IM BAUCH DER GROßSTADT - Wiens neue Wohnwelt
Alles Geschichte - Der History-Podcast
October 9, 2026
Tausende neuer Wohnungen, Luxussteuer, eine Reform der Gesundheitsversorgung: Kurz nach dem Ersten Weltkrieg konnte die Wiener Arbeiterpartei ihre Stadt umgestalten. Das "Rote Wien" wollte anderen Städten ein Vorbild sein. Heute wird es bewundert - und verklärt.
Speakers Hans Böhringer, Lilli Bauer, Wolfgang Maderthaner, Hannes Leidinger
TopicsHistory
Hans Böhringer (0:16)
Am Ende des ersten Weltkriegs kamen aus Wien fast nur Horrornachrichten. Die Kriegswirtschaft hatte die Wiener Bevölkerung ausgelaugt, das Essen war knapp. Mehr als die Hälfte der Kinder war stark unterernährt. Die spanische Grippe wütete, die rückkehrenden Soldaten hatten Syphilis eingeschleppt und die Tuberkulose war schon lange so verbreitet, dass sie Wiener Krankheit genannt wurde.
Zu den Krankheiten und dem Hunger kam die Wohnungsnot. Es war für Mieter üblich, ihr Bett für ein paar Stunden unterzuvermieten, an sogenannte Bettgeher. Am Stadtrand bauten wohnungslose Wiener auf eigene Faust-Slam-ähnliche Bretteldörfer. Das war Wien am Ende des Ersten Weltkriegs 1918-19.
Wenige Jahre später, 1927, besuchte der deutsche Schriftsteller Ernst Toller Wien. Er fand eine völlig verwandelte Stadt.
SPEAKER_2 (1:20)
Die kleinste Wohnung besteht aus Zimmer, Wohnküche und Vorzimmer. Im Allgemeinen umfassen die Wohnungen zwei Zimmer und Küche.
Jedes Zimmer hat Parkettfußboden, jedes Haus Zentral-, Wasch- und Trockenanlagen, gemeinsamen Kindergarten, Bibliothek, Versammlungssaal, Kino, Sitzungszimmer.
Hans Böhringer (1:40)
Toller schrieb seine Eindrücke auf für die Berliner Zeitschrift Die Weltbühne.
SPEAKER_2 (1:44)
Man muss die alten Wiener Arbeiterwohnungen gesehen haben, um zu ermessen, was die Stadt geschaffen hat. An jedem Haus ist plastisch und deutlich auf einer Tafel zur Freude der Reichen eingemeißelt, errichtet aus den Erträgen der Wohnbausteuer.
Hans Böhringer (2:06)
In einer kurzen Zeitspanne von etwas mehr als 10 Jahren hatten die Sozialdemokraten in Wien ungefähr 65 neue Wohnungen bauen lassen und das Gesundheitssystem reformiert. Finanziert wurde das Ganze mit Luxussteuern. So erklärt sich Tollers ironischer Kommentar über die Freude der Reichen.
Heute, im 21 Jahrhundert, zieht dieses Rote Wien Menschen aus aller Welt an, die wissen wollen, wie setzt man soziale Ideen um auf kleinem Raum? Wie löst man eine Wohnungskrise? Und diese Menschen machen dann eine Tour bei der Museumskuratorin Lilli Bauer.
Lilli Bauer (2:47)
Natürlich haben wir auch Fachpublikum hier, also Delegationen, entweder Städteplaner oder Architekten. Zeitlang hatten wir sehr viele Demokraten aus dem Bundesstaat New York.
Hans Böhringer (2:57)
Das Rote Wien ist eine Legende geworden, eine linke Utopie.
Aber das echte Rote Wien war geprägt von inneren Widersprüchen und von einer äußeren Bedrohung, von seinem Anfang bis zu seinem blutigen Ende. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei war Anfang des 20 Jahrhunderts die dominante linke Partei in Österreich. Ihre ehemalige Parteizentrale liegt mitten in Wien, im fünften Bezirk.
