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Magersucht therapieren – Wie wichtig Familie, Darm und Körperbilder sind

Das Wissen | SWR

September 16, 2026

Zu Hause wohnen, statt stationär behandelt werden. Die Körperwahrnehmung durch Einsatz von VR-Brillen verändern. Gene und Darm berücksichtigen. Neues aus der Magersucht-Therapie.

Speakers Isabella Borgdorf, Jochen Seitz, Verena Haas, Simone Behrens

TopicsScience

SPEAKER_1 (0:02)

ARD Sounds, Das Wissen.

Isabella Borgdorf (0:08)

Wer gerne isst, kann sich oft schwer vorstellen, wie es ist, nicht essen zu wollen, bewusst zu hungern.

SPEAKER_3 (0:13)

Wenn ich jetzt mit meiner Familie oder so darüber rede, ist es sehr oft so, ah ja, du hast Models gesehen oder was auch immer, dann wolltest du dünn sein wie sie.

Und ja, bei mir in der ersten Phase ging es so um dieses typische Diät-Ding. Aber so, es ist halt einfach nicht so sinnvoll.

Isabella Borgdorf (0:28)

Denn Magersucht hat viele Ursachen. Obwohl sie eine psychische Erkrankung ist, liegen die Gründe für ihre Entstehung nicht nur in der Psyche.

Jochen Seitz (0:36)

Sondern es sind wahrscheinlich eben Gene und dann Gewichtsverlust. Der kann durch eine Diät sein, aber der kann auch durch eine Erkrankung sein oder durch besonders gesunde Ernährung.

Isabella Borgdorf (0:44)

Forscher verstehen immer besser, welche Faktoren eine Magersucht begünstigen. Neue Therapieansätze beziehen die Familie stärker ein und nutzen Online-Therapie. VR-Brillen sollen helfen, die verzerrte Körperwahrnehmung der Patientinnen zu behandeln.

In den Fokus rückt außerdem das Zusammenspiel von Darm und Gehirn. Magersucht-Therapieren. Wie wichtig Familie, Darm und Körperbilder sind. Von Elisa Burke. Wir wollen mit der Familie und ihrer Bedeutung für den Therapieerfolg beginnen. Denn hier tut sich einiges.

Merle Singer war 13 Jahre alt, als sich bei ihr die ersten Symptome einer Magersucht zeigten. Sie möchte anonym bleiben. Deshalb haben wir ihren Namen geändert. Einen einzigen Auslöser kann sie für ihren Wunsch, dünn zu sein, heute nicht benennen.

SPEAKER_5 (1:34)

Aber es war ganz viel Halt und Kontrolle, was mir die Erkrankung gegeben hat. Und Orientierung ist sehr viel in einem Alter mit 13, wo sich sowieso ganz viel verändert. Klassen ändern sich, neue Schulfächer, Leistungsdruck.

Mein Körper hat sich angefangen zu verändern. Meine Gefühle haben sich verändert. Ich konnte damit nicht umgehen. Und die Erstrung hat davon ganz viel kompensiert.

Isabella Borgdorf (2:00)

Zunächst waren ihre Symptome nicht so schlimm. Lange Zeit, dachte Merle, sie könnte diese selbst unter Kontrolle behalten.

SPEAKER_5 (2:07)

Ich hab angefangen mit einer ganz typischen Diät einfach. Auf Süßigkeiten verzichtet, geguckt, was ich esse, wie viele Proteine, wie viele Kohlenhydrate, das Mittag mal ausgelassen, das Frühstück weggelassen, all sowas.

Isabella Borgdorf (2:22)

Merle aß immer weniger. Nahm deutlich ab. Und gestand sich ein, dass sie magersüchtig war.

Mit 16 Jahren vertraute sie sich ihrer Familie an. Die reagierte betroffen und besorgt. Gemeinsam suchten sie nach einer geeigneten Therapieform. Denn?

SPEAKER_5 (2:38)

Für mich war das sehr beängstigend, in eine Klinik zu gehen und dann länger weg zu sein von zu Hause. Ich wollte meinen Hund bei mir haben, meine Eltern, meine Freunde, mein Bett, mein Zimmer, alles, was mir so wichtig ist.

Isabella Borgdorf (2:50)

Wer Merle Singer heute sieht, merkt ihr nicht an, dass sie als 17-Jährige so krank und darunter gehungert war, dass sie an der Magersucht hätte sterben können. Heute ist sie eine junge, schlanke Frau, die selbstbewusst über ihre Erkrankung spricht. Merle hat aktuell keine Magersuchtssymptome.

Geholfen hat ihr die sogenannte familienbasierte Therapie, kurz FBT, ein Angebot der Berliner Charité. Ihre Familie entschied sich deshalb für die FBT, weil Patientinnen in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können. Die FBT ist eine ambulante Psychotherapieform bei schwerer Magersucht, die in Deutschland noch keine Standardtherapie ist.

Ein Forschungsteam der Charité möchte das ändern und führt deshalb eine bundesweit angelegte Studie durch, die die Wirksamkeit der FBT mit einer klassischen stationären Therapie vergleicht. Interessierte Familien können sich bis Ende 2026 dafür noch melden.

Verena Haas (3:47)

Also die FBT hat ja insgesamt das Ziel, wenn es möglich ist, stationäre Aufnahmen zu verkürzen oder gänzlich zu vermeiden.

Isabella Borgdorf (3:57)

Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Verena Haas leitet die Studie.

Verena Haas (4:02)

Der Hintergrund für dieses Vorgehen ist, dass wir davon ausgehen, dass junge Menschen am besten in ihren Familien-Settingen aufgehoben sind und auch dass ein Vorteil ist, wenn die Gesundung auch an dem Ort stattfinden kann, wo die jungen Menschen dann auch nachher wieder leben.

Isabella Borgdorf (4:19)

Bei einer schweren Magersucht werden die Patientinnen in Deutschland meist stationär im Krankenhaus behandelt.

Da Jungs und Männer unter den Erkrankten die Ausnahme sind, sprechen wir in dieser Folge von Das Wissen von Patientinnen. Eine stationäre Therapie dauert mehrere Monate, in denen das Kind oder die Jugendliche den gewohnten Alltag verlässt. Einige Eltern bevorzugen deshalb die FBT.

Verena Haas (4:43)

Viele Familien sind ihm dann zugetan der Vorstellung, dass das Kind nicht für mehrere Monate ins Krankenhaus geht. Manche sagen aber auch sehr klar, das ist für uns nicht darstellbar. Ich werde mir keine längere Zeit Auszeit nehmen können beruflich, um die Mahlzeiten zu begleiten.

Und vielleicht alleinerziehende Mütter sagen, ich schaff das nicht. Ich hab noch zwei andere Kinder.

Isabella Borgdorf (5:05)

Der Zeitaufwand ist hoch. Die Eltern nehmen an sämtlichen Therapiesitzungen teil. Sie müssen das Essen für das Kind zubereiten und sicherstellen, dass es dieses zu sich nimmt.

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