Fleischfressende Pflanzen – Wie sie jagen, schnappen und verdauen
Das Wissen | SWR
October 11, 2026
Pflanzen, die Tiere "fressen", scheinen die natürliche Ordnung auf den Kopf zu stellen. Wie "jagen" sie ihre Beute? Und wie konnten sie sich in der Evolution entwickeln?
Speakers Julia Nestlen, Simon Poppinga
TopicsScience
Julia Nestlen (0:02)
ARD Sounds– Das Wissen Tiere fressen Pflanzen Pflanzen betreiben Photosynthese, ernähren sich sozusagen also von Sonnenlicht.
So scheint die Ordnung der Natur. Doch fleischfressende Pflanzen halten sich nicht daran. Sie fangen Tiere, verdauen sie und gewinnen daraus Nährstoffe. Für den schwedischen Naturforscher Carl von Linné, der die Natur im 18 Jahrhundert in klare Kategorien ordnen wollte, waren solche Pflanzen ein Störfall. Sie verhielten sich in mancher Hinsicht wie Tiere und passten nicht recht in sein Bild einer geordneten Natur. Und bis heute geben sie auch Rätsel auf. Wie kann eine Pflanze genau jagen? Und warum hat sich diese Lebensweise überhaupt entwickelt? Mein Name ist Julia Nestlen und darüber spreche ich mit dem Biologen Simon Popinga. Hallo.
Sie erforschen ja seit vielen Jahren fleischfressende Pflanzen. Welche Art würden Sie denn jemandem zeigen, der überzeugt ist, Pflanzen seien passive Lebewesen?
Simon Poppinga (0:58)
Das ist ja so eine landläufige Meinung. Oder wenn man mal so rausguckt und sich die Pflanzenwelt anguckt, ich sehe da durchs Fenster vom SWR-Gebäude hier so ein paar Bäume stehen, der bewegt sich ja nicht viel.
Dass das ganz anders ist, haben wir tatsächlich auch Forschung an fleischfressenden Pflanzen zu verdanken, dass wir das heutzutage wissen, dass Pflanzen also mannigfaltige Bewegungen vorführen können, dass die auf Reize reagieren können und auch quasi fast wie ein Mensch Entscheidungen treffen können. Das verdanken wir der Forschung an fleischfressenden Pflanzen. Und vielleicht so die sinnbildlichste, ikonischste Art daraus, die ich jemandem zeigen würde, wie sie es gerade gesagt haben, wäre wahrscheinlich die Venusfliegenfalle.
Nordamerikanische Herkunft, Blätter mit Schnappfallen. Wenn man da die Finger reinhält oder ein unvorsichtiges Insekt dort reinkriecht, dann schnappt das halt zu. Ist doch der absolute Wahnsinn, dass eine Pflanze sowas machen kann. Auch noch so schnell. Und das ist halt, wie auch schon gesagt wurde in der Literatur, ein Wunder der Natur. Lässt sich aber erläutern und erklären.
Julia Nestlen (1:55)
Und das machen wir jetzt auch. Pflanzen, die können ja Fotosynthese betreiben, wir haben es schon gesagt. Warum haben denn manche Arten dann angefangen, Tiere zu fangen?
Simon Poppinga (2:04)
Ja, also könnte ich das ja vorstellen. Fotosynthese ist ja im Endeffekt der Energielieferant, der will einen Zucker hergestellt.
Was die Pflanze auch noch braucht, sind Nährstoffe, um Substanz aufzubauen. Und wenn sie auf einem Boden wachsen als Pflanze, wo wenig Nährstoffe drin sind, z.B. Sandböden, Moore, dann sind sie entweder ein Spezialist, ein Hungerkünstler, der mit wenig auskommt, oder sie fangen sich die Nährstoffe quasi aus der Tierwelt. Und das ist tatsächlich so, dass Pflanzen, die fleischfressen sind, in der Regel auf nährstoffarmen Böden wachsen, um dort einen Konkurrenzvorteil zu haben, durch den Beutefang.
