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Neue Bäume fürs Stadtklima – Wie Kommunen auf den Engpass reagieren

Das Wissen | SWR

October 6, 2026

Verbesserte Pflanzmethoden, neue Arten und Bäume in mobilen Containern sollen für mehr Stadtgrün sorgen. Wenn der Nachschub aus Baumschulen stockt, züchten Städte Pflanzen selbst.

Speakers Andreas Vrede, Richard Fuchs, Thomas Simon, Hartmut Balder, Andreas Emer, Moritz Heinze, Dirk Klasen

TopicsScience

Andreas Vrede (0:03)

Das Wissen.

Richard Fuchs (0:08)

Gartenbauer Thomas Simon streicht über die Äste eines jungen Stadtbaums in der historischen Altstadt von Gengenbach, eingepfercht in ein viel zu kleines Pflanzloch.

Thomas Simon (0:17)

Die Abstände der Austriebe, die sind sehr kurz. Das bedeutet immer, dass hier ein absoluter akuter Nährstoffmangel ist.

Richard Fuchs (0:25)

Auch wenn Gengenbach ein echter Touristenmagnet ist, in der mit Pflastersteinen versiegelten Altstadt Bäume zu pflanzen, scheint aussichtslos, dachte auch Thomas Simon Lange, bis er eine Idee hatte.

Thomas Simon (0:37)

Wir können das Grün mobil machen.

Richard Fuchs (0:40)

Statt dem Boden wachsen seine Stadtbäume in einem Spezialmodul, aus integrierten Tanks optimal mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Und so überspannt jetzt die üppig grüne Krone eines fast 7 Meter hohen Amberbaums die Altstadtgasse neben der Gengenbacher Marienkirche.

SPEAKER_4 (0:57)

Neue Bäume fürs Stadtklima.

Wie Kommunen auf den Engpass reagieren. Von Richard Fuchs.

Richard Fuchs (1:12)

Die Motorsäge heult, das Kettenblatt rattert, dann fallen Äste herunter. Es sind die letzten Stunden einer 40-jährigen Linde an einer Straße im Norden Berlins. Viele Jahre krank und entlaubt wurde der Stadtbaum im Sommer 2026 gefällt.

Eine Szene, die sich allein in Berlin je nach Jahr zwischen 5 und 7 Mal wiederholt. Nachgepflanzt werden dagegen nach Zahlen der Berliner Senatsverwaltung gerade mal halb so viele Bäume. Andreas Vrede vom Gartenbauzentrum Elahou ordnet das ein.

Andreas Vrede (1:47)

Der Standort Stadt wird ja immer herausfordernder. Jetzt schon das Worst-Case-Szenario für den Baum ist der Standort Stadt. Also was Schlechtes kann ihm gar nicht passieren. Und wenn die Stadt dann noch immer wärmer wird und immer stärker versiegelt wird, dann wird das immer schwieriger für den Baum.

Richard Fuchs (2:01)

Stark verdichtete Böden, zu kleine Baumscheiben, so heißt das bisschen Erde rund um die Stadtbäume, schlechte Versorgung mit Sauerstoff, Nährstoffen und Wasser erschweren Stadtbäumen das Überleben. Streusalz, Müll und Schadstoffe im Boden verschlimmern die Lage.

Dabei sind Stadtbäume unverzichtbare Helfer im Kampf gegen sich weiter aufheizende Innenstädte. Sie liefern Sauerstoff, kühlen und reinigen die vom Verkehr belastete Luft. Sie speichern klimaschädliches Kohlendioxid, helfen bei der Versickerung von Starkregen und Dämpfen Lärm.

Sie sind ein wichtiger Lebensraum für Tiere und verbessern medizinisch nachgewiesen die Gesundheit der Stadtbewohner. Kurz, es sollte wirklich mehr von ihnen geben. Damit haben wir uns auch in einer anderen Folge von Das Wissen ausführlich beschäftigt. Der Titel Mehr Grün, wie Bäume, Stadtklima und Lebensqualität verbessern. Schon 2022 hatte die Europäische Union beschlossen, dass bis zum Jahr 2030 in den Mitgliedsländern drei Milliarden zusätzliche Bäume gepflanzt werden sollen. Doch ausgerechnet die Zahl der Betriebe, die für den Nachschub an Jungbäumen sorgen, schrumpft. So gab es laut Statistischen Bundesamt im Jahr 2025 11 Prozent weniger Baumschulen als fünf Jahre zuvor. Das wirft die Frage auf, wo sollen all die Stadtbäume in Zukunft herkommen? Und welche sollen es sein?

SPEAKER_4 (3:32)

Aker campestre, der Feldahorn.

Quercus petrae, die Traubenreiche. Sorbus aria magnifica, die Mehlbeere.

Hartmut Balder (3:49)

Wenn ich eine Stadt begrüßen möchte, dann muss ich ja wissen, was steht mir denn da vor? Möchte ich einen Platz haben mit einem Baum? Möchte ich einen Platz haben mit 100 Bäumen? Weil ich dann wie eine kleine Insel, so tiny forest mäßig, da meine vielen Pflanzen dort habe. Alles braucht seinen Platz zum Wachstum.

Richard Fuchs (4:04)

Für Hattmut Balder, Gartenbauwissenschaftler und langjähriger Professor für Pflanzenschutz im urbanen Raum, wird bei Stadtbäumen zu oft über riesige Zahlen. Eine Million Neuer Bäume für Berlin und zu wenig darüber gesprochen, was Bäume eigentlich zum Wachsen brauchen.

Hartmut Balder (4:19)

Wachsen hat ja auch mit Pflege zu tun, denn kein urbaner Standort ist ja naturnah, da hat sich ja durch die menschliche Geschichte unerlieg verändert. Also muss ich ja schon wissen, wie muss ich einen Boden vorbereiten, damit ich pflanzen kann. Ich kann ja den Boden austauschen gegen ein besseres Substrat, so nennen wir das heute. Also auch mit dem klaren Ziel, wie lange soll denn dieser Baum auf meinem Platz hinterstehen? Zwei Wochen? Fünf Jahre? Hundert Jahre?

Weil der Baum will ja hundert Jahre lang dann seine Wachstumsansprüche erfüllt bekommen. Also geht es gar nicht um Stückzahlen, es geht ja mehr um, wie ich den Ort organisiere.

Richard Fuchs (4:51)

Deshalb gehe es nicht zuerst um Begrünung. Sondern um Nutzungskonzepte für Orte, Straßen und Plätze.

Hartmut Balder (4:58)

Die Stadt Mailand und Pardor sind die schönsten Beispiele. Die denken einfach über Stadtmanagement nach. Es zählt doch der Zustand eines Platzes. Dazu gehören die Gebäude, dazu gehört die Sauberkeit des Platzes, die Sicherheit eines Platzes, die Begrünung eines Platzes. Egal was man da macht. Und zwar jeden Tag. Sonst kommen die Touristen nicht.

Richard Fuchs (5:13)

Behalte das Credo. In ein solches Nutzungskonzept passt ein neuer Stadtbaum nur, wenn der Pflanzort gut vorbereitet ist.

Hartmut Balder (5:21)

Wien braucht pro Baumpflanze inzwischen 25 Euro. Nicht, weil der Baum so teuer ist, sondern weil der Standort erstmal richtig vorbereitet werden muss.

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