Martin Heidegger (Teil 2): Denken mit braunem Schatten
Mindmaps: der Philosophiepodcast (RefLab)
October 4, 2026
Manuel und Peter fragen, wie eng Heideggers Philosophie mit seiner Nähe zum Nationalsozialismus verknüpft ist. Sie diskutieren, was von seinem Denken bleibt, wenn Werk und Biografie nicht sauber zu trennen sind.
Speakers Manuel Schmid, Heinzpeter Hempelmann
TopicsPhilosophySociety & CultureReligion & Spirituality
Manuel Schmid (0:18)
Freundinnen und Freunde der Philosophiegeschichte und des gepflegten Denkens, herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Mindmaps. Hallo Peter.
Heinzpeter Hempelmann (0:29)
Hallo.
Manuel Schmid (0:30)
Schön dich zu sehen und zu hören, zugeschaltet aus dem Schwarzwald. Wir hoffen, die Verbindung hält für diese Folge über einen sehr spannenden Philosophen, mit dem wir uns in der letzten Folge bereits beschäftigt haben. Wir reden noch einmal über Martin Heidegger und werden dann sogar die nächste Folge uns noch mit ihm beschäftigen, was eigentlich schon andeutet, dass es sich hier um einen sehr wichtigen Denker des 20 Jahrhunderts, der Neuzeit überhaupt handelt, an dem man nicht vorbei kommt, wenn man eine Philosophiegeschichte, zumindest nicht, wenn man eine westliche Philosophiegeschichte erzählen oder durchdiskutieren will.
Und wir haben das in der letzten Folge schon angekündigt, dass wir auch über die sehr düsteren und zweifelhaften Verbindungen oder eben unsweifelhaften Verbindungen Martin Heideggers zum Nationalsozialismus sprechen werden und uns dann auch fragen werden, inwiefern beeinflusst, untergräbt, unterläuft diese Verbindung zum Nationalsozialismus auch unsere Wahrnehmung seines Denkens und die Anerkennung für seine Philosophie und könnten uns von da aus auch grundsätzlichere Gedanken machen, wie es eigentlich um den Zusammenhang zwischen der Biografie, dem Leben eines Philosophen oder einer Philosophin und ihrem Werk, ihrem Denken steht. Inwiefern stehen diese beiden Größen in einem positiven Wechselverhältnis und in einem Verhältnis des Glaubwürdigkeitstransfers und inwiefern unterläuft oder untergräbt auch vielleicht das Leben eines Philosophen dann sein Denken oder wirft einen Schatten auf seine Wahrnehmung. Das ist bei Heidegger in den letzten Jahrzehnten auf jeden Fall so gewesen, dass seine Rezeption, seine Wiedergabe, die Wiedergabe seines Denkens auch eingetrügt wurde durch seine nationalsozialistische Geschichte und Dinge, die da auch zu Tage getreten sind in jüngerer Zeit. Peter, da wirst du uns noch weiter mitnehmen, aber vielleicht, um uns aus Betriebstemperatur zu bringen, könntest du noch mal in groben Zügen in seinen Denk- und Lebensweg einführen, damit wir von da aus dann die Brücke schlagen können zu seiner, wie soll man sagen, nationalsozialistischen Periode oder Phase seines Lebens.
Heinzpeter Hempelmann (3:36)
Ja, die wahrscheinlich nicht nur eine Phase war. Das ist als der Hauptprobleme der Rezeption. Also auch von meiner Seite aus herzliche Grüße nach Basel, wo du gerade zurzeit bist. Aus dem Schwarzwald, gar nicht so weit entfernt von dem Ort, in dem Martin Heidegger 1889 geboren worden ist, in Messkirch, ländlich, katholisch geprägt, wie man so schön sagt, katholisches Milieu. Und im Gegensatz dazu, du hast von der abendländischen Philosophie gesprochen. Im Rahmen von ihr kommt man an Heidegger nicht vorbei. Der Witz ist, Martin Heidegger hat eben weit über den Westen hinaus einen riesen Einfluss gehabt und wird bis heute rezipiert. Dieses Hauptwerk von ihm, das erste Früh- und Hauptwerk Sein und Zeit, ist alleine siebenmal ins Japanische übersetzt worden. Und die Kyoto-Schule, die in Japan sehr, sehr wichtig ist, hat sich intensiv um seine Rezeption bemüht. Nur um mal deutlich zu machen, mit welchen Spannungen wir es hier zu tun haben. Auf der einen Seite also dieser Ursprung, dem Heidegger immer verbunden geblieben ist, ein kleines Dorf im Schwarzwald, das er nie hinter sich gelassen hat, das für ihn auch mentale eine ganz, ganz große Rolle gespielt hat. Und auf der einen Seite diese wirklich weltweite Rezeption. Auf der einen Seite dieser unglaubliche Einfluss in verschiedenste Bereiche philosophischer Strömungen im 20 Jahrhundert. Und auf der anderen Seite bis zu seinem Tod und über den Tod hinaus die Debatte, was können wir von einem Mann, der offenbar nicht in der Lage war, die Verbrechen des Nationalsozialismus einzusehen, seine Kooperation, Kollaboration auch zu bereuen. Was können wir von einem solchen Philosophen eigentlich lernen?
Vielleicht ist es tatsächlich sinnvoll, sich kurz zu überlegen, was war denn der Weg bis hin zu dieser Kollaboration, die uns ja heute in dieser Folge vor allen Dingen beschäftigen soll. Ich sagte schon, Messkirch, katholisches Milieu.
Es wird sehr schnell klar, dass dieser Dorfjunge überragend begabt ist. Und die katholische Kirche gibt ihm ganz schnell ein Stipendium.
Der junge Heidegger liest mit 18 die Dissertation von Brentano über die Kategorienlehre des Aristoteles. Das sagt alles. Also sowas würde ich freiwillig bis heute nicht lesen. Und er, die Frage nach dem Sein bei Aristoteles in dieser Dissertation, ist dann etwas, was ihn ein Leben lang dann auch beschäftigen wird.
Er kommt zu den Jesuiten, ist aber auch nach wenigen Wochen aus dem Jesuiten-Noviziat wieder geflohen, macht einen zweiten Anlauf. Es ist klar, durch dieses Stipendium, das er von der katholischen Kirche kriegt, der unausgesprochene oder auch ausgesprochene Wunsch und das Ziel dahinter ist, er soll Pfriester werden und er lässt sich eben darauf auch ein. Aber es klappt nicht. Es klappt auch nicht in diesem zweiten Schritt des Theologiestudiums. Und dann macht er 1911 einen Neuansatz. Das ist sehr spannend. Er fängt an, Philosophie zu studieren, Mathematik und Naturwissenschaften. Also man sollte Heidegger da auch nicht zu früh in irgendeiner Weise einseitig festlegen. 1913 promoviert er über den Psychologismus eine Konzeption, die damals sehr aktuell war. Eine Richtung, eine philosophische Richtung, die versucht hat, die Erkenntnistheorie auf den Emotionen aufzubauen. Man würde sagen, heute ist vielleicht wieder aktueller, aber damals hat man das sehr, sehr bekämpft.
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