Panzer statt Pkw – Rettet Rüstung die deutsche Autoindustrie?
Das Wissen | SWR
October 12, 2026
Der Staat investiert Milliarden in neue Rüstungsaufträge und Rüstungskonzerne suchen dringend Fachkräfte und Kapazitäten. Eine Chance für die schwächelnde Automobilindustrie?
Speakers Jürgen Kerner, Marlene Stahnschuss, Jan Hendrik Bulens, Rafaela Kraus, Tom Krebs
TopicsScience
SPEAKER_1 (0:02)
ARD Sounds, Das Wissen.
Autos waren lange das Zugpferd der deutschen Wirtschaft. Doch die teuren Verbrenner sind auf dem Weltmarkt nicht mehr gefragt. Günstige und moderne E-Autos sind heute made in China.
Da kommt es scheinbar wie gerufen, dass Deutschland aufrüstet. Für 2026 stehen mehr als 108 Milliarden Euro im Verteidigungshaushalt. Bis 2029 sollen es rund 150 Milliarden Euro im Jahr werden. Ein Ausweg für die Autobauer?
SPEAKER_2 (0:36)
Und deswegen ist zumindest auch die Industrie gerade stark in dem Glauben behaftet, okay, es lohnt sich offenbar, dahin zu investieren.
Jürgen Kerner (0:45)
Ich glaube schon über die Zeit werden, wenn ich die ganze Wertschöpfungskette mitnehme im Rüstungsbereich, in Summe wahrscheinlich 100 Arbeitsplätze entstehen.
SPEAKER_1 (0:53)
Immer mehr Autobauer und Zulieferer steigen ins Militärgeschäft ein.
Die Rüstungsbranche wirbt offensiv für Kooperationen und dafür Werke und Arbeitskraft aus der Autoindustrie zu übernehmen. Doch der Trend spaltet.
Marlene Stahnschuss (1:07)
Es ist nicht besser für den Krieg zu arbeiten, als den Job zu verlieren.
SPEAKER_1 (1:11)
Die einen sehen eine Chance. Aufträge aus der Rüstung könnten auffangen, was die Autoindustrie an Absatz- und Arbeitsplätzen verliert.
Die anderen warnen davor, dass zivile Industrie militarisiert wird.
Jan Hendrik Bulens (1:26)
Panzer statt PKW.
SPEAKER_2 (1:28)
Rettet Rüstung die deutsche Autoindustrie? Von Bartolomäus Laffert und Ronja Morgenthaler.
SPEAKER_1 (1:37)
Juni 2026 auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung ILA in Berlin. Kampfjets, gepanzerte Fahrzeuge, Raketenabwehrsysteme, Drohnen. Das Bild auf dem Messegelände ist vor allem von militärischem Gerät geprägt. Und auch deutsche Autobauer sind dabei. In Anwesenheit von Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche unterzeichnet der Autohersteller Mercedes an diesem Tag eine Absichtserklärung mit dem Münchner Drohnen-Startup Titan Technologies.
Zukünftig soll Mercedes Fahrzeuge zur Immobilien-Drohnenabwehr liefern. Es klingt wie ein verheißungsvolles Versprechen für die Zukunft. Mercedes will mit dieser Kooperation einen großen Wurf landen. Und mit dieser Hoffnung ist Mercedes nicht alleine.
Der Autozulieferer Drexelmeyer produziert mit KNDES Teile für den Radpanzer Boxer. Auch andere große Zulieferer ziehen mit. Schäffler kooperiert mit den Drohnenherstellern Helsing und Delaire. ZF Friedrichshafen entwickelt Lenkgetriebe für Panzer. Das VW-Werk in Osnabrück steht kurz vor der Übernahme durch das israelische Rüstungsunternehmen Raphael, in dem künftig Teile für die Luftverteidigungssysteme des Iron Dome produziert werden sollen. Und Rheinmetall übernimmt Beschäftigte vom Bremsenhersteller Continental in Gifhorn. Ganz ähnlich Hensäut. Der Rüstungselektronik-Spezialist bietet bis zu 600 hochqualifizierten Beschäftigten des Automobilzulieferers Amovio neue Jobs.
So unterschiedlich diese Beispiele sind. Sie alle finden vor dem Hintergrund der größten Beschäftigungskrise in der Automobilindustrie seit Jahrzehnten statt. Was das für die Arbeiter bedeutet, erklärt Jürgen Kerner aus dem Vorstand der IG Metall.
