Erdgas aus Deutschland – Umstrittene Bohrprojekte und die Suche nach Alternativen
Das Wissen | SWR
September 29, 2026
Deutschland deckt nur noch fünf Prozent des Erdgasbedarfs aus eigener Förderung. Doch jetzt hat Niedersachsen mehrere neue Bohrprojekte genehmigt – und verstößt damit womöglich gegen das Ziel der Klimaneutralität.
Speakers Annette Beutler, Jürgen Ackermann, Eike Bruns, Ludwig Möhring, Katharina Reiche, Andreas Löschel, Olaf von Lehmden, Harry Schindler
TopicsScience
SPEAKER_1 (0:02)
ARD Sounds, Das Wissen.
Annette Beutler (0:07)
Borkum, die westlichste der deutschen Inseln in der Nordsee.
Sie gehört zum Weltnaturerbewattenmeer, ist streng geschützter Lebensraum für Millionen Vögel, Robben, Meeresgetier und Urlaubsziel. Jürgen Ackermann ist der Bürgermeister.
Jürgen Ackermann (0:24)
Wir stehen jetzt hier auf unserem Hauptstrand, am Weststrand. Hier vorne sehen Sie die DLRG-Bude fürs bewachte Baden. Dann sehen Sie über die Sandbank hinweg am Horizont dieses mächtige Bauwerk, die Bohrplattform.
Annette Beutler (0:35)
Die Bohrplattform. Weit draußen ist sie leicht verschwommen zu erkennen. Seit Anfang 2026 bohrt dort, knapp hinter der Landesgrenze, der niederländische Konzern One Diaz nach Gas, wenige Kilometer entfernt vom Nationalpark Wattenmeer.
Das Besondere, einige Bohrungen führen schräg unter den deutschen Meeresboden. Das Gas wird nach Deutschland geliefert.
Annette Beutler (1:02)
Erdgas aus Deutschland, umstrittene Bohrprojekte und die Suche nach Alternativen. Von Annette Beutler.
Annette Beutler (1:10)
Deutschland zählt weltweit zu den zehn größten Gasverbrauchern, trotz Energiewende. Mehr als die Hälfte aller Wohnungen werden mit Erdgas beheizt. Auch die Industrie ist für viele Prozesse auf Gas angewiesen. Dabei ist Deutschland fast vollständig von Importen abhängig. Die heimische Förderung deckt nur noch 5 Prozent des Bedarfs.
Das will die schwarz-rote Regierungskoalition ändern. Das Land Niedersachsen hat neue Such- und Bohrprojekte genehmigt. Eines davon vor Borkum. Wie passt das zum Ziel der Klimaneutralität bis 2045?
Die Deutsche Umwelthilfe hat gegen das Projekt geklagt. Und auch die Stadt Borkum. Im roten Backstein-Rathaus erklärt Bürgermeister Ackermann, warum.
Jürgen Ackermann (2:00)
Die Natur ist unser Kapital für den Tourismus, die gesunde Luft, für das Heilbad. Wir befürchten, dass einmal A, die Nordsee irgendwann die Verschmutzung nicht mehr erträgt, die ihr zugemutet werden, weil die Gasfördertechnik ist eine sehr schmutzige Technik.
Annette Beutler (2:14)
Bei der Gasförderung fällt sogenanntes Produktionswasser an. Darin sammeln sich Schadstoffe. Viele davon natürlichen Ursprungs, beispielsweise Quecksilber.
Auf der Bohrplattform wird das Wasser nach strengen Umweltauflagen gereinigt, um die Schadstoffe weitestgehend zu entfernen. Danach wird es wieder ins Meer eingeleitet.
Jürgen Ackermann (2:33)
Unser Kritikpunkt war immer, dass die Projekte immer nur für sich betrachtet werden und keiner eine kumulierte Betrachtung von den Schadstoffeinträgen. Weil wir hatten schon in der Vergangenheit erhöhte Schadstoffwerte in Muscheln und in Vogel-Eiern. Und wir haben einfach Sorge, irgendwann ist es zu viel für die Nordsee.
