Grün in der Großstadt – wie Natur unsere Psyche stärkt
Aha! Zehn Minuten Alltags-Wissen
September 3, 2025
Im zweiten Teil der Folge erklären wir, wie man eigentlich am besten schläft, wenn die Sommernächte so heiß sind, dass man kaum zur Ruhe kommt. Viele kennen ihn: den Stress der Stadt. Zu viele Menschen auf engem Raum – und trotzdem fehlt uns oft der echte Kontakt.
Speakers Christine van den Berg, Mazda Adli
TopicsScienceHealth & Fitness
Christine van den Berg (0:00)
Dieses Jahr war ich seit langer Zeit mal wieder in den Bergen im Urlaub, in einem kleinen Dorf in Österreich, weit weg von allem, was nach Großstadt aussieht. Eigentlich gab es dort gar nichts, außer einem winzigen Dorfladen, viele Kühe, viele Schafe und vor allem unglaublich viel Ruhe. Zwei Tage hat es gedauert, bis der Berliner Stadtstress so richtig von mir abgefallen ist. Und am dritten Tag habe ich es dann so richtig gespürt, wie beruhigend es ist, nur auf die Berge zu schauen, die Füße ins Gras zu stellen und in einen Bergsee zu springen. Dass Natur gut tut, das wissen wir ja intuitiv schon. Aber wie genau sie sich auf unsere Psyche auswirkt, das besprechen wir in dieser Folge von Aha! Außerdem klären wir, wie schläft man eigentlich am besten, wenn die Sommernächte so heiß sind, dass man kaum zur Ruhe kommt. Ich bin Christine van den Berg. Schön, dass ihr wieder mit dabei seid. Aha! Zehn Minuten Alltags-Wissen. Ein Podcast von WELT.
Gerade in der Stadt gibt es zwei Stressformen, die viele von uns kennen. Einmal den Dichtestress, also wenn einfach zu viele Menschen auf engem Raum sind, und den Isolationsstress. Also obwohl wir umgeben sind von Menschen, haben wir oft wenig miteinander zu tun. Doch Natur kann diesen Stress abfedern. Wie das funktioniert, das erklärt mir heute Professor Mazda Adli. Er ist Psychiater und Stressforscher an der Charité Berlin sowie Chefarzt der Fliedner Klinik. Schön, dass Sie da sind.
Mazda Adli (1:35)
Ja, ich freue mich auch.
Christine van den Berg (1:36)
Wir wollen ja heute darüber sprechen, wie sich die Natur auf unsere Psyche auswirkt. Sie haben ja untersucht, wie sehr die Stadt stresst und wie die Natur eben entspannen kann. Können Sie uns noch mal erzählen, wie Sie dabei vorgegangen sind, das herauszufinden, sozusagen?
Mazda Adli (1:52)
Also wir versuchen zu verstehen, wo unter welchen stadträumlichen Bedingungen Stress entsteht, aber auch andere Emotionen entstehen, die unser psychisches Wohl befinden und unsere psychische Gesundheit beeinflussen. Wir wissen zum Beispiel, dass das Risiko depressiv zu werden größer ist, wenn man in der Stadt zu Hause ist. Das Risiko schizophren zu werden sogar ist größer, wenn man in der Stadt zu Hause ist. Das Gleiche gilt auch für Angsterkrankungen. Das sind Erkrankungen, bei denen Stress eine gewisse Rolle spielt. Und wir folgen der Annahme, dass in der Stadt entstehender Stress, Stadtstress, Großstadtstress für dieses Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land, was psychisches Krankheitsrisiko angeht, verantwortlich ist. Und deswegen haben wir uns dran gemacht, so eine Art Stress-Stadtkarte zu entwickeln. Also eine Art emotionale Wetterkarte der Stadt. Das machen wir hier in Berlin. Dazu haben wir jetzt seit einigen Jahren eine große bürgerwissenschaftliche Studie ins Leben gerufen. Citizen Science nennt man diesen Ansatz, bei dem wir alle Berlinerinnen und Berliner einladen, ihre eigenen emotionalen Erfahrungen mit uns zu teilen über so eine Forschungs-App, während sie ihrem städtischen Leben nachgehen. Man macht dann eine Woche lang mit, wird dreimal am Tag über die App angepinkt, und soll dann eine emotionale Eingabe machen und sozusagen mit jedem Datenpunkt mehr, der über diese App eingegeben wird, setzt sich dann am Ende sowas wie eine Emotions-Stadtkarte zusammen. Und daraus versuchen wir, Rückschlüsse zu ziehen darauf, welche städtischen Einflüsse, welche Umwelteinflüsse, welche baulichen Einflüsse, strukturellen Merkmale der Stadt uns auf welche Weise im Gehirn und in der Psyche beeinflussen. Und das machen wir auch nicht alleine als Mediziner und Psychologen, sondern wir machen das gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus der Stadtplanung, aus der Architektur, aus der Geografie, der Biologie, der Philosophie und einigen anderen Forschungsdisziplinen, die sich alle irgendwie mit dem Thema Menschen in der Stadt beschäftigen. Und das Ganze, diesen ganzen interdisziplinären Ansatz, den nennen wir Neuro-Urbanistik.
