Marine Le Pen: Wie normal ist der Rassemblement National geworden? | Machtkampf um den Élysée - Folge 3
Franko-viel - Der Frankreich-Podcast
October 8, 2026
Marine Le Pen hat den Rassemblement National aus der politischen Isolation geführt – aber wie grundlegend hat sich die Partei verändert? Andreas Noll und Jakob Ross diskutieren den Bruch mit Jean-Marie Le Pen, die Abkehr vom Frexit und Jordan Bardellas Rolle bei der Ansprache neuer Wählerschichten.
Speakers Andreas Noll, Jakob Ross
SPEAKER_1 (0:01)
Und du bist, du sagst, du bist Kandidatin der Präsidenten-Elektion. Also heute Abend bin ich Kandidatin der Präsidenten-Elektion. Und du wirst keine Aufmerksamkeit verändern. Nein, ich werde keine Aufmerksamkeit verändern.
Andreas Noll (0:09)
Heute Abend bin ich Kandidatin für die Präsidentschaftswahl. Marine Le Pen im Juli im Fernsehinterview beim französischen Fernsehkanal TFA. Ein kurzer Satz, der mittlerweile in Frankreich ziemlich vertraut klingt. Als ihr Vater 2002 in die Stichwahl um den Élysée-Palast eingezogen ist, war das ein Schock für Frankreich. Am Ende wählten mehr als 82% den Gullisten Jacques Chirac in eine zweite Amtszeit. Auch Menschen, die mit dessen Politik überhaupt nichts anfangen konnten.
Marine Le Pen kam 20 Jahre später bei der bislang letzten Präsidentenwahl, 2022, auf mehr als 41% der Stimmen. Heute suchen Teile der klassischen Rechten das Bündnis mit ihrer Partei. Was ist da passiert? Hat Marine Le Pen den alten Front National grundlegend verändert?
Oder hat sich vor allem Frankreichs Blick auf diese Partei, die heute Rassemblement National heißt, verändert?
SPEAKER_1 (1:07)
Tonight I am a candidate for the presidential election.
Jakob Ross (1:10)
Victory is possible.
SPEAKER_1 (1:12)
And I will be the president of Constance. Machtkampf um den Élysée.
Andreas Noll (1:21)
Ein Podcast mit Jakob Ross und Andreas Noll.
Willkommen bei Machtkampf um den Élysée. Unsere Reihe zur französischen Präsidentschaftswahl 2027 Ein Podcast von Franko-viel. Ich bin Andreas Noll und mit mir ist Jakob Ross von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik aus Paris zugeschaltet, mit dem wir bis zu den Präsidentenwahlen im kommenden Frühjahr alle zwei Wochen den Wahlkampf in Frankreich begleiten. Hallo Jakob.
Jakob Ross (1:53)
Hallo Andreas. Einiges los in den vergangenen zwei Wochen.
Andreas Noll (2:10)
Ja, in der Tat einiges los in den vergangenen zwei Wochen. Hätten wir noch eine Folge machen können vor einer Woche.
In der letzten Folge haben wir gefragt, wer den Makronismus erbt. Das war unser Thema damals. Heute geht es um die Politikerin, die diese ganze politische Ordnung ablösen will, Marine Le Pen nämlich. Für ihre Strategie, die sie seit vielen Jahren verfolgt, gibt es ja so ein französisches Wort dédiabolisation, also wörtlich Enddemonisierung. Gemeint ist eben der Versuch, die Partei aus der politischen Isolation zu holen und für mehr Menschen eben dann wählbar zu machen. Jakob, als ganz kurze Einschätzung ganz am Anfang dieser Folge, was ist Marine Le Pen dabei besser gelungen, ihre Partei zu verändern oder den Blick der anderen, der Menschen auf die Partei?
Jakob Ross (2:56)
Ja, ich glaube, ihr ist tatsächlich beides verändert. Also es hat definitiv und faktisch innerhalb des Front National und der dann ab 2018 Rassemblement National hieß, Veränderungen gegeben, eine wesentlich striktere Führung.