Heute sitzt der Verein für Geschichte der Arbeiterinnenbewegung in dem Gebäude. Hier treffen wir den Historiker Wolfgang Mardertaner. Er war bis zu seiner Pensionierung Generaldirektor des österreichischen Staatsarchivs und hat zum Roten Wien und der Arbeiterpartei geforscht. Wie fing das also an?
Wolfgang Maderthaner (3:49)
Wir haben die Situation unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg, die eine Situation einer humanitären Katastrophe ist. Also die entsprechende Phrase, die man überall lesen kann, die man überall hört, ist eine Stadt stirbt.
Hans Böhringer (4:05)
Wien stirbt und ringsum zerfällt das riesige Kaiserreich. Österreich-Ungarn hatte den Krieg verloren und löste sich auf. Wien, die 2-Millionen-Stadt, verblieb in dem kleinen Alpenland, das zunächst Deutschösterreich genannt wurde.
Der Kaiser war weg. Österreich wurde zur Republik.
Für die Sozialdemokraten gab es erstmals eine Machtoption. Was nun? Eine Revolution, eine Räterepublik, den sowjetischen Weg. Das wollte die Arbeiterpartei nicht.
Wolfgang Maderthaner (4:40)
Auch aufgrund des Beispiels der Münchner Republik, deren überaus rasches und gewaltsames Ende, hat man hierzulande gesagt, okay, wir versuchen den Weg sozusagen einer nachgehulten bürgerlichen Revolution. Und eine nachgehulte bürgerliche Revolution heißt freie Wahlen.
Hans Böhringer (5:00)
Bei den ersten freien Wahlen im Jahr 1919 kam die Arbeiterpartei österreichweit auf 40%, knapp vor den konservativen Christsozialen.
Anfangs regierten die beiden großen Parteien gemeinsam. Ab den 20ern ging die Arbeiterpartei auf Bundesebene in die Opposition.
Anders sah es in Wien aus. Dort gewann die Arbeiterpartei 1919 mit absoluter Mehrheit. Jakob Reumann wurde der erste sozialdemokratische Bürgermeister Wiens. Für die Sozialdemokraten war bald klar, im Bundesstaat Österreich würden sie erst mal nicht viel ausrichten können. In der Hauptstadt aber schon.
Wolfgang Maderthaner (5:42)
Und damit ergibt sich eine faszinierende Perspektive für die österreichische Sozialdemokratie, sozusagen den Sozialismus in einer Stadt aufzubauen. Die Idee dahinter war simpel und einfach, wir können zeigen in Wien, was wir können.
Und das war eine völlig neu konzipierte Form der Kommunalpolitik.
Hans Böhringer (6:04)
Drei günstige Bedingungen ermöglichten den Sozialdemokraten tatsächlich zu zeigen, was sie können. Erstens behielten sie in den darauffolgenden Wahlen die absolute Mehrheit in Wien. Zweitens bekam Wien als Bundeshauptstadt Gelder vom Bund. Und drittens wurde Wien Anfang der 20er zu einem eigenen Bundesland. Die Hauptstadt trennte sich von dem überwiegend ländlich-konservativen Niederösterreich.
Das Entscheidende beim neuen Status als Bundesland? Wien konnte eigene Steuern erheben.
Wie sollten die neuen Wohnungen finanziert werden, die Wien so dringend brauchte? Auftritt Hugo Breitner. Breitner kam aus dem bürgerlichen Milieu und war ein erfahrener Banker. Er wurde zum Finanzpolitiker der Stadt. Breitner war gegen neue Schulden. Die Produktion, das Gewerbe stärker zu besteuern, kam auch nicht in Frage. Denn durch die Inflation und den Kollaps des Donauhandelsraums war die Wirtschaft strapaziert.
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