Christine van den Berg (4:04)
Und was haben Sie jetzt herausgefunden darüber, wie sich jetzt Grün und Natur auf unser Stressempfinden auswirkt? Also vor allem für Menschen, die jetzt in der Stadt wohnen. Was können Sie uns dazu sagen?
Mazda Adli (4:18)
Also Grün und Natur spielen wirklich eine ganz entscheidende Rolle für unsere psychische Gesundheit. Wir ahnen das natürlich ja alle schon irgendwie. Jeder hat so die Erfahrung auf die eine oder andere Weise, dass der Aufenthalt im Grünen schön ist, dass es einem gut tut, dass man sich da irgendwie erholt.
Unsere Intuition zeigt schon in diese Richtung. Aber wir haben zum Beispiel vor ein paar Jahren eine Studie gemacht, gemeinsam mit dem Umweltbundesamt. Da haben wir gesunde Berliner Versuchspersonen im Scanner untersucht, also mit funktioneller Kernspintomographie und das Gehirn genauer angeschaut, während die Versuchsperson einen künstlichen Stresstest durchlaufen hat. Und was wir da sehen, ist, dass mit prozentualem Anteil von Grünfläche um die eigene Wohnadresse stressregulierende, also stressberuhigende Areale stärker aktiv sind, während so einer Stressaufgabe im Scanner. Und das Ganze ist sogar auch noch für Grünflächen der Fall, die anderthalb Kilometer und zum Teil noch weiter von der eigenen Adresse entfernt liegen. Also wenn man so ganz weiten Radius zieht um die Adresse unserer Versuchsperson, dann sehen wir immer noch einen Einfluss der Grünflächen auf das Gehirn. Und zwar ohne, dass die Versuchsperson das merkt. Alle unsere Versuchspersonen, alle die Kandidaten, haben diese Stressaufgabe ungefähr gleich stressig empfunden. Aber deren Gehirne haben total unterschiedlich auf den Stress reagiert. Und zwar je nachdem, wie viel Grünfläche vorhanden war. Und das finde ich schon einen sehr spannenden Hinweis darauf, dass Grün irgendwie unter die Haut kommt und sogar ins Gehirn. Dann gibt es natürlich eine ganze Reihe auch von Studien über die letzten Jahre, die andere Forschende gemacht haben. Die zeigen, dass Aufenthalt im Grünen zum Beispiel dazu führt, dass das Stresshormon Cortisol absinkt. Dass es sozusagen einen endstressenden Effekt hat. Wir sehen, dass Menschen, die in der Nähe einer Grünfläche leben, über die Jahre ein niedrigeres Depressionsrisiko haben. Es werden sogar weniger Psychopharmaka verordnet. Im Vergleich zu einer Lebenssituation weiter entfernt von Grün. Wenn jemand psychisch erkrankt ist, wir sehen geringere Suizidzahlen in der Nähe von Grünflächen. Und sehen sogar auch noch einen epigenetischen Effekt. Wenn eine schwangere Mutter, eine schwangere Frau in der Nähe einer Grünfläche lebt, dann macht sich das sogar auch noch in der genetischen Information beim Neugeborenen dann später bemerkbar. Also Grün beeinflusst wirklich nicht nur unsere unmittelbaren Gefühle in positiver Weise, sondern tatsächlich auch unsere ganze Biologie. Es gibt sogar auch Befunde mit Kernspintomografie, die zeigen, dass das Gehirn, dass es zum Beispiel mehr graue Substanz gibt bei Menschen, die mehr Grünkontakt in ihrem Leben hatten. Also Grün kommt auf vielfältige Weise unter die Haut.
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