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IM BAUCH DER GROßSTADT - Als Städte zu Riesen wurden

Alles Geschichte - Der History-Podcast

October 9, 2026

Gesellschaft im Umbruch: Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wachsen die Städte rasant, Unterkünfte platzen aus allen Nähten. Münchens Bevölkerung zum Beispiel hat sich innerhalb kurzer Zeit verdoppelt.

Speakers Friedrich Lenger, Georg Gruber, Marita Kraus

TopicsHistory

Friedrich Lenger (0:05)

Alles Geschichte. Der History-Podcast.

Georg Gruber (0:21)

München, Weltstadt mit Herz, Kunst- und Kulturmetropole Isar-Athen und eine Stadt mit Slums und Epidemien, die unter der Bevölkerung grassieren.

Genau so war das in der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts.

Marita Kraus (0:38)

München hat eine Slum-Bildung verzeichnet, also vor allem am östlichen Isar-Ufer, schlechte hygienische Verhältnisse. 1854 war ja noch mal die Cholera über München hinweg gegangen und hatte viele Tote auch gefordert, auch vor allem in diesen hygienisch so schlechten Vierteln.

Also diese klassische Zuwanderersituation in Auheithausen, Giesing war die eine Seite.

Georg Gruber (1:01)

Erklärt die Historikerin Marita Kraus, Professorin an der Universität Augsburg. Der Grund für die Slum-Bildung, immer mehr Menschen drängen zu dieser Zeit vom Land in die Stadt auf der Suche nach Arbeit.

Marita Kraus (1:15)

Gehen wir mal ins Westend.

Da wuchs die Bevölkerung auch sehr stark an, weil sich zum Beispiel die Gummiverbreb Metzeler dort angesiedelt hatte. Also entlang der Bahnlinie begannen da die Ansiedlung, so dass sich große Firmen und Fabriken, die Brauereien nicht zuletzt da in diesem Westend ansiedelten. Und da gab es auch schlechte Wohnbedingungen, aber eben nicht unbedingt die Art der Slumbildung, wie am Isar-Ufer auf der Ostseite.

Georg Gruber (1:43)

Armut, Wohnungsnot und Krankheiten gehören lange zum Alltag vieler Menschen. Baustellen prägen das Bild der Stadt über Jahrzehnte.

München ist eine Stadt im Wandel. So wie viele deutsche und europäische Städte zu jener Zeit auch, die mit ähnlichen Problemen und Herausforderungen konfrontiert sind. Vorreiter dieser Entwicklung, auch Urbanisierung oder Verstätterung genannt, ist England. Dort lebt schon um 1850 die Mehrheit der Menschen in Städten. In den deutschen Staaten dagegen, auch in Preußen und Bayern, wohnen weniger als 5% der Bevölkerung in Großstädten mit mehr als 100 Einwohnern.

Friedrich Lenger (2:24)

Und das ändert sich dann in der Folgezeit ganz rapide.

Georg Gruber (2:28)

Erläutert der Historiker Friedrich Länger, Professor an der Justus Liebig, Universität Gießen und Autor des Buches Metropolen der Moderne, eine europäische Stadtgeschichte seit 1850

Friedrich Lenger (2:42)

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs sind es mehr als 20% der Bevölkerung, die in Großstädten leben. Also ein ganz zügiger Prozess vor dem Hintergrund auch, dass in derselben Zeit eben die Bevölkerung ganz stark anwächst, von vielleicht 40 Millionen auf circa 65 Millionen. Und auf diese so stark gewachsene Zahl dann ein so starker prozentualer Zuzug in die Großstädte, das ist schon sehr eindrucksvoll.

Georg Gruber (3:11)

Das 19 Jahrhundert ist ein Jahrhundert großer gesellschaftlicher Umbrüche, vorangetrieben durch die Industrialisierung. Sie verändert die Arbeitswelt und das Zusammenleben der Menschen von Grund auf. Und das Leben wird laut, durch den Lärm der Maschinen, das Rattern der Züge, die Enge in den Städten. Bergbau und wachsende Fabriken brauchen Arbeitskräfte in großer Zahl. Neue Ballungszentren entstehen an Verkehrsknotenpunkten und an Orten, wo sich Rohstoffe finden, wie im Ruhrgebiet. Auch Berlin, die Hauptstadt des Deutschen Reiches, wächst rasant auf über zwei Millionen im Jahr 1910

Welchen Charakter hatte München noch zu Beginn dieser Umbruchszeit, in der Mitte des 19 Jahrhunderts? Wie sah die Stadt damals aus?

München war höfische Residenzstadt und Kunst- und Kulturmetropole, geprägt auch durch viele Gebäude, die König Ludwig I erbauen ließ. Gleichzeitig ein Ort mit ländlichem Charme, durch die Nähe zum Umland und die Berge am Horizont. Fremdenverkehr ist schon damals ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Marita Kraus (4:21)

So dass eigentlich die Stadt München 1850 so eine Stadt war, die in eine neue Rolle hineingewachsen war und die nun eigentlich sich als Konkurrenz verstanden hat zu anderen großen Städten, auch in ihrer Schönheit, in ihrer Attraktion, aber eben noch nicht als Industriestadt.

Georg Gruber (4:39)

1854 überschreitet München mit 100 Einwohnern die Schwelle zur Großstadt durch die Eingemeindung von Dörfern und Vorstädten wie Auh, Heidhausen und Giesing. München ist schon damals die Stadt der Brauereien und als bayerische Hauptstadt auch eine Verwaltungs- und Dienstleistungsmetropole. Große Banken, Versicherungen und Verlage kommen hinzu.

Gleichzeitig wachsen Industriebetriebe wie die Lokomotivfabriken Mafay und Kraus, später fusioniert zu Kraus Mafay. Oder die Handschuhfabrik Röckel, die auch an die tausend Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt.

Marita Kraus (5:17)

München hatte immer das Problem, weniger Rohstoffe zu haben als Städte im Norden, gar im Industriegebiet, im Ruhrgebiet. Aber es wurde dann ja in diesen Jahren auch die Wasserkraft als neue weiße Energie entdeckt. Und da wuchs zum Beispiel am Sendlinger Oberfeld ein riesen Industriegebiet heran, was der Baulöwe Heilmann dann zusammen mit dem Bankier Willem von Fink aus dem Boden gestampft hat.

Also es kam schon immer mehr Industrie und damit immer mehr Arbeitsplätze und auch immer mehr Arbeit der Bevölkerung.

Georg Gruber (5:48)

Die Gründe für den Zuzug sind vielfältig. Armut, Hunger und fehlende Zukunftsperspektiven treiben die Menschen fort vom Land. Und die Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben, auf mehr persönliche Freiheit und weniger soziale Kontrolle, zieht sie in die Städte.

Nach München kommen nicht nur Menschen aus der näheren Umgebung, sondern auch aus entfernterem, wenig industrialisierten Regionen wie der Oberpfalz. Dienstmädchen, ungelernte Arbeiter und Handwerker. Die Städte, auch München, sind auf diesen Bevölkerungszuwachs nicht vorbereitet. Wo sollen die Menschen leben? In der Folge wird gebaut. In München allein rund 70 Wohnungen zwischen 1885 und 1910

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