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"Paranoid"  - Black Sabbath (UK, 1970) artwork

"Paranoid" - Black Sabbath (UK, 1970)

100 Songs - Geschichte wird gemacht

September 30, 2026

Birmingham war seit der Industriellen Revolution Heimat einer stolzen Arbeiterklasse und verfügte über ausgezeichnete Infrastruktur. Hier wurde in den frühen 1970er Jahren Heavy Metal erfunden - allen voran durch die Band Black Sabbath, die sich nach einem italienischen Horrorfilm benannt hatten.

Speakers Robert Stadlober, Stefan Niederwieser

TopicsMusic HistoryMusicEducation

Robert Stadlober (0:10)

In Birmingham schlägt das stolze Herz der britischen Arbeiterklasse. Ruß liegt auf dem Land und die Gegen- und Protestkultur der 60er Jahre ist weit weg. Eine Band singt hier von eisernen Männern, gefallenen Engeln und einem Hexen sabbert. Das ist die Geschichte von schwarzen Tagen und glühenden Nächten.

Das ist die Geschichte von Paranoid.

Stefan Niederwieser (0:45)

Hallo Robert. Hallo Satan.

Robert Stadlober (0:48)

Na Entschuldigung, kleiner Witz. Ich meine natürlich Stefan. Hallo Stefan. Wir feiern heute den Hexensabbat, oder?

Stefan Niederwieser (0:56)

Ganz genau. Black Sabbath legen vor 50 Jahren im britischen Birmingham das Fundament von Heavy Metal.

Warst du schon mal in Birmingham?

Robert Stadlober (1:05)

Ich war schon mal in Birmingham, allerdings nicht vor 50 Jahren, sondern erst vor 15 oder so. Und ja, es gibt schönere Städte auf der Welt. Ja, was natürlich Birmingham auszeichnet, ist natürlich, dass da schon sehr früh Metall verarbeitet worden ist. Also Eisenerz, ja, das kommt dort sehr nahe der Erdoberfläche vor und das lässt sich relativ leicht dort abbauen.

Und als hier dann die Dampfmaschine neu erfunden wurde und die industrielle Revolution losbrach, da wurde Birmingham das pumpende Herz der britischen Industrie.

Stefan Niederwieser (1:36)

Nachts erleuchten damals im 19 Jahrhundert die Hochöfen und Gießereien den Himmel mit einem magischen Schimmer und am Tag liegt sich Ruß und Rauch übers Land. Der US-amerikanische Konsul sagt deshalb über das Black Country, so nennt man die Gegend vor allem nordwestlich von Birmingham. Sie wäre schwarz bei Tag und rot bei Nacht.

Das ist Dina Weinstein, Metal-Professorin an der DePaul University in Chicago.

Robert Stadlober (2:38)

Also Dina Weinstein sagt hier, Birmingham ist damals sehr wohlhabend, nur eben nicht für die ungelernte Arbeiter-Innschaft. Also die Schichten von denen, die dauern teilweise zehn Stunden und sind knochenhart mit den immer selben Handgriffen.

Und Musik ist der einzige Weg, diesem Schicksal zu entgehen. Und es gab bereits Bands, die es geschafft haben, bis nach London und die reich geworden sind. Und das hat Black Sabbath angetrieben.

Stefan Niederwieser (2:59)

Nur hier in Birmingham konnte Heavy Metal entstehen, sagt Dina Weinstein.

Nicht in Cincinnati, nicht in Essen, nicht in Eisenerz. Denn nur hier gibt es eine riesige stolze Arbeiterklasse, deren Häuser oft winzig sind, oben zwei Zimmer, unten zwei Zimmer. Das führt dann dazu, dass sich das Leben vor allem an einem dritten Ort abspielt. In Bars.

Robert Stadlober (3:46)

Also es gibt damals viele Bars und viele Trinker in Birmingham und hier können die Bands sehr einfach spielen, also in diesen Bars und sie bekommen meistens sogar einen Teil vom Umsatz und damit sind die Bars fast so etwas wie verlängerte Proberäume.

Stefan Niederwieser (3:59)

Diese Stadt und diese Arbeitsplätze, die Birmingham bietet, zieht Menschen an. Das führt dazu, dass Birmingham Mitte des 20 Jahrhunderts die zweitgrösste Stadt Großbritanniens ist.

Die Regierung steuert deshalb dagegen.

Robert Stadlober (4:13)

Zeittafel. Ab 1946 sieht der West Midlands Plan vor, dass die Bevölkerung Birminghams deutlich schrumpfen soll. Bald werden zehntausende Slum-Wohnungen durch kommunale Wohnblöcke ersetzt. Der Dienstleistungssektor wächst enorm. Deshalb wird der Bau von Bürogebäuden ab 1965 deutlich erschwert.

Zehntausende Arbeiter aus der Karibik und Indien werden angeworben.

1968 warnt der konservative Politiker Enoch Powell deshalb in einer höchst kontroversen Rede in Birmingham vor Flüssen aus Blut, in denen er die Einwanderungswellen münden sieht. 1969 rollt in Birmingham der zwei millionste Mini vom Fabriksband. Haushalte hier haben das höchste Durchschnittseinkommen Großbritanniens abseits von London. Die Autoindustrie dominiert. 50 Beschäftigte arbeiten bei den drei größten Firmen.

Stefan Niederwieser (5:21)

Das ist Andrew Cope. Er hat ein Buch über Black Sabbath geschrieben.

Robert Stadlober (5:42)

Während der 1960er Jahre, sagt Andrew Cope, sind Mercy Beat und das Blues Revival sehr groß. Und das eine ist im Norden Englands, in und um Liverpool, und das andere im Süden, in und um London. Und dazwischen liegt genau Birmingham. Und viele Bands beginnen hier mit einem dieser beiden Stile. Und wer herausstechen will, der muss einen eigenen Stil entwickeln.

Stefan Niederwieser (6:03)

Black Sabbath tun das, vor allem mit ihrem zweiten Album Paranoid. Und der Sound der Stadt, der Klang der Stadt, bildet sich auch auf dem Album ab. Bill Ward ist der Schlagzeuger von Black Sabbath. Er erinnert sich später, dass er nachts oft entfernte Maschinenhämmern gehört hat. Und dazu improvisierte er dann am Kopfende seines Bads. Am Abend hörte man ihn, es war sehr laut. Ich meine, sie haben Stahl, Forges und so weiter gehammert.

Ka-Chunk, Ka-Chunk, Ka-Chunk, Ka-Chunk.

Sehr rhythmisch. Und Tony Iommi ist der Gitarrist von Black Sabbath. Er muss eines Tages an der Blechpresse für einen Kollegen einspringen. Als er 17 ist, verliert er dabei zwei Fingerkuppen, die des Zeige- und des Mittelfingers seiner Greifhand. Da erzählt ihm jemand von Django Reinhardt, einem virtuosen Jazzgitaristen, der ähnliche Verletzungen nach einem Brand abbekommen hat.

Robert Stadlober (6:58)

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