Professor Chatbot – Wie KI die Forschung beschleunigt und gefährdet
Das Wissen | SWR
September 19, 2026
KI bewältigt Datenanalysen in Sekunden, hilft bei Diagnostik und Forschungsanträgen. Doch Forschenden droht ein De-Skilling. Schon jetzt fluten Paper Mills die Wissenschaftscommunity.
Speakers Simon Schiff, Philipp Sluzalek, Sören Lukassen, Doris Wessels, Bernhard Sabel
TopicsScience
SPEAKER_1 (0:02)
ARD, Sounds, Das Wissen.
SPEAKER_2 (0:07)
Hannover Messe 2026, Halle 11
Am Stand D30 zeigt das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz gleich zwölf seiner KI-Projekte. Zum Beispiel den KI-Einsatz in der Notfallmedizin.
Simon Schiff (0:21)
Wir haben fünf Jahre Notaufnahmedaten zur Verfügung und aus diesen Daten mit Hilfe von maschinellen Lernen erkennen wir Muster, unter welchen Bedingungen ein Bett dann eher benötigt wird, als wenn kein Bett benötigt wird.
SPEAKER_2 (0:36)
In vielen Forschungsbereichen mischt KI mittlerweile mit. In der Psychologie entwirft sie Studienfragebögen, in der Archäologie hilft sie beim Entziffern uralter unbekannter Schriftzeichen. In der Biotechnologie analysiert sie Proteinstruktur. Innerhalb weniger Jahre hat KI die Arbeit im Wissenschaftsbetrieb verändert. Darin steckt enormes Potenzial.
Aber auch ein großes Risiko für gefälschte Forschung.
SPEAKER_1 (1:03)
Professor Chatbot, Wie KI die Forschung beschleunigt und gefährdet. Von Anja Schrum und Ernst Ludwig von Aster.
SPEAKER_2 (1:11)
In der Notfallmedizin kann KI jetzt schon anwendungsbezogen eingesetzt werden. Am Stand des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz erläutert Simon Schiff ein Beispiel.
Simon Schiff (1:22)
Der Patient ist 58 Jahre alt. Sie kommt wegen einem entzündeten Katzenbiss zu Fuß in die Notaufnahme.
SPEAKER_2 (1:29)
Während die Patientin auf den Arzt wartet, arbeitet die KI im Hintergrund. Gleicht die ersten Patientenbefunde, Alter, Geschlecht, Beschwerden, Art der Einlieferung mit Datensätzen aus der Vergangenheit ab.
Simon Schiff (1:42)
Zum Zeitpunkt der administrativen Aufnahme sagt das Modell, dass höchstwahrscheinlich ein Bett benötigt wird und dass die plastische Chirurgie die Fachabteilung ist, wo das Bett reserviert werden sollte.
SPEAKER_2 (1:54)
Künstliche Intelligenz wird in Zukunft die Arbeit im Krankenhaus verändern. Auch in der Forschung wird sie Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unterstützen. Etwa wenn es darum geht, große Datensätze zu durchkämmen. Doch auch die Schattenseiten sind schon sichtbar. Immer mehr KI-gefälschte Publikationen tauchen auf dem Markt auf.
Und wie verändert sich unser Lern- und Lehrverhalten, wenn Künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernimmt? Darum geht es in dieser Folge von Das Wissen.
Neben der Robotik ist die Künstliche Intelligenz das Thema auf der Hannover Messe, der weltweit größten Messe für Industrie und Technologie. Philipp Sluzalek ist da ein gefragter Gesprächspartner.
Philipp Sluzalek (2:39)
Uns gibt es seit 38 Jahren. Wir haben KI gemacht, dass es noch nicht so ein Hype war wie aktuell.
SPEAKER_2 (2:45)
Der Informatikprofessor ist wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.
Sluzalek rechnet in den nächsten Jahren mit einem Technologie-Durchbruch, der viele Forschungs- und Lebensbereiche erfassen wird. Und das in rasanter Geschwindigkeit. Der Wissenschaftler sieht da Parallelen zu einer historischen Technikrevolution.
Philipp Sluzalek (3:07)
Die Dampfmaschine kennt ja jeder, ist entstanden.
Am Anfang sind die Dinger den Leuten um die Ohren geflogen, weil die einfach explodiert sind, weil man keine Erfahrungen damit hatte, weil man auch keine Theorie dazu hatte. Die Theorie zur Dampfmaschine, die Thermodynamik, ist tatsächlich 100 Jahre später erst entwickelt worden. Und im Prinzip machen wir das jetzt, was wir für die Dampfmaschine damals machen mussten, nämlich sichere Standards zu entwickeln, dass wir Garantien über KI-Systeme abgeben, dass sie nicht explodieren, sage ich mal.
SPEAKER_2 (3:39)
Was kann, was soll und was darf Künstliche Intelligenz? Was sind die Fähigkeiten? Und wo die Verantwortlichkeiten? Wo sind für Wissenschaft und Forschung die Grenzen und wer setzt sie? Die Fragen stehen fest, doch viele Antworten fehlen noch.
Berlin Mitte Charité, das Rahel Hirsch Center für Translationale Medizin, ist ein sechsgeschossiger Forschungsneubau.
Welche Chancen in KI-unterstützter Forschung stecken, lässt sich hier erkunden. Im obersten Stockwerk sitzt die Arbeitsgruppe Medicalomics von Sören Lukassen. Ihr Ziel? Die Entwicklung KI-basierter Tools für die Analyse großer biomedizinischer Datensätze. Zuletzt sorgen die Wissenschaftler für Schlagzeilen, als sie gemeinsam mit dem Institut für Neuropathologie mit CrossNN eine KI präsentierten, die Tumorarten schnell und mit großer Genauigkeit klassifizieren kann.
Sören Lukassen (4:42)
Das ist eine Software, mit der wir auf Basis von DNA-Methylierungen zwischen über 170 verschiedenen Arten von Tumoren unterscheiden. Und die dementsprechend dann den Kolleginnen und Kollegen in der Pathologie hilft zu entscheiden, ich habe hier eine Biopsie vom Tumor, was für ein Tumor ist das eigentlich?
SPEAKER_2 (5:02)
Die Antwort ist oft entscheidend für den weiteren Therapieverlauf. Die 450 DNA-Methylierungen, anhand derer sich die Tumoren unterscheiden lassen, sind kleine chemische Schalter auf dem Erbgut, die bei Krebs oft verändert sind.
Sie bilden einen individuellen biologischen Fingerabdruck des Tumors.
Sören Lukassen (5:24)
Die Labormethoden liefern uns immer nur ein paar tausend Stellen aus diesem großen Satz von 450 Stellen.
Und da kann man sich vorstellen, kein Mensch könnte sich für 450 verschiedene Stellen merken, mit was für Tumoren, die jetzt assoziiert sind. In vielen Fällen weiß man das Ganze gar nicht. Und die KI lernt, dieses Signal zu lesen, lernt zu interpretieren. Gut, wenn ich jetzt diese Kombination von metallierten Stellen sehe, dann spricht das stark für diese bestimmte Tumorart.
SPEAKER_2 (6:00)
Heute können die Forschenden mithilfe ihrer KI 170 Tumore aus allen Körperorganen mit einer Treffsicherheit von 97,8% unterscheiden. Die ganze Entwicklung dauerte keine drei Jahre.
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