Jürgen Kerner (3:32)
Also die Stimmungslage, glaube ich, bei unseren Mitgliedern ist sehr angespannt. Und zwar aus zwei Gesichtspunkten.
Die Forderungen der Arbeitgeber nach mehr unbezahlter Arbeit, nach Lohnverzicht sind natürlich sehr massiv. Auf der anderen Seite die politischen Debatten, Stichwort Altersteilzeit nach vorne, Rentenzugang, die Spardebatten im Gesundheitswesen treffen alle Beschäftigten.
SPEAKER_1 (3:54)
Doch wieso ist eine so lange erfolgreiche Branche überhaupt so tief gesunken, dass ihre Beschäftigten um die Zukunft fürchten müssen? Die Schuld für die Krise gibt der Gewerkschafter den Arbeitgebern und dem Management der Konzerne.
Jürgen Kerner (4:09)
Ich sag's mal ganz so salopp, die Partie in China im Autobereich, die war einfach zu groß. Man hat versäumt, die richtigen Modelle vor Europa zu entwickeln. Man hat versäumt, die neuen Strukturen vor Europa zu entwickeln, dass wir kostengünstig produzieren können. Es ist nicht eine Situation von einzelnen Unternehmen, einzelnen Beschäftigten. Es geht um die Zukunft der ganzen Branche. Es geht um die Zukunft der großen Hersteller, aber auch um die Zulieferer in diesem Land.
SPEAKER_1 (4:33)
Rico Schmelig leitet das Branchen-Netzwerk Automotive Thüringen und untersucht, was die Autobranche im Rüstungsgeschäft erwartet. Auch er meint, die Transformation zur E-Mobilität haben Unternehmen und Politik weitestgehend verschlafen.
SPEAKER_2 (4:49)
Ja, wir werden klimaneutrale Mobilität auf Deutschlands Straßen erleben, aber vermutlich mit 80 Prozent importierten E-Autos, wo dann die Frage kommt, was ist denn mit der eigenen Wertschöpfung im Lande, also mit der Inlandsproduktion.
SPEAKER_1 (5:02)
2007 liefen 5,7 Millionen Pkw vom Band, heute sind es gut 4 Millionen. Ein Minus von rund einem Viertel.
Und jedes Auto, das hier nicht gebaut wird, fehlt am Ende auch in den Auftragsbüchern der Zuliefererbetriebe.
SPEAKER_2 (5:17)
Was wiederum die Unternehmen beanlasst, zu sagen, dass hier offenbar, wenn die Teile hier nicht mehr abgerufen, hier nicht mehr produziert werden, sollte ich mir überlegen, was mache ich denn mit meinem Unternehmen?
SPEAKER_1 (5:27)
Dass ausgerechnet Rüstung zum vermeintlichen Rettungsanker für Deutschlands größten und wichtigsten Industriezweig wird, liegt vor allem an einer richtungsweisenden Entscheidung im März 2025
SPEAKER_6 (5:39)
Wir wollen einen Weg eröffnen, die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes schnell zu erhöhen, den Zivil- und Bevölkerungsschutz zügig auszubauen, die Nachrichtendienste mit ausreichenden Mitteln auszustatten und für diese große nationale Kraftanstrengung auch die wirtschaftlichen Grundlagen zu schaffen.
SPEAKER_1 (6:02)
Damals beschließt der Bundestag mit den Stimmen von Union, SPD und Grünen eine Grundgesetzänderung. Seitdem gilt, alles was Deutschland über ein Prozent des Bruttoinlandsprodukt hinaus für Verteidigung ausgibt, fällt nicht mehr unter die Schuldenbremse. Es darf also auf Kredit finanziert werden.
17 more minutes of transcript below
Thousands of transcripts fetched by people building searchable podcast archives
Fetch the whole transcript
The demo key returns a sample episode in full, no card needed:
curl -H "x-api-key: pt_demo" \
https://spoken.md/transcripts/1000651996090Markdown with the speakers named, for your notes, your knowledge base, or anything that makes HTTP calls.
From $0.10 per transcript. No subscription. Credits never expire. Prices exclude VAT, added at checkout for EU customers. Not what you expected? Email us within 14 days with 20 or fewer credits used and we refund the pack in full.
Using your own key:
curl -H "x-api-key: YOUR_KEY" \
https://spoken.md/transcripts/1000795278582