Funktionierst Du noch, oder lebst Du schon?
Sternstunde Philosophie
September 5, 2026
Menschen handeln zunehmend nach Vorgaben von Regeln, Algorithmen und Systemen, statt situationsbezogen selbst zu entscheiden. Dadurch schrumpfen Handlungsspielräume, Urteilskraft und Selbstwirksamkeit. Der Soziologe Hartmut Rosa fragt, wie wir in einer durchregulierten Welt handlungsfähig bleiben.
Speakers Olivia Röllin, Hartmut Rosa, Hans-Rudolf Merz
TopicsPhilosophySociety & Culture
Olivia Röllin (0:01)
SRF Audio.
Hartmut Rosa (0:12)
Unser Leben ist immer mehr reglementiert, auch formalisiert und sogar automatisiert auch und gerade im Alltag, sodass wir dabei sind, das Leben nicht mehr wirklich zu leben, sondern eher zu vollziehen und darüber müssen wir dringend reden und deshalb bin ich heute zu Gast in der Sternstunde Philosophie.
Olivia Röllin (0:28)
Ganz richtig, das war gerade Hartmut Rosa, Soziologe. Mein Name ist Olivia Röllin. Ich freue mich, sind Sie hier, Herr Rosa? Und ich frage mich, fühlen Sie sich gleich etwas lebendiger, nachdem wir dieses Reglementarium der Anmoderation durchbrochen haben?
Hartmut Rosa (0:42)
Ja, ja nicht unbedingt, weil ich mit diesem Reglementarium ja nicht sonderlich viel zu tun habe, sodass es für mich auch eine Erleichterung ist, manchmal sind Regeln ja auch eine Erleichterung und folgt einem Protokoll. Aber Regeln sind dann eine Erleichterung, wenn sie mir ermöglichen, dann zum Wesentlichen zu kommen und das so zu tun, wie es mir richtig scheint.
Olivia Röllin (1:02)
Ich habe mir eben gedacht, es könnte ja auch sein, dass Sie jetzt viel nervöser sind und Sie froh gewesen wären, hätte ich die Anmoderation für Sie gemacht.
Hartmut Rosa (1:08)
In gewisser Weise wäre das auch so gewesen. Ja, tatsächlich. Wenn man sich natürlich auf Terrain gebietet, das ist übrigens ganz wichtig auch für den Inhalt des Gesprächs oder des Buches, dass wenn ich mich auf Terrain begebe, bei dem ich mich nicht gut auskenne, dann helfen mir natürlich Regeln und Protokolle und Vorgaben, insbesondere um einen guten Output, ein gutes Ergebnis zu produzieren.
Olivia Röllin (1:30)
Und wo helfen Regeln eben genau nicht? Das werden wir heute auch besprechen. Mich würde jetzt zuerst mal interessieren, weshalb macht es eigentlich lebendiger, wenn man manchmal auch Regelbrüche begeht?
Hartmut Rosa (1:43)
Das ist tatsächlich eine Frage, die mich stark beschäftigt hat oder immer noch beschäftigt. Wann fühlen wir uns lebendig? Und ich glaube, wir fühlen uns dann lebendig, wenn wir Handelnde sind, wenn wir auf eine Situation, auch auf eine Herausforderung antworten mit allem, was wir haben und sind.
Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass wir schon in einer Situation stehen. Also ich komme in eine Lage hinein und finde, jetzt müsste ich was tun, jetzt müsste ich darauf reagieren. Denn Anmoderation sozusagen ist natürlich eine, wo noch gar keine Situation existiert. Deshalb ist das da ein bisschen schwieriger.
Olivia Röllin (2:12)
Sie haben jetzt schon einen Begriff genommen, den Sie selber auch noch definieren. Und in Rückgriff auf den Philosophen Hermann Schmitz. Situationen stellen Sie der Konstellation gegenüber, das werden wir heute bestimmt noch besser kennenlernen. Mich würde erst mal interessieren, wann fühlt sich eigentlich Hartmut Rosa lebendig?
Hartmut Rosa (2:30)
Also ich glaube, das ist wirklich so. Wenn ich nicht das Gefühl habe, ich fülle einfach ein Formular aus oder schreibe einen Antrag oder arbeite etwas ab. Also überall da, wo ich vollziehe, fühle ich mich irgendwie tot oder sogar entfremdet. Sehr häufig habe ich das Gefühl, das bin ich wirklich ich. Und das ist auch nicht adäquat auf die Situation. Also lebendig fühle ich mich überall da, wo ich denke, jetzt habe ich Handlungsspielraum. Jetzt kann ich reagieren. Und natürlich, es geht mir nicht in erster Linie darum, Regeln zu brechen. Es geht mir überhaupt nicht darum, Regeln zu brechen. Es geht mir aber darauf, eigentlich mit meiner ganzen Existenz eine Antwort zu finden auf etwas, was gerade der Fall ist.
Ich komme gerade von der Deutschen Schülerakademie. Das mache ich eigentlich jeden Sommer, zweieinhalb Wochen für 100 Jugendliche.
Olivia Röllin (3:14)
Deshalb sind Sie heute ein bisschen angeschlagen müde.
Hartmut Rosa (3:16)
Ich bin ein bisschen müde noch davon, genau. Aber da stehst du eigentlich jeden Morgen im Prinzip vor einer neuen Situation. Was ist gerade angesagt? Sind die Leute müde? Oder wollen sie mal ein Geländespiel machen? Oder brauchen wir neue Inhalte oder so? Und dann darauf reagieren zu können. Da fühlt man sich lebendig. Wenn ich hingegen irgendwelche, was weiß ich, Aktenberge sind, der Inbegriff des Unlebendigen, mit dem viele es zu tun haben.
Olivia Röllin (3:37)
Gibt es eine konkrete Situation, in der Sie zuletzt gedacht haben, jetzt fühle ich mich ohnmächtig, eben nicht lebendig?
Hartmut Rosa (3:45)
Eigentlich überall dort, wo wir es mit bürokratischen Dingen zu tun haben, wo man das Gefühl hat, eigentlich wüsste ich, was jetzt zu tun wäre, aber ich kann gerade nicht. Also immer wenn man vor...
Na ja, also eine gute Situation, bleiben wir bei dem Beispiel Schülerakademien hier, da braucht man eigentlich eine Turnhalle. Weil die halt einfach, wenn sie den ganzen Tag intellektuelle Arbeit machen oder auch musische, dann sich auch mal bewegen wollen, gerade abends. Und auf dem Gelände, wo wir waren, ist eine sehr schöne Turnhalle, die steht genau da drauf. Und diese Turnhalle stand leer, die war sogar beleuchtet, weil mit der Beleuchtung was nicht funktioniert hatte und wir hätten da einfach reingekonnt. Die Hausmeister hatten die Schlüssel. Aber die Bürokratie hat gesagt, die dürfte nicht benutzen, im Sommer muss die tot sein hier. Und eigentlich alle wollten, aber wir konnten nicht aufgrund irgendeiner bürokratischen Vorgaben und das ist dann so eine Situation, wo ich das Gefühl habe, da hab ich nicht nur das Gefühl, da bin ich natürlich komplett ohnmächtig und es ist der Situation einfach nicht angemessen. Es hat niemand etwas davon, es ist einfach ein Regularium, das tot ist.
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