Elemente, Persönlichkeiten in der Partei, die mit radikalen Äußerungen auffielen, die wurden nach und nach ausgesondert. Das hat nicht immer überall funktioniert. Das hat sich zum Beispiel vor zwei Jahren nach der Neuwahl in der Nationalversammlung gezeigt, wo dann doch einige bizarre Kandidaten es auf die Listen geschafft hatten. In vielen anderen Teilen aber doch. So ist es, glaube ich, Marine Le Pen dann auch in der Außenwirkung gelungen, eben in Wählermilieus vorzustoßen. Und darüber werden wir heute sprechen, die für den Front National vollkommen ausgeschlossen gewesen wären über Jahrzehnte und auch für den früheren Rassemblement National unerreichbar waren. Und die sie jetzt auch mit Hilfe ihres Leutnanten Jordan Bardellas des Parteichefs eben für sich erschlossen hat.
Andreas Noll (3:52)
Ja, und wie ihr das genau gelungen ist, das werden wir später etwas näher auseinandernehmen hier in dieser Folge. Vorher, wie immer, am Beginn unserer Folge der Élysée Radar, was hat sich seit der letzten Folge auf dem politischen Spielfeld in Frankreich beim Präsidentschaftswahlkampf verändert? Und da müssen wir zu Beginn, glaube ich, über die Schülerproteste sprechen, die immer noch anhalten in Frankreich. Ende nicht absehbar. Am Dienstag sind Hunderttausende auf die Straße gegangen, war ein großer Protesttag. Jugendliche fordern bessere Bedingungen an ihren Schulen zugleich. Auch das muss man immer wieder dazusagen, prägen Gewalt und die Debatte über den Polizeieinsatz, die Auseinandersetzungen.
Die Regierung, so viel steht fest, steht unter Druck. Was verändert das, Jakob, für den Präsidentschaftswahlkampf?
Jakob Ross (4:39)
Also zunächst mal ist es natürlich ein wichtiges Ereignis. Es ist für uns spannend, analytisch, weil alle Kandidaten wirklich ohne Ausnahme versuchen, diese Bilder, die auch in der deutschen Öffentlichkeit sehr präsent waren, die Gewalttätigkeit dieser Bilder teilweise für sich in Stellung zu bringen. Die politischen Extreme zuvorderst, also la France en soumis, links außen, die auch sehr aktiv waren, tatsächlich auf der Straße versucht haben, sich an die Spitze dieser Schülerproteste zu stellen, sie zu politisieren, gemeinsam mit den Gewerkschaften, mit linksautonomen Gruppen teilweise.
Und auf der anderen Seite eben insbesondere die rechten Parteien und auch die Rechtsaußen von Marine Le Pen, die diese Bilder natürlich wie schon in der Vergangenheit sozusagen als Beispiele dafür anführen, wo sich die französische Gesellschaft oder bestimmte Teile dieser Gesellschaft, insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund, Jugendliche aus sozial schwachen Vororten, großer französischer Städte hinbewegt. All das, glaube ich, wird wichtig sein für diesen Wahlkampf. Ich würde aber, ich weiß nicht, ob du es genauso siehst, noch ein Fragezeichen dahinter machen, ob diese Bilder tatsächlich diesen Wahlkampf entscheiden. Denn das habe ich auch in den deutschen Kommentaren und Analysen jetzt häufiger gelesen in den vergangenen Tagen, dass das sozusagen jetzt die entscheidende Mobilisierung ist. Und dafür, würde ich sagen, sind wir doch noch wesentlich zu weit weg von der französischen Präsidentschaftswahl. Und da kann sich in den kommenden Monaten, können sich noch ganz andere Themen dazwischenschieben. Aber beeindruckend waren diese Bilder auf jeden Fall. Und sie haben das Stadtgespräch in Paris und auch im Rest des Landes, glaube ich, bestimmt in den vergangenen Tagen.
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