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Jüdisches Leben in Deutschland – Sichtbar bleiben trotz Bedrohung

Das Wissen | SWR

October 5, 2026

Mit dem Hamas-Überfall auf Israel 2023 stieg auch der Antisemitismus hierzulande sprunghaft an. Menschen jüdischen Glaubens sind so bedroht wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg.

Speakers Lissi Kaufmann, Ron Dekel, Hannah Tebelmann, Andrea Lindholz, Felix Klein, Joseph Schuster, Anastasia Pletuchina, Marina Czerniewski, Miron Mendel

TopicsScience

SPEAKER_1 (0:02)

ARD Sounds, Das Wissen.

Lissi Kaufmann (0:09)

Der Hass auf Jüdinnen und Juden, Anfeindungen, Bedrohungen.

Sie haben zugenommen in Deutschland seit dem 7 Oktober 2023 Dem Tag, an dem die Hamas in Israel ein Massaker angerichtet und einen Krieg ausgelöst hat.

Ron Dekel (0:24)

Ich glaube, ich kenne so gut wie keinen Juden, keine Jüdin, die keine Freunde nach dem 7 Oktober verloren hat.

Hannah Tebelmann (0:34)

Also mir ist das auf einer Dienstreise passiert, dass ich in einer Lokalität war und dort eben mit David Stern Halskette gesessen habe und dann aufgefordert worden bin, diese entweder zu entfernen oder zu gehen. Ich wurde auf offener Straße deswegen schon angespuckt, bedroht, beleidigt, angefeindet.

SPEAKER_5 (0:56)

Jüdisches Leben in Deutschland, sichtbar bleiben trotz Bedrohung von Lissi Kaufmann.

Lissi Kaufmann (1:06)

Juni 2026 Der Antisemitismus ist wieder in den Nachrichten.

SPEAKER_6 (1:12)

Die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Deutschland bleibt hoch.

Lissi Kaufmann (1:16)

8725

So viele Fälle wurden dem Bundesverband der Recherche und Informationsstellen Antisemitismus, kurz RIAS, 2025 gemeldet. Im Schnitt sind das fast 24 Fälle pro Tag. Mit Hochbleiben ist gemeint seit dem 7 Oktober 2023 Seither, so meldet es RIAS, hat sich die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland verdreifacht.

Der 7 Oktober 2023 Es ist der Tag, an dem die Hamas in Israel ein Massaker anrichtet. Hunderte Terroristen aus dem Gaza-Streifen stürmen israelische Ortschaften und das Nova-Musik-Festival. Sie vergewaltigen, sie töten mehr als 1200 Israelis, nehmen weit über 200 Geiseln. Und sie filmen ihre Taten. Bilder und Videos gehen um die Welt.

Schon mittags tanzen am Berliner Hauptbahnhof die ersten Menschen. Aus Freude über den Tod von Israelis, von Jüdinnen und Juden. Später werden in Neukölln Süßigkeiten verteilt. Es folgen Angriffe auf Jüdinnen und Juden, auf jüdische Einrichtungen, auf Mahnmaler und Gedenksteine, Hassparolen auf Wänden, Markierungen von Haustüren jüdischer Bewohner, etwa mit roten Dreiecken, dem Symbol, mit dem die Hamas ihre Ziele markiert. Das alles passiert deutschlandweit. Auch die Statistiken des Bundeskriminalamtes zeigen, die Zahl antisemitischer Straftaten nimmt in den Tagen und Wochen nach dem 7 Oktober sprunghaft zu. Und steigt selbst in den Jahren danach noch immer leicht weiter. Bis heute. Es verändert das Leben und den Alltag von Jüdinnen und Juden in Deutschland.

Ron Dekel (2:59)

Vor einigen Monaten hatte ich diesen Vorfall, dass ich rausgegangen bin aus dem Bundestag zu meiner Tätigkeit bei der Jüdischen Studierenden Union Deutschland.

Lissi Kaufmann (3:08)

Das ist Ron Dekel, 24 Jahre alt. Er studiert Politikwissenschaften an der Universität München. Als Vorsitzender der Jüdischen Studierenden Union, JSUD, ist er aber meist in Berlin.

Ron Dekel trägt Kieper und läuft, so erzählt er es, am 23 April 2026 mit einem weiteren Vorstandsmitglied in der Spree entlang, mittags um eins.

Ron Dekel (3:31)

Und dann fährt mir ein Auto nach, was dann meine Kieper von hinten sieht und anfängt so pro-palästinensische Musik zu spielen.

Lissi Kaufmann (3:41)

Ron zeigt ein Video des Vorfalls. Es zeigt zwei Frauen im Auto, die Scheiben heruntergelassen. Arabisch klingende Musik dröhnt nach draußen und dann...

SPEAKER_7 (3:55)

Die Frau hat gerade zwei Menschen mit Kieper. Hier in Berlin rumlaufen sehen und das war ihre Reaktion. Ja, wunderbar.

Lissi Kaufmann (4:04)

Die Frau in dem Video zeigt den Mittelfinger, fährt dann weiter. Fuck Israel, free Palestine, Freiheit für Palästina. Für sich genommen sind es zunächst politische Statements. In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit. Es darf diskutiert, es darf gestritten werden über das Vorgehen Israels gegen die Hamas im Gazastreifen.

Ein Vorgehen, bei dem Zehntausende Menschen sterben, Zivilisten, humanitäre Helfer, auch Kinder.

All das darf mit scharfen Worten kritisiert werden. Doch die Aussagen aus dem Video von Ron richten sich eben nicht einfach gegen Israel. Sie richten sich an einen jüdischen Studenten in Berlin.

Ron Dekel (4:41)

Wenn man sich das dann überlegt, dass sie einfach eine Person sehen, die einfach nur offen jüdisch ist, die ein Stück Stoff am Ende des Tages auf ihrem Kopf trägt und das die Reaktion ist und man damit praktisch mit Israel gleichgesetzt wird, dann ist das schon hochgradig problematisch.

Lissi Kaufmann (5:01)

Antisemitismus beginnt da, wo Jüdinnen und Juden in aller Welt mit Israel gleichgesetzt werden. Laut RIAS war 2025 der israelbezogene Antisemitismus mit 69 Prozent die häufigste Form von Antisemitismus.

Die deutsche Politik hat versucht, den Anfeindungen und der Gewalt hierzulande entgegenzuwirken. In November 2023 erlässt die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser von der SPD ein Betätigungsverbot der Hamas in Deutschland und verbietet die Gruppe Samidun.

SPEAKER_8 (5:34)

Samidun ist ein internationales Netzwerk, das unter dem Deckmantel einer sogenannten Solidaritätsorganisation für Gefangene in verschiedenen Ländern israel- und judenfeindliche Propaganda verbreitet.

Lissi Kaufmann (5:46)

Ein Jahr später setzt auch der Bundestag ein Zeichen.

SPEAKER_6 (5:50)

Ich schließe die Aussprache.

Lissi Kaufmann (5:51)

Wir kommen zur Abstimmung über den Antrag der Fraktionen der SPD, eine große Mehrheit der Abgeordneten stimmt an diesem Tag für die Antisemitismus-Resolution.

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