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IM BAUCH DER GROßSTADT - Die Zeit der Schlafgänger

Alles Geschichte - Der History-Podcast

October 9, 2026

Miete nur für ein Bett - um 1900 war das in den Großstädten keine Ausnahme. Massive Wohnungsnot machte viele Menschen zu "Schlafgängern". Sie hatten nur Anspruch auf ein Bett, das sie sich oft sogar in einer Art Schichtbetrieb mit Schicksalsgenossen teilten. Ein Podcast von Carola Zinner (BR 2026)

Speakers Stefan Fisch, Caroline Ebner

TopicsHistory

Stefan Fisch (0:05)

Alles Geschichte. Der History-Podcast.

Caroline Ebner (0:15)

Wir mieteten ein Kabinett, das wir für uns allein hatten. Auch mein jüngerer Bruder kam wieder zu uns und brachte einen Kollegen mit, mit dem er sein Bett teilte. So waren wir vier Personen in einem kleinen Raum, der nicht einmal ein Fenster hatte, sondern das Licht nur durch die Fensterscheiben erhielt, die sich in der Tür befanden.

Als einmal ein bekanntes Dienstmädchen stellenlos wurde, kam sie auch zu uns. Sie schlief bei meiner Mutter im Bett und ich musste zu ihren Füßen liegen und meine eigenen Füße auf einen angeschobenen Stuhl lehnen.

SPEAKER_3 (0:47)

Im Jahr 1909 veröffentlichte die österreichische Sozialistin und Frauenrechtlerin Adelheid Popp mit ihrer Jugendgeschichte einer Arbeiterin eine der wenigen Autobiografien, die aus eigener Erfahrung vom harten Dasein städtischer Unterschichten im 19 Jahrhundert erzählen.

Die Epoche war geprägt von einem noch nie dagewesenen Bevölkerungswachstum, das Städten wie München, Berlin oder Wien einen ungeheuren Boom bescherte. Dabei landete der größte Teil derer, die hierher zogen, um ihr Glück zu finden, in schlecht bezahlten Jobs und miserablen Wohnverhältnissen. Oft reichte der Verdienst lediglich für eine Schlafstelle als Untermieter in einem der Mietshäuser, die hastig aus dem Boden gestampft wurden.

Stefan Fisch (1:35)

In München gab es um 1900 etwa 500 Münchner. Von denen waren also nur 7% Eigentümer der Wohnung, in der sie gewohnt haben. Und in Berlin sogar nur 3%.

Deswegen ist Berlin ja auch mal als die größte Mietskasernenstadt der Welt bezeichnet worden.

SPEAKER_3 (1:57)

Der Historiker Professor Stefan Fisch, Emeritus der Universität Speyer, verfasste mit seinem Buch Stadtplanung im 19 Jahrhundert, das Beispiel München, ein grundlegendes Werk zur Bau- und Wohngeschichte jener Zeit.

Als Quellen nutzte er unter anderem eine Wohnungsumfrage von 1904, die der damalige Münchner Bürgermeister Wilhelm von Borscht in Auftrag gegeben hatte.

Stefan Fisch (2:22)

Von den Mietern wohnen etwa 100 in unvollständigen Teilwohnungen. Da konnte also eine Wohnung dann in Wirklichkeit aus drei Wohnungen bestehen und entsprechend verkleinert worden sein, damit man sie bezahlen konnte.

Jetzt sagen wir nochmal etwas über den Standard der Wohnungen. Also 1904 bei der Wohnungsumfrage hat man festgestellt, dass 45% der Wohnungen keine Toilette haben. Die Wohnung bestand aus Wohnraum und in der Küche und einem Wasserhahn, mit viel Glück. Das war aber auch alles. Und 17% hatten durchgefaulte Fußböden. Und 11% hatten das, was man in der Sprache der Wohnungsumfrage schlecht beleuchtete Zimmer nennt und was in der Realität Zimmer ohne Fenster waren.

SPEAKER_3 (3:13)

Dabei waren solche Behausungen alles andere als günstig, wie die Umfrage ergab.

Die Miete für eine 50 Quadratmeter Wohnung betrug rund die Hälfte des Durchschnittsverdienstes, der so niedrig war, dass der Rest nicht mehr genügte, um davon den Lebensunterhalt zu bestreiten. So blieb vielen Familien nichts anderes übrig, als unter zu vermieten. Ein Zimmerherrn oder Zimmerfräulein oder aber ein Schlafgänger.

Stefan Fisch (3:41)

Der Zimmerherr konnte es sich leisten, ein ganzes Zimmer zu mieten und damit die freie Verfügung über ein ganzes Zimmer zu haben.

Und das waren also die klassischen Studenten. Das waren vielleicht auch unverheiratete junge Beamte oder sonstiger alleinstehende Personen, die einen etwas einkömmlicheren Beruf hatten und die auf diese Weise schnell eine Wohnung gefunden haben in den beengten Verhältnissen. Der Schlafgänger oder Bettbursche hat dagegen nur ein Bett zum Schlafen gemietet. Und da gibt es aus dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet, wo also viele Bergarbeiter als Schichtarbeiter tätig waren, durchaus glaubwürdige Darstellungen, dass so ein Bett beim Schichtbetrieb an drei aufeinanderfolgende Schichtarbeiter rei umvermietet worden ist, dass also das Bett nie kalt geworden ist in der Nacht und am Tag.

SPEAKER_4 (4:51)

Nahezu durchweg wird über Unreinlichkeit der Fußböden und Wände, besonders über den Schmutz der Bettwäsche Klage geführt.

SPEAKER_3 (5:00)

Ernst Kahn, das Schlafstelle-Wesen in den deutschen Großstädten und seine Reform, Stuttgart 1898

SPEAKER_4 (5:09)

Es kommt zuweilen sogar vor, dass nach Verlassen einer Schlafstelle durch einen Schlafburschen nicht einmal die Bettwäsche gewechselt wird. Auch die Wände starren vor Schmutz.

An Gebrauchsgegenständen ist meist nur das Allernotwendigste vorhanden. Ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl. Vielfach noch eine Kommode bilden die ganze Ausstattung. Aufbewahrungsgegenstände für die Kleider sind meist nicht vorhanden. Selbst Haken stehen nicht allzu oft zur Verfügung.

Auch fehlen oftmals die Waschbecken und Waschkrüge. Da wird dann am Ausguss die Toilette besorgt und aus einem Maßkrug das notwendige Wasser zum Waschen in die Hand gegossen.

SPEAKER_3 (5:51)

Auch in vorindustriellen Zeiten wurden Lehlinge, Gesellen und Personal meist extrem einfach untergebracht. Sie übernachteten in überfüllten Schlafräumen oder in den im Winter eiskalten, im Sommer brütend heißen Speichern. Hausmädchen schliefen häufig auf der Küchenbank, die dafür nachts mit einer dünnen Matratze belegt wurde oder auf dem Hängeboden, einer Art Verschlag unter der Decke im Flur.

Eines aber hatten all diese Schlaflager gemeinsam. Sie befanden sich innerhalb des Herrschaftsbereichs der Arbeitgeber. Bei den Schlafgängern sieht die Sache anders aus. Sie sind zahlende Mieter bei Außenstehenden, mit denen sie ansonsten nichts verbindet.

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