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Geschichte der Erinnerungskultur

Terra X History - Der Podcast

October 8, 2026

Kann das weg? Oder muss das ins Museum? Eine Frage, die wir uns heute oft stellen. Und auch ein Blick in die Geschichte zeigt: die Menschen wollten zu allen Zeiten nachfolgende Generationen etwas hinterlassen: Ihre Geschichten, ihre Taten, ihr Wissen, ihre Traditionen.

Speakers Mirko Drotschmann, Manfred Wichmann, Hannah Monyer, Harriet Flower, Martin Sabrow, Torkel Wächter, Stefan Hördler

TopicsHistorySociety & Culture

Mirko Drotschmann (0:06)

Erinnert ihr euch noch an diesen Satz?

SPEAKER_2 (0:08)

Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das.

Mirko Drotschmann (0:11)

Das war Angela Merkel im Sommer 2015

Damals kamen hunderttausende Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak nach Deutschland. Ihr erinnert euch vermutlich. Aber was ist damit?

Manfred Wichmann (0:22)

Wie geht es Ihnen mit der Pistole damals?

SPEAKER_4 (0:24)

Eigentlich ziemlich gut.

Hannah Monyer (0:26)

Mir ist das alles ganz bewusst.

Mirko Drotschmann (0:28)

Das Geiseldrama von Gladbeck war 1988 tagelang das Medienereignis schlechthin in der Bundesrepublik. Da erinnert sich vermutlich nur noch die ältere Generation dran. Ich war damals erst zwei Jahre alt und habe von diesem Ereignis viel, viel später in einem wirklich tollen Fernsehfilm etwas erfahren. Dafür weiß ich noch ganz genau, wo ich an diesem Tag hier war.

Es passierte ohne jede Vorwarnung.

Manfred Wichmann (0:53)

Das World Trade Center in New York wird zum Ziel eines Terrorangriffs.

Mirko Drotschmann (0:57)

Der 11 September 2001 Sicher haben viele von euch auch persönliche Erinnerungen an diesen Tag. Aber woran liegt das? Bei länger zurückliegenden Ereignissen helfen oft Denkmäler oder Gedenktage bei der Erinnerung. Oder sogar Gedenkorte wie in Berlin, die Gedenkstätte Berliner Mauer, die an die Teilung der Stadt und deren Überwindung 1989 erinnert.

Aber es gibt auch Dinge, die wir nicht oder nur selten erinnern. Wer von euch weiß noch, was am 26 September 1980 passiert ist? Oder am 24 Juli 2010? Also wer erinnert sich noch an den rechtsextremen Terroranschlag auf dem Münchner Oktoberfest oder an das Unglück bei der Love Parade in Duisburg? Der spanische Philosoph Dors Santayana hat dazu 1905 geschrieben, Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

Ich bin Mirko Drotschmann. Ihr hört Terra X History, der Podcast. Und in dieser Folge geht es um Erinnerungskultur und ihre Geschichte. Wir fragen, an was erinnern wir uns? Und was vergessen wir als Individuen oder als Gesellschaft? Warum ist das vielleicht manchmal auch gar nicht so schlecht?

Der Wunsch, etwas für die Nachwelt festzuhalten und damit Erinnerungen zu schaffen, ist so alt wie die Menschheit selbst. Schon lange bevor es Schrift und Papier gegeben hat, haben Menschen vermutlich versucht, Erinnerungen jenseits von mündlichen Überlieferungen zu bewahren. Sie haben Pferde, Löwen oder Jagd-Szenen an Höhlenwände gemalt. Heute, Jahrtausende später, sind es Orte, die uns etwas über die Vergangenheit unserer Urahnen erzählen. Und kaum hatten die frühen Hochkulturen die Schrift erfunden, wurden die physischen Relikte immer zahlreicher. Die Menschen fingen an, Listen mit den Namen ihrer Könige zu führen, meistelten wichtige Ereignisse in Stein und sie legten Archive an.

Natürlich wurde aber längst nicht alles aufbewahrt. Für jeden Namen, der aus der Geschichte überliefert ist, sind Millionen verschwunden. Für jedes Denkmal, das uns heute an ein Ereignis aus der Geschichte erinnert, gibt es tausende Dinge, über die wir gar nichts mehr wissen. Das ist manchmal ein Zufall der Geschichte, manchmal aber auch gewollt. Wie zum Beispiel im antiken Rom.

SPEAKER_6 (3:30)

Rom im Jahr 211 Kaiser Septimius Severus ist tot. Noch kurz zuvor soll er seinen beiden Söhnen Caracalla und Geta einen Rat mit auf den Weg gegeben haben.

Mirko Drotschmann (3:41)

Bleibt einträchtig, bereichert die Soldaten und schert euch um all das andere den Teufel.

SPEAKER_6 (3:47)

Doch von Kindesbeinen an hasst Caracalla seinen viel beliebteren jüngeren Bruder Geta. Nun will er die Alleinherrschaft und schmiedet ein Mordkomplott gegen ihn. Offiziell will sich Caracalla mit seinem Bruder im Beisein der gemeinsamen Mutter aussprechen.

Vermutlich am 25 oder 26 Dezember 211 n. Chr. Dringen Caracallas Handlanger in die Räumlichkeiten der Mutter im kaiserlichen Palast auf dem Palatin ein. Ob Caracalla selbst mit dabei ist, ist bis heute umstritten.

SPEAKER_7 (4:19)

Mutter, die mich geboren hat, hilf mir! Ich werde ermordet!

SPEAKER_6 (4:24)

Kaiser Caracalla ordnet danach eine der größten Säuberungswellen in der Geschichte an. Das Andenken an Geta soll aus dem römischen Reich getilgt werden. Dafür werden Büsten seines Porträts der Kopf abgeschlagen, Münzen mit dem Konterfei des Toten Kaisers eingeschmolzen, Namen aus Inschriften herausgemeißelt, Denknäler gestürzt.

Getas Name wird aus Urkunden, Senatsprotokollen und Heereslisten gelöscht. Wer seinen Namen erwähnt oder um ihn trauert, wird hingerichtet. Der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio berichtet sogar von rund 20 Menschen, die Caracalla nach Getas Tod beseitigen ließ. Ob diese Zahl stimmt, lässt sich heute nicht überprüfen.

Mirko Drotschmann (5:06)

Allerdings muss man sagen, Caracalla war nur mäßig erfolgreich damit, das Andenken an seinen Bruder aus der Geschichte zu löschen. Denn der spätere Kaiser Elagabal rehabilitierte Geta und ließ dessen sterbliche Überreste feierlich in das Mausoleum Hadrians überführen, der heutigen Engelsburg, wo seit dem zweiten Jahrhundert römische Kaiser bestattet wurden. Dort ist Geta jetzt begraben. Die Ironie der Geschichte ist, neben seinem Mörder Caracalla. So zumindest die antike Überlieferung. Interessant ist, dass in der römischen Antike beide Formen der Gedächtniskultur gepflegt wurden. Also das bewusste Erinnern und das bewusste Vergessen. Dazu forscht Harriet Flower von der Universität in Princeton.

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