Fall 2011 Mit der drohenden Frist und den immer besseren forensischen Techniken kam es, dass sich die Augsburger Oberstadtseinwältin Brigitte Bauer, die verstoppten Ordner des Falls Ursula Herrmann nochmal vornahm und alte Akten wälzte. Die Ermittler nahmen sich natürlich zuerst die Kiste vor, an der Ursula gefangen gehalten wurde. Nach der Entführung wurde die Kiste 1982 im ganzen Gebiet um den Ammersee ausgestellt. In Wirtshäusern, Gemeindeseelen und in Sparkassen.
Die Ermittler haben sich Hinweise aus der Bevölkerung erhofft. Unklar war aber, ob die Kiste in dieser Zeit auch von Unbeteiligten angefasst wurde. Also, ob Spuren verunreinigt worden sind.
Doch als die Ermittlerinnen 2003 die Kiste untersuchten, fanden sie tatsächlich DNA-Spuren an der Kiste. Und an einigen anderen Gegenständen vom Tatort. Also nahmen sie sich auch die früheren Verdächtigen noch mal vor. Bei Werner Mazurek klingelten sie vier Jahre später, im Oktober 2007, und nahmen eine Speichelprobe von ihm.
Und das Ergebnis der DNA-Untersuchung war kein Match. Die Ermittler stellten das aber nicht groß. Denn bei der Hausdurchsuchung war für den Polizistinnen und Polizisten noch etwas in die Hände. Etwas, was in ihren Augen das fehlende DNA-Match aufwiegen würde. Etwas, das in den 54 Prozesstagen, die in den nächsten Jahren folgen würden, das Fundament der Anklage bilden würde. Ein altes Tonbandgerät.

47 more minutes of transcript below

Thousands of transcripts fetched by people building searchable podcast archives

Feed this to your agent

Try it now — copy, paste, done:

curl -H "x-api-key: pt_demo" \
  https://spoken.md/transcripts/1000651996090

Works with Claude, ChatGPT, Cursor, and any agent that makes HTTP calls.

From $0.10 per transcript. No subscription. Credits never expire. Prices exclude VAT, added at checkout for EU customers. Not what you expected? Email us within 14 days with 20 or fewer credits used and we refund the pack in full.

Using your own key:

curl -H "x-api-key: YOUR_KEY" \
  https://spoken.md/transcripts/YOUR_EPISODE_ID