Annette Beutler (2:48)
Und Ackermann befürchtet noch etwas anderes.
Jürgen Ackermann (2:50)
Das ist die Gefahr von Havarien, dass also große Schiffe in diese Plattform hineinfahren. Da kann das Schiff Schadstoffe verlieren, die Leitungen können abgerissen werden. Das ist unsere größte Sorge, weil die Plattform liegt in der Hauptströmungsrichtung, also in den Strömungsrichtungen, die die meiste Zeit des Jahres über vorherrschen. Und da wird auch zugegeben, dass diese Gefahr also in Richtung 10 Prozent ist.
Bei den vielen Schiffsbewegungen ist es alles andere als unwahrscheinlich.
Annette Beutler (3:16)
Auch die Gefahr von Erdbeben und mögliche Auswirkungen auf das Trinkwasser führte Borkum vor Gericht gegen die Gasförderung an.
Doch die Klage wurde abgewiesen. Auch die der Deutschen Umwelthilfe. Begründung, alle Auflagen für die Fördergenehmigung seien eingehalten worden. Die zu erwartenden Beeinträchtigungen seien nicht erheblich genug.
Jürgen Ackermann (3:37)
In Deutschland haben wir mit unserer Klage gegen die sogenannten Richtbohrung auf deutsches Staatsgebiet verloren.
Aber die Hauptgenehmigung für die Plattform steht hier auch auf niederländischem Hoheitsgebiet. Da steht die Revisionsverhandlung noch aus. Und da machen wir natürlich weiter.
Annette Beutler (3:52)
Unabhängig davon will der Betreiber OneDears die Förderung deutlich erhöhen. Er plant die Fördermenge noch 2026 auf 2 Milliarden Kubikmeter pro Jahr auszuweiten. Das entspricht etwa 2,5 Prozent des deutschen Gasbedarfs. Das ist ganz im Sinne der Bundesregierung. Sie will, dass mehr heimisches Erdgas gefördert wird. Denn seit dem Angriff auf die gesamte Ukraine Anfang 2022, als die russischen Gaslieferungen stoppten und seit 2026 die Straße von Hormus blockiert wurde, spürt sie die Importabhängigkeit schmerzhaft. Die explodierenden Gaspreise kosteten die Volkswirtschaft jeweils ein halbes bis ein Prozent Wirtschaftswachstum. Doch hat Deutschland überhaupt genügend Gasreserven, um die Energieabhängigkeit zu senken?
Ein Besuch in Hannover, der Hauptstadt der deutschen Öl- und Gasförderung.
Hier haben Konzerne wie ExxonMobil, Vermilion oder Harbor Energy ihren Sitz. Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie residiert in einem etwas in die Jahre gekommenen kastigen Hochhaus, ein Stück außerhalb des Zentrums. Es erteilt die Genehmigungen für die Bohrprojekte.
Eike Bruns (5:15)
Wenn wir uns mal die Gasfördermengen anschauen, die liegen so momentan ungefähr bei knapp 4,5 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2025, die deutschlandweit gefördert wurden.
Davon, kann man sagen, kommen so ungefähr 98 Prozent aus Niedersachsen. Der Rest verteilt sich mit sehr kleinen Prozentszahlen auf Sachsen-Anhalt, Bayern und Thüringen.
Annette Beutler (5:41)
Erklärt Eike Bruns, der Pressesprecher des Landesamts.
Eike Bruns (5:45)
Das hat so angefangen 1961, 62 mit wirklich nennenswerten Zahlen an Erdgas, die in Deutschland gefördert wurden. Und dann ist das relativ schnell steil bergauf gegangen, so in die Richtung 20 Milliarden Kubikmeter bis eben zum Höhepunkt in den 90er Jahren. Und seitdem haben wir eben eine Bewegung, die dann stetig bergab geht.
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