Julia Nestlen (2:38)
Haben sich fleischfressende Pflanzen dann nur in bestimmten Regionen der Welt entwickelt oder gibt es sie eigentlich überall? In nährstoffarme Böden gibt es ja überall.
Simon Poppinga (2:44)
Nährstoffarme Böden gibt es überall, das stimmt. Wo wir fleischfressende Pflanzen nicht finden, sind die Meere und vor allem Wüstenregionen.
Fleischfressende Pflanzen besiedeln vornehmlich sehr sonnige und sehr nasse Böden und Habitate. Das hat physiologische Gründe, aber wenn sie in nährstoffarmen, nassen Boden, ein nasses Habitat vorfinden, können sie eigentlich weltweit fast sicher sein, dass irgendwo eine fleischfressende Pflanze da mit drin ist.
Julia Nestlen (3:09)
Und die fängt jetzt zum Beispiel eine Fliege, ein Wasserfloh, was auch immer eben da auch lebt. Was genau kann sich die Pflanze aus der Hose? Sind das wirklich genau dieselben Nährstoffe, die sonst auch im Boden wären?
Simon Poppinga (3:19)
Das ist vor allem Stickstoff, Phosphor und so ein paar wichtige Elemente, die da noch mit da reingehören. Und das sind genau die Sachen, die die Pflanze braucht. Man muss dazu sagen, Fleischfresserei ist nicht als obligat bekannt, also dass die Pflanze das braucht, um zu überleben. Die machen das alles als Zusatz. Dadurch werden die fitter, widerstandsfähiger, flühenreicher Fruchten besser.
Ist es von keiner einzigen Fleischfressenpflanze bekannt, dass sie obligat Carnivore ist, also zum Überleben die Beute auch wirklich braucht.
Julia Nestlen (3:49)
Also ganz nährstoffarm darf der Bund ja doch nicht sein.
Simon Poppinga (3:53)
Ja, sozusagen.
Julia Nestlen (3:55)
Was wissen wir denn heute darüber, warum sich die Form der Jagd überhaupt evolutionär durchgesetzt hat? Und wo beginnt dann auch das große Rätsel? Was weiß man was nicht?
Simon Poppinga (4:03)
Ja, also wie man sich das heute vorstellt, ist, dass die Carnivorie sich von Abwehrmechanismen ableitet. Also dass die Natur und die Evolution sozusagen auf bereits vorhandenen Prozessen Strukturen und Mechanismen aufgebaut und diese quasi umfunktioniert hat. Die Pflanzen haben also nicht das Jagen neu erlernt als Innovation, sondern die haben im Endeffekt gelernt ihre Feinde zu fressen.
Pflanzen stehen ja immer unter Fraßdruck. Da sind irgendwelche Blattläuse, die an ihnen rumsaugen, Raupen, die an ihnen fressen und Pflanzen können das detektieren, Reize losschicken, Hormon-Botschaften senden, Abwehrmechanismen in Gang setzen, Enzyme ausschütten zum Beispiel und andere Sachen, die dann diese Fraßfeinde quasi abwehrt. Und aus diesem Set an Möglichkeiten und auf Nährstoff am Böden, wo halt eben Nährstoffmangel herrscht, hat sich dann im Laufe der Evolutionen diese Kaskade an Prozessen und Strukturen und Mechanismen dahingehend gewandelt, dass die Pflanzen jetzt quasi Tiere anlocken, töten, verdauen und die Nährstoffe aufnehmen können. Und das ist sozusagen der Stand des Wissens aktuell.
24 more minutes of transcript below
Thousands of transcripts fetched by people building searchable podcast archives
Fetch the whole transcript
The demo key returns a sample episode in full, no card needed:
curl -H "x-api-key: pt_demo" \
https://spoken.md/transcripts/1000651996090Markdown with the speakers named, for your notes, your knowledge base, or anything that makes HTTP calls.
From $0.10 per transcript. No subscription. Credits never expire. Prices exclude VAT, added at checkout for EU customers. Not what you expected? Email us within 14 days with 20 or fewer credits used and we refund the pack in full.
Using your own key:
curl -H "x-api-key: YOUR_KEY" \
https://spoken.md/transcripts/